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Und führe uns nicht in Versuchung …

… zu viel zu schreiben

Einige unserer Leserinnen und Leser haben PuLa um einen Kommentar zum derzeitigen Übersetzungsstreit hinsichtlich der sechsten Vater-unser-Bitte gebeten. Aber die Aufgabe von PuLa ist eine andere und wir fühlen uns nicht kompetent.

Außerdem scheint es ganz offensichtlich nicht nötig zu sein. Von Altbischof Kähler, der sich schon vor Wochen in unserer Lokalzeitung ganz eindeutig zur Korrektheit der gebräuchlichen Übersetzung positioniert hat (vgl. auch hier) bis zum Theologieprofessor Michael Seewald, der in der aktuellen Nr. 2 vom 14. Januar 2018 des Tag des Herrn eine Doppelseite zum Vaterunser füllt, sind sich die Fachleute einig: „Vordergründig lautet die korrekte Übersetzung: ‚Und nicht führe uns in Versuchung‘ (Mt 6,13)“, so Seewald auf S. 5 der erwähnten Zeitungsausgabe. Er weiß es genau, denn er versucht eine nähere Erläuterung auf Grundlage des aramäischen Kausativ, der, wie er erklärt, eine Handlungsmotivation formuliert: „Wenn zum Beispiel davon die Rede ist, daß der Bauer das Vieh ‚tränkt‘, heißt das: Der Bauer tut etwas, das das Vieh veranlaßt zu trinken.“ (ebd.) Der aramäische Kausativ. Donnerwetter. Man lernt nicht aus.

Leider folgt nun ein klassischer Fall von „Si tacuisses“. Hätte Professor Seewald es mit diesem Hinweis auf die möglichen (Anm. der Redaktion: Notabene: Die “möglichen”!!) aramäischen Denkfiguren hinter dem griechischen Text belassen, wir hätten alle gestaunt. Aber er wollte noch ein bißchen weiterschreiben: „Gott führt demnach den Menschen nicht in Versuchung, genauso wenig wie der tränkende Bauer selbst trinkt.“ (ebd.)

Warum schreibt er das? Er muß gemerkt haben, daß der Vergleich hinkt wie Israel am Jabbok, denn die Parallele zum Trinken wäre ja das In-Versuchung-Geraten Gottes selbst. Denkt Herr Seewald, das ist egal und für die Leser des Tag des Herrn allemal gut genug – merkt sowieso keiner? Ich begreife es nicht.

Wie auch immer – hätte es Professor Seewald, der an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster Dogmatik unterrichtet, bloß bei diesen Ausführungen zur Übersetzung der Vater-unser-Bitte belassen. Aber er wollte noch ein bißchen weiterschreiben. Und so kommt es, nachdem wir erfahren haben, daß Jesus das alles sowieso nie gesagt hat, richtig fett. „Jeder, der schon einmal eine katholische Messe besucht hat, weiß, daß man das, was dort gesagt wird, nicht so heiß essen darf, wie es gekocht wird.“ (ebd.)

Wie bitte? Na dann Prost Mahlzeit zum nächsten lauwarmen Gottesdienst. Wer sich je gefragt hatte, ob einige Probleme in den Pfarreien schlicht damit zusammenhängen könnten, daß die Priester einfach selber nicht mehr glauben, was sie da erzählen, der bekommt hier völlig unerwartet aber deutlich die Bestätigung geliefert von einem, der es wissen muß. Und mehr noch: Der Autor, der uns da so beruhigend zuspricht, ist Jahrgang 1987 – wird also aller Wahrscheinlichkeit nach in den nächsten 35-40 Jahren Priester ausbilden. Na dann – Prost … aber das hatte ich ja schon gesagt.

„Das Meßbuch“, so Professor Seewald im Tag des Herrn weiter, „ist voll von anstößigen Texten [ah – okääääi – war mir gar nicht bewußt!], das Gottlob [sic] voll von merkwürdigen Liedern.“ Und Strichzeichnungen, möchte man ergänzen und ist versucht, die Aussage über die merkwürdigen Lieder denn doch sofort zu unterschreiben – stiege nicht der Verdacht in einem auf, Herr Seewald meine andere Lieder als man selbst. Vielleicht dachte er beim Schreiben ja gar nicht an Huub Osterhuis oder die 777, sondern an „Wunderschön prächtige“ (eeeeewig nicht gesungen) oder den „Taufbund“ (auch ewig nicht gesungen, obwohl paar Taufen erlebt in letzter Zeit …)?

Die rituellen Gebete läßt der 2013 zum Priester geweihte Münsteraner Professor jedenfalls nur wegen ihrer Kuscheligkeit gelten: „Rituelle Gebete schaffen Vertrautheit und prägen sich ein, bleiben aber bei näherem Hinsehen oft schwer verständlich, weil sie einer anderen Zeit entstammen.“

Warum schreibt er das? Spricht er, was kaum zu glauben wäre, von sich selber oder vermutet er ein solches Unverständnis bei der Leserschaft des Tag des Herrn, der er ja drei Absätze zuvor auch schon seine Scheinparallele mit dem nicht-trinkenden Bauern untergejubelt hat? „Diese Antiquiertheit“, hält Professor Seewald fest, „verleiht ihnen [den rituellen Gebeten] Stabilität und macht sie nur schwer austauschbar.“ Nach einer letzten Abwertung der Meßtexte als „antiquiert“ kriegt der Autor die Kurve und streicht die kulturelle Verankerung der gängigen Vater-unser-Übersetzung heraus: „An die Stelle der alten Fassung würde keine neue, sondern eine Lücke treten.“ (ebd.) Wo er recht hat, hat er recht. Aber: Müßte man die Übersetzung, wäre sie falsch, nicht trotz alledem ersetzen?

Professor Seewald ist, wie erwähnt, Jahrgang 1987. Was nicht ist, kann also noch werden. Ich wünsche ihm von Herzen, daß ihm der eine oder andere Sinn aufgeht, so wie man plötzlich Gedichte versteht, die man seit langem kennt und als Schülerin nicht durchdrungen hat. Fest steht jedenfalls: Ein solches Verständnis kommt wenn, dann nur bei Texten, die man in feststehender und immer gleicher Form wiederholt.

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

Und jetzt wissen Sie auch, warum ich mir regelmäßig die Lektüre des “Tag des Herrn” gar nicht mehr antue/antun kann; das Wochenende ist einfach zu kostbar, beinhaltet es doch eben, ja, den “Tag des Herren”, den Sonntag, den man sich durch die Lektüre irr- oder gar ungläubiger Texte nicht beeinträchtigen lassen möchte.
Zu hart? Das glaube ich nicht. Denn es wird nicht differenziert, hinsichtlich dessen, “was in der Messe gesagt wird”, es beinhaltet ergo auch die Wandlungsworte. Wer “das ist mein Leib” “nicht so heiß essen” will (übrigens merkt man hier auch, welch bemerkenswert schlechten Geschmack das Sprachbild unter Beweis stellt, neben allem anderen), der befindet sich nicht mehr auf dem Boden der Lehre der Kirche, Punkt.

Gereon Lamers

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