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Ein Zeuge geht

Zum Tod von Hochwürden Klemm am 5. April 2019

Am heutigen Freitag gegen 5 Uhr früh verstarb, zwölf Tage vor seinem 81. Geburtstag, Pfarrer Horst Klemm. Er war die letzten 15 Jahre seines Lebens in unserer Pfarrei als Ruhestandspfarrer tätig. Hier in Weimar war er als Kind Vertriebener ab dem Grundschulalter auch aufgewachsen.

Die Wertschätzung, die er seitens seiner Mitbrüder genoß, mögen andere herausstreichen, andere auch über seine Rolle etwa im Kolpingwerk oder seine Unverzichtbarkeit bei den Sühneandachten in Buchenwald berichten. In diesen Funktionen habe ich ihn nie erlebt.

Ich habe ihn als Geistlichen und Seelsorger in unserer Gemeinde kennengelernt. Als Geistlichen, der über die Meßzelebration hinaus ein Glaubenszeuge war. Als Seelsorger, dessen Glaubwürdigkeit sich nicht in den liturgischen Vollzügen erschöpfte.

Pfarrer Klemm positionierte sich und wurde so in den Krisenjahren der Pfarrei zwischen 2012 und 2015 für viele von uns unersetzlich. Er übernahm Taufen, wenn der damalige Rektor der Pfarrkirche dies ablehnte, weil er festgestellt hatte, daß die vom Täufling ausgewählten Paten in den Augen der Gemeindeleitung den zuletzt ja etlichen personae non gratae der Pfarrei zuzuzählen waren. Er stützte Einzelne, die aufgrund ihres Einsatzes für andere Gemeindemitglieder zu Unrecht aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurden oder werden sollten und rief vor der Kirche offen zum Widerstand gegen die damals herrschenden Zustände auf. Im Januar 2015 ergriff er Partei für die Sternsinger und deren erwachsene Begleiter/innen, als die „Gemeindeleitung“ sich in den Kopf gesetzt hatte, es sich auch noch mit dieser Gruppe zu verscherzen, und bot zu Ende der Messe Raum für eine Stellungnahme. Zum 10. Geburtstag der Cäcilini im Mai 2017, zu dem wir in den Gemeindesaal eingeladen hatten, feierte er mit und zückte einen 50-Euro-Schein als Spende.

Er übernahm gerne die Messen, in denen wir Werke jugendlicher Komponisten aufführten oder in denen die Cäcilini musikalische Beiträge leisteten, wandte sich den jungen Musikerinnen und Musikern anschließend zu und honorierte erkennbaren guten Willen wie objektiv erbrachte Leistung. Mit ihm gemeinsam Gott zu loben, war wirklich ein Ehrenamt.

Und wie man sich bettet, so liegt man: Pfarrer Klemm war die Zuneigung dieser Kinder und Jugendlichen gewiß. Sie mochten ihn. Als den Cäcilini zu Ohren kam, er liege im Pflegeheim auf den Tod, kam in der Gruppe sofort die Idee auf, im Advent dort für ihn zu singen. Auch alle Eltern trugen diese Aktion mit und entbanden ihre Kinder am 4. Adventssonntag – es war der 23. Dezember – von allen häuslichen Pflichten. Ehemalige Chormitglieder, die Ende letzten Jahres schon in Studium oder Ausbildung waren, richteten ihren Weihnachtsurlaub nach unseren Proben für dieses kleine halbstündige Adventskonzert im Raphaelsheim aus.

Vor vier Tagen habe ich Pfarrer Klemm zum letzten Mal gesehen. Er war sehr schwach, erkannte mich aber noch und bejahte meinen Besuch. So erzählte ich ihm von der Kreuzwegandacht, die die Cäcilini in diesem Jahr noch einmal viel ausführlicher als 2018 für die Pfarrei gebetet hatten und merkte, daß er bei jedem Namen, den ich nannte, das betreffende Kind, die betreffende Jugendliche lebhaft vor sich sah: Noch brechenden Auges nahm er Anteil am Weiterleben unserer Pfarrei.

