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Sketch des Monats: Die Reminiszenz

Das Ende des Frauendreißigers naht und mit ihm das Gemeindefest der uns wohlbekannten katholischen Diasporagemeinde „Maria Hilf!“ Wundersdorf. Auch in diesem Jahr, wie schon 2013 , hat man sich aus diesem Anlaß etwas ganz Besonderes ausgedacht.

Die Reminiszenz

Ein Sketch für drei Personen

 

(Im Pfarrbüro der kleinen Diasporagemeinde Maria hilf! in Wundersdorf/ Oderbruch. Stolz steht Tina, Bastelschere und Kleber noch in Händen, vor einem DIN A2 – Plakat, auf dem sie zum nächsten Gemeindefest einlädt. „Was wir vermißt haben“ steht als Motto quer über dem Blatt. Tinas Gesicht ist vor Erregung gerötet und strahlt und glänzt vor Wonne. Da betritt Hanna den Raum.)

Hanna: Hallo, Tina!

Tina: Grüß dich!

Hanna: Wieder fleißig?

Tina (burschikos): Na klar doch! Immer!

Hanna: Was ist es denn diesmal Schönes? (Sie tritt neben Tina, um das Plakat nicht auf dem Kopf entziffern zu müssen.)

Tina (strahlt): Plakat fürs nächste Gemeindefest.

Hanna (liest): „Was wir vermißt haben“ … hm. Interessant.

Tina: Da ist doch vor Jahren schon dieses Buch erschienen, „Dinge, die wir vermissen werden“ …

Hanna: Ach so, ja. Hab ich die Ankündigung gelesen: Der Quilitzsch liest jetzt hier im Buchladen. Und? Was vermißt er denn so?

Tina: Na, Teppichklopfer und Schreibmaschinen, Pappfahrkarten und Milchkannen …

Hanna: Und das möchtest du beim nächsten Gemeindefest sammeln? Für einen Flohmarkt?

Tina: Genau! Aber vor allem ging es uns darum, aufmerksam zu machen, daß der Autor ja das Wichtigste vergessen hat!

Hanna: Nämlich?

(Tina zeigt stolz auf einen blumenumrankten Schriftzug.)

Hanna (rätselnd): „DDR“ – Willst du mich vergackeiern?

Tina (affirmativ): Die DDR! Wir vermissen hier doch eigentlich alle die gute alte DDR.

Hanna: Kein Mensch vermißt die DDR! Dann wäre doch die Hälfte der Gemeinde überhaupt nicht hier!

Tina: Eben! Das wäre ja das Gute! Alle echten Gemeindemitglieder vermissen die guten alten Zeiten! Glaub mir! Wir haben das Ohr am Volk!

Hanna (skeptisch): Wer ist jetzt „wir“?

Tina: Die Guten.

Hanna: Ihr seid die Guten?

Tina (rundgesichtig): Wir sind die Guten! Das stand doch sogar schon auf unserer Gemeindehomepage. Also: Die, die das geschrieben hat, sind „wir“ und dieses „wir“ sind „die Guten“.

Hanna: Verstehe … Und was soll DDR bei uns jetzt heißen? Wollt ihr die Republik ausrufen?

Tina: I bewahre! Unsere kleine Gemeinde reicht uns vollauf. Denk doch mal nach! (Sie blickt Hanna erwartungsvoll von der Seite an.)

Hanna: D …. D …

Tina (hilft): Na, das eine „D“ heißt natürlich wieder „demokratisch“.

Hanna: Ach so, klar. Wie früher eben.

Tina: Genau!

Hanna: Und das andere? „Deutsch“? Wollt ihr auf den deutschen Sonderweg der Katholischen Kirche hinaus?

Tina: Was für einen deutschen Sonderweg?

Hanna: Schon gut. Was heißt das zweite „D“?

Tina: Na – Wunders…

Hanna: …-dorf! Klar! Dörflich, demokratisch …rrrrrrrr – randständig?

Tina: Nein! Ein Hauptwort mit „R“.

Hanna: Doch nicht Rat?

