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Die bunte Kuh

Plaudereien über ein wider Erwarten erfolgreiches Lied

 

Thema

Erinnern Sie sich? Nein – das wäre auch wirklich zuviel verlangt! Vor zweieinhalb Jahren haben die Cäcilini eine Vertonung des gotischen Vater Unser im Hochamt uraufgeführt. Trotz der behutsamen Ankündigung des Zelebranten gab es natürlich die eine oder andere Irritation. Das ist aber verständlich. Schließlich haben wir nichts in einer der beiden Sprachen gesungen, die man bei einem liturgischen Auftritt Jugendlicher erwartet und kommentarlos mitzuverfolgen versucht. Sprich: Es war weder Englisch noch Swahili. Sondern gotisch. Es war der Text des Atta unsar aus der 1650 Jahre alten Bibelübersetzung des Bischof Wulfila.

Der Zelebrant selber betete, nachdem wir geendet hatten, ganz gegen seine Gewohnheit den Embolismus. Offenbar war er sich nicht sicher, ob wir die Doxologie auch wirklich mitgesungen hatten. Haben wir aber. Wie nachzulesen ist. Denn ich habe aus Gereons Livemitschnitt für den YouTube-Kanal der Cäcilini einen kleinen Film gemacht, in dem ich den Text zur Musik mitliefere, und zwar zweisprachig (gotisch/ neuhochdeutsch; nicht englisch/ swahili). In den instrumentalen Zwischenspielen ist die Seite aus dem „Codex Argenteus“ zu sehen (also aus der aufgrund ihrer Tinte die „Silberne“ genannte, berühmteste Abschrift der Ulfilas-Bibel), auf der Mt 6, 9-13 und damit das Vater Unser geschrieben steht.

Das Atta unsar aus dem Codex Argenteus als schwarz/weiß Kopie (Quelle: Ökumenisches Heiligenlexikon)

Man erkennt hier nochmal sehr schön die scriptio continua, die Aneinanderreihung der einzelnen Worte ohne Trennung, von der ich im Ankündigungsbeitrag Ende August 2018 geschrieben habe. Und man sieht, wie griechische Buchstaben zum Teil mitsamt Lautwert übernommen, zum Teil mit einem anderen Laut belegt worden sind: Unser Text beginnt oben links mit „weihnai namo thein.“ – „geheiligt werde dein Name“. Was aussieht wie ein griechisches Psi – ψ – ist hier (entgegen heute gedruckter Ausgaben) der „thorn“, der stimmlose Reibelaut mit der Zunge zwischen den Zähnen.

 

Durchführung

Und da war nun unsere ‚bunte Kuh‘ unter den Liedern des Cäcilini-Channel in der Welt – ‚bunte Kuh‘, weil es weder von einer Heiligenvita oder der Genese eines Kirchenfestes handelt, noch ein Stück aus einem Sing- oder Krippenspiel ist. Sondern schlicht das Vater Unser, und noch dazu in gotischer Sprache. Ich war gespannt, was aus meinem Schützling werden würde.

Schnell zeigte sich, daß dieses Lied eine ganz andere Hörerschaft erreichte als meine übrigen Stücke; eine internationale Hörerschaft nämlich; und definitiv mehr Menschen, die selber über einen Kanal verfügen und so (für die Verhältnisse des Cäcilini-Channel) überdurchschnittlich viele ‚Likes‘ unter das Lied malten; und die kommentierten, was sie gerade gehört hatten. Und wir sahen, daß es doch einige waren.

Den Anfang machte der „Ancient Literature Dude“, dessen gelesenes Atta unsar wir in unsere Ankündigung eingebettet hatten. Er kommentierte gefühlt am ersten Tag der Veröffentlichung mit den freundlichen Worten: „Beautiful! I love that Gothic is getting its due with gorgeous arrangements like this.” 🙂 Und so oft ich den Kanal öffnete, waren einige Aufrufe des Atta unsar hinzugekommen. Zeitweilig trauten wir unseren Augen nicht, wie gut das Lied völlig wider Erwarten lief. Es tröpfelte, aber es tröpfelte und tröpfelt nach wie vor stetig, so daß nach und nach der erste Hunderter, dann ein Tausender nach dem andern an Aufrufen voll lief. Unlängst war es der sechste.

Anzahl der Aufrufe des „Atta unsar“ auf dem YouTube Kanal der Cäcilini (Screenshot am 10. März 2021)

