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Maria von Nazareth

Daß Maria aus Nazareth stammt und folglich dort auch die Verkündigung stattgefunden hat, wissen alle, die sich schon einmal mit dem Phänomen der Santa Casa in Loreto auseinandergesetzt haben – mit jenem Haus an der italienischen Adria also, das nach seinem Engelstransport im 13. Jahrhundert einen freien Platz vor der Verkündigungsgrotte in Nazareth hinterlassen hat. Gereon hat hier auf PuLa vor genau vier Jahren darüber geschrieben und die entsprechenden Links und Literaturhinweise (Hesemann) dort bereits gegeben.

Aus den Evangelientexten allein wird der ursprüngliche Wohnort Mariens gar nicht so übereinstimmend deutlich. Sicher: Es widerspricht auch keiner der Texte – aber ausdrücklich nennen tut ihn nur Lukas. Dabei fällt auf, daß die Frage der Herkunft Mariens ganz eng mit der Erzählung von Jesu Darstellung im Tempel verknüpft ist. Das Matthäusevangelium gibt mit seinem Bericht von der Flucht nach Ägypten geradezu eine Alternativerzählung hierzu ab.

Ich stelle immer wieder fest, daß dies den wenigsten meiner Gesprächspartner, wenn denn einmal die Sprache darauf kommt, präsent ist. Deshalb möchte ich es heute einmal in Erinnerung rufen.

Bekanntlich schildern nur zwei der vier Evangelisten Vorgänge rund um die Geburt Jesu: Matthäus und Lukas. Die beiden andern beginnen ihren Bericht mit dem Wirken zunächst Johannes des Täufers und dann bald Christi. Matthäus und Lukas scheinen dabei aus zwei konträren Blickwinkeln zu schildern.

Beginnen wir mit Matthäus. Hier ist auffällig, daß der Bericht sich ganz auf übersinnliche Botschaften stützt, die im Verlauf der Handlung an träumende Männer ergehen: Josef träumt, daß das Kind, das Maria erwartet, vom Heiligen Geist ist und er daher weiterhin zu ihr halten soll (Mt 1,20). Dieser Traum setzt – folgt man Josef Ratzingers Jesus-Trilogie – die rechtlichen Rahmenbedingungen für das Leben Jesu. Ab dem Traum der Magier aber werden die Träume für den Fortgang der Erzählung selber handlungsleitend. Die Heiligen Drei Könige träumen ja, daß sie Herodes nicht in ihr Wissen um den Geburtsort Jesu einweihen sollen (Mt 2,12). Als Herodes daraufhin alle bethlehemitischen Kinder unter drei Jahren abzuschlachten befiehlt, träumt wieder Josef, daß er mit seiner Familie fliehen soll (Mt 2,13). Hier wird die nächste Botschaft des Engels, die Aufforderung zur Rückkehr, wenn die Gefahr vorüber ist, sogar im Traum bereits angekündigt. Sie erfolgt denn auch (Mt 2,19f) und weisungsgemäß begeben sich Maria und Josef mit dem Kind nach Israel. Doch Josef fürchtet sich, als er von der Regentschaft des Archelaus, des grausamsten der Söhne des Herodes, erfährt. Ein erneuter Traum läßt ihn den Weg nach Galiläa suchen. „Er kam in eine Stadt namens Nazaret und nahm dort Wohnung. So sollte sich das Wort der Propheten erfüllen: Er wird Nazoräer genannt werden.“ (Mt 2,23)

Es wird hier weder bestätigt noch bestritten, daß das Paar oder eine/r von beiden schon einmal in Nazareth gelebt hätte. „Kam in eine Stadt namens Nazareth“ fremdelt allerdings schon sehr. Und so entsteht der Eindruck, als kehrten Josef und Maria bei Matthäus keineswegs nach Hause zurück, als sie aus Ägypten kommen. Vielmehr nehmen sie überhaupt nur deshalb in Galiläa Wohnung, weil sie sich in Israel nicht sicher fühlen.

Anders verhält es sich im Bericht des Evangelisten Lukas. Der Anfang des Lukasevangeliums liest sich wie eine Alternativerzählung zur Schilderung des Matthäus; eine Alternativerzählung aus weiblicher Perspektive. Die Engelserscheinung im Tempel, mit welcher das Evangelium beginnt, führt zum monatelangen Verstummen des Zachrias (Lk 1,20). Anders bei Maria, der Gabriel ein halbes Jahr später erscheint. Er trifft die Jungfrau in einer „Stadt in Galiläa namens Nazaret“ an (Lk 1,26) und unterhält sich einige Zeit mit ihr. Nach der Verkündigung und Marias Einwilligung begibt das Mädchen sich dem Hinweis des Engels folgend zu Elisabet, ihrer Verwandten aus dem Priestergeschlecht, die ebenfalls auf wunderbare Weise schwanger ist („Denn für Gott ist nichts unmöglich“ Lk 1,37) und ihr vielleicht helfen kann, zu verstehen, was gerade geschieht. In der Tat bricht ihr Gotteslob denn auch aus Maria heraus, als das Kind im Leib der Verwandten vor Freude springt und Elisabet Maria gesegnet und sie als „Mutter meines Herrn“ angeredet hat (Lk 1,43f).

Nach der Niederkunft in Betlehem erfahren wir über die Darstellung Jesu im Tempel und lesen: „Nachdem sie [Maria und Josef] alles nach dem Gesetz des Herrn erfüllt hatten, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazareth zurück.“ (Lk 2,39, Hervorhebung von mir).

Nicht „eine Stadt“ – „ihre Stadt“. Nur bei Lukas also kommt Maria zuverlässig aus Nazareth, erlebt dort die Verkündigung, empfängt ihr Kind und kehrt – ausdrücklich ohne Umweg über Ägypten – sechs Wochen nach ihrer Niederkunft nach Nazareth zurück. Mehr als eine „Pilgerfahrt im Geiste“ aber können wir heute in Loreto erleben – im Sanctuarium, der Basilika vom Heiligen Haus, die das einstige Wohnhaus Mariens, den Ort der Verkündigung, auf wunderbare Weise birgt.

Loreto, Basilika vom Heiligen Haus; Außenansicht der Sakristei von Melozzo, d.h. der südwestlichen der vier Sakristeien, die im baulichen Verbund mit den zwölf Kapellen des Chorraumes die Santa Casa wie eine Rosette umgeben (eigenes Bild April 2019)

 

Cornelie Becker-Lamers

Ein Trackback/Pingback

  1. Pulchra ut Luna › Sieben Wunden Christi am Kreuz on Freitag, 2. April 2021 um 17:33

    […] schon auf dem Weg nach Golgotha auch diese Wunden trug. Die weinenden Frauen erwähnt nur das ‚Frauenevangelium‘ des Lukas (Lk 23,27f.). Simon von Zyrene wird mit der Funktion, das Kreuz nicht nur tragen zu […]

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