Tina (jubelt): Na doch! „Demokratischer Dorfrat“. Der ersetzt ab dem nächsten Gemeindefest nämlich den Pfarrgemeinderat! (Sie wirft sich stolz in die Brust.)

Hanna (entgeistert): Sagt wer?

Tina: Na, wir natürlich! Mitglieder des Pfarrgemeinderats haben diese Auflösung beschlossen.

Hanna: Der ganze Pfarrgemeinderat hat geschlossen …

Tina (unterbricht sie): Doch nicht der ganze! Mitglieder eben. Das reicht doch, um es zu legitimieren. Und jetzt benennen wir uns um. Das wird schön! (Sie klatscht in die Hände wie ein Kind.)

Hanna: Ja … und … die Gemeinde?

Tina: Welche Gemeinde?

Hanna: Na, unsere Pfarrgemeinde! Die müßt ihr doch fragen! Oder die muß das doch wissen!

Tina: Die Pfarrgemeinde? (Mit gespielter Geduld) Liebe Hanna! Was glaubst du wohl, warum wir uns umbenennen?

Hanna: Weil die Bezeichnung Pfarrgemeinderat irreführend ist?

Tina: Na eben! Um die Pfarrgemeinde geht es doch gar nicht! Wie können wir dann Pfarrgemeinderat heißen? Ist doch völlig idiotisch! (Frau Schramm kommt mit einer Bäckereitüte zur Tür herein und begrüßt Hanna freundlich.) Ah! Da bist du ja! Dann kann ich ja endlich los. (Sie rollt das Plakat zusammen. Wichtig:) Ich muß nämlich heut noch in den Copyshop damit, die Plakate sollen ja ein paar Tage hängen. (Sie gibt Hanna die Hand, schultert eine voluminöse Handtasche und verschwindet.)

Hanna (um einen neutralen Tonfall bemüht): Na, Frau Schramm, was sagen Sie zu den Nostalgie-Maßnahmen?

Frau Schramm (packt ihr Brötchen aus und ißt): Na, sie stimmen immerhin die Gremien auf die Altersstruktur der Gemeinde ab.

Hanna: Weil die Jüngeren sich gar nicht erinnern?

Frau Schramm: Nein, ich meine den alten Witz.

Hanna (beginnt zu grinsen): Den mit dem Rentenalter in der DDR?

Frau Schramm (nickt): Wird auf 85 erhöht.

Hanna (lacht): Das geht jetzt hier in der Gemeinde auch.

Frau Schramm: Zwischen 65 und 75 gehen die Aktiven in die Ehrenamtsbetreuung und machen immer so (sie schüttelt mit kleinen ruckartigen Bewegungen den Kopf) und zwischen 75 und 85 gehen sie in den Demokratischen Dorfrat und machen immer so (mit kleinen ruckartigen Bewegungen nickt sie mit dem Kopf).

ENDE

Cornelie Becker-Lamers

Ja, so geht’s zu in Wundersdorf! Ob aber das Phänomen nicht am Ende in anderen Pfarreien in der mitteldeutschen Diaspora auch bekannt ist?

Ein Kommentar

  1. Ester schrieb:

    da Phänomen kenne ich auch und wir sind nicht in der mitteldeutschen Disapora!
    Und ich kenn es auch aus mehr weltlichen Angelegenheiten.
    Es sind halt immer eine bestimmte Sorte Leute die behaupten zu wissen, was die anderen zu wollen haben und weil die anderen aber nicht das wollen, was sie zu wollen haben, deshalb machen wir dann was wir wollen, unter Umgehung der Mehrheit, im Namen eben dieser.
    Soweit ich das historisch weiß stand schon Lenin vor dem Problem, von daher passt das mit der DDR schon.

    Sonntag, 14. September 2014 um 20:54 | Permalink

Ein Trackback/Pingback

  1. Pulchra ut Luna › Sketch des Monats: Der Kuchen-Computer on Samstag, 14. September 2019 um 18:01

    […] will gerade Lenni über das Drehkreuz heben, als Tina aufgeregt aus dem Innern des Hauses zum Eingangsbereich gelaufen […]

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