Wer nur Musikvideos erfolgreicher Pop-Ikonen konsumiert (Beispiel: „Hello“ auf dem offiziellen Kanal von Adele – 1,8 Milliarden Aufrufe und eine Abonnentenzahl, die nur angepaßt wird, wenn die nächsten 100.000 zusammengekommen sind), wird weniger gut verstehen, warum ich das erzähle als jemand, der selber als nobody und auf eigene Faust Content produziert. Eine vierstellige Anzahl von Aufrufen erreichen nämlich überhaupt nur 9% aller Filme auf YouTube – so ließ zumindest vor der diesbezüglich allerdings u.U. auswirkungsreichen Pandemie-Situation das Computermagazin c’t verlauten. Daß der Kanal der Cäcilini durch das Salve Regina, Mariä Heimsuchung, Erntedank, den Schnatterkanon und eben das Atta unsar mit mittlerweile fünf Filmen diese erste magische Grenze überschritten hat, erfüllt mich darum schon mit ein bißchen Stolz. Schließlich ist es nicht einmal ein Pfarrei-Account, sondern ausschließlich meine Privatinitiative. Kein Geld, keine Leute, nicht fünf Kameras und vier Mikrofone … Mehr als tausend Aufrufe bei einem Lied sind einfach nicht schlecht für einen Kanal, der zunächst von der eigenen Institution boykottiert wurde und nach wie vor alles andere als beworben wird. – Egal! Wir machen einfach weiter.

Lange war übrigens das Erntedanklied der Spitzenreiter mit seinen zweieinhalbtausend Aufrufen. Doch letztlich ist es ausgerechnet und schon lange mit Abstand ein Text, von dem ich nie gedacht hätte, daß ihn so viele Menschen auf YouTube suchen würden. Ich denke übrigens, es sind nicht die mit der Frakturschrift. Die suchen ja eher nach Odin und Thor. Es sind Menschen, die sich für ältere Sprachstufen des Deutschen interessieren.
(Anm. der Redaktion: Sicher die besonders. Aber es scheint doch sehr so zu sein, daß es weltweit Liebhaber des Gotischen gibt, ulkig, aber schön!)

Ulfila erklärt den Goten das Evangelium, wie man es sich im 19. Jh. vorstellte (Bild: Wikicommons, gemeinfrei)

 

Reprise

Und die sind ja auch wirklich interessant, diese älteren Sprachstufen! Wer sich schon einmal gefragt hat, warum das Italienische unser Land zwar „Germania“, uns und unsere Sprache aber „tedesco“ nennt, wird schon im Gotischen fündig (daß die Goten in Ravenna saßen, hatte ich im August 2018 ja schon geschrieben): „thiudisko“ ist ein Adverb und bedeutet „heidnisch“, zu finden im Galaterbrief 2, 14, in dem Wulfila übersetzt: „jabai thu Iudaius visands thiudisko libais jah ni iudaivisko, hvaiva thiudos baideis iudaiviskon?“ Die Einheitsübersetzung hat entsprechend: „Wenn du als Jude nach Art der Heiden und nicht nach Art der Juden lebst, wie kannst du dann die Heiden zwingen, wie Juden zu leben?“

„Heidnisch“ kann dann häufig auch einfach „zum Volk gehörig“ bedeuten. Im „thiudinassus“ und „thiudangardi“ (im vorliegenden Fall jeweils zu übersetzen mit „(König)Reich“) des Atta unsar ist das Wort „thiuda“ – Volk – ja ebenfalls erkennbar. Und so wurde die „theodisca lingua“ schlicht in der Bedeutung „Volkssprache“ noch im frühen Mittelalter auf das Westgermanisch-Fränkische in Abgrenzung zum sich herausbildenden Altfranzösischen einerseits, zum Latein der Klöster andererseits bezogen. Die „deutsche“ Sprache war geboren.

Ulfila übersetzt die Bibel (Bild: Wikicommons, gemeinfrei)

 

Coda

Zur ‚objektiven‘ Motivation, das gotische Vater Unser zu vertonen, habe ich im Ankündigungstext der Messe Ende August 2018 bereits etwas geschrieben. Aber es gibt zusätzlich eine persönliche Geschichte im Hintergrund. Ich habe das Atta unsar nämlich schon als Kind kennengelernt, von meinem Vater, also am Eßtisch und so. Mein Vater wiederum hatte es von einem sehr sehr alten Deutschlehrer – sprich: einem von denen, die 1945 halt noch am Leben weil zu alt für den Kriegsdienst gewesen waren und die man für den Schuldienst wieder aus dem Ruhestand zurück holte. Sagen wir Jahrgang 1870/75. Der hatte in seiner Ausbildung die alten Sprachstufen vermutlich noch ganz anders studieren müssen/ können/ dürfen, stand doch am Anfang der im 19. Jahrhundert entstandenen Disziplin der Germanistik nicht die Literaturinterpretation, sondern die Geschichte der deutschen Sprache. Wie auch immer: Der alte Herr hat den Jungs das Atta unsar beigebracht – gesprochen wie geschrieben, also nicht in der heute rekonstruierten Aussprache, wie wir sie vom Ancient Literature Dude kennen. Aber egal! Und da meinem Vater als eingefleischtem Lutheraner zwar der liebe Gott letztlich herzlich gleichgültig war, ihn aber die Gesetzmäßigkeiten sprachlicher Verwandtschaften und Entwicklungen intellektuell reizten, zitierte er gern die ersten Verse des Atta unsar. So hat er mein Interesse an den alten Sprachstufen im allgemeinen, am Gotischen im besonderen und konkret an diesem 1650 Jahre alten Text geweckt.

 

Cornelie Becker-Lamers

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