Ein Zeuge geht.

Ein priesterlicher Glaubenszeuge und ein glaubwürdiger Zeuge der Vorgänge, die unsere Pfarrei aufgrund der bis dato verweigerten Aufarbeitung auch heute noch belasten. Nicht der einzige Zeuge – es gibt ja leider sehr viele, und sehr viel jüngere. Aber ein wichtiger.

Er fehlt.

 

Cornelie Becker-Lamers

April, April!

Das war natürlich ein Witz

Natürlich war es ein Aprilscherz, als wir gestern über den angeblichen Fund des auskomponierten Sackens unbegleiteter Gemeindegesänge am Beispiel des Vater Unser geschrieben haben. Die Geschichte fiel mir irgendwann im letzten Sommer ein, als wir mal wieder urlaubsweise in einer kleinen Pfarrei in der Messe saßen und der Priester mit sehr schöner, aber leider auch sehr tiefer Baßstimme bereits sehr tief anstimmte und es sich dann für mich recht schnell erledigte, das Gebet mitzusingen – ich kam einfach nicht mehr runter.

Wichtig war mir jetzt nochmal zu betonen, daß dieser musikalische Spaß sich nicht in erster Linie auf Erfahrungen in einer Weimarer Messe bezieht. Ganz im Gegenteil.
Anläßlich der Fronleichnamsprozession im vergangenen Juni (wir müssen das ja immer sonntags nachfeiern, weil wir in Thüringen den Donnerstag nicht frei haben – es war also nicht am 31. Mai, sondern am 3. Juni 2018) fiel mir im Gegenteil auf, wie unverschämt gut diese ganze Gemeinde hier singt. Wir hatten zur Prozession für die Liedstrophen der entsprechenden Gesänge abwechselnd die Begleitung durch einen Posaunenchor und sangen, wenn die BlechbläserInnen mit ihren Notenständern nach vorne spurteten, jede zweite Strophe a cappella. Und kamen als ganze Gruppe immer auf den Punkt beim Anfangston heraus! Wir sind beim Singen nicht gefallen. Das ist schon krass!

Also, liebe Freundinnen und Freunde – ich glaube keiner und keinem von Euch, die oder der nicht im Kirchenchor mitsingt, die Ausrede: „Oh! Ihr seid jetzt so gut! So gut kann ich nicht singen!“ stimmt nicht – alle fit! Also rein in den Chor!

Ihr wißt ja: Wer singt, betet doppelt! 😉

Cornelie Becker-Lamers

Die Überschrift des gestrigen Artikels weist den Text übrigens bereits als Aprilscherz aus: Das angebliche Manuskript in einer erfundenen Ausgabe des (nicht erfundenen!) Lochamer Liederbuchs ist – eben wie die Steinlaus im Pschyrembel – fiktiv. Loriot hat der von ihm erfundenen Figur vor Jahrzehnten die Grundlage zu einem heute sehr verbreiteten wissenschaftlichen Scherz gelegt.

Männliche Steinlaus auf dem Boden des Kirchenschiffs der Wallfahrtskirche Frauenberg (Enns), Bild: Wikimedia Commons, User Makakema)

Wie die Steinlaus im Pschyrembel

Sensationeller Fund im Lochamer Liederbuch

Weimar. Musikwissenschaftlern des Sonderforschungsbereichs 482 “Ereignis Weimar–Jena. Kultur um 1800” der Deutschen Forschungsgemeinschaft ist am Wochenende ein sensationeller Fund gelungen: In einer bisher unbekannten Ausgabe des Lochamer Liederbuchs, die die Cotta’sche Verlagsbuchhandlung im Jahre 1802 vorgenommen hat, fand eine Doktorandin das Manuskript einer frühneuhochdeutschen Vater-Unser-Abschrift. Ersten vorsichtigen Schätzungen zufolge könnte die Handschrift aus dem späten 15. Jahrhundert stammen. Das Besondere an dem Notenblatt, das umgehend in die Obhut des Thüringer Landesmusikarchivs gegeben wurde und noch im laufenden Jahr restauriert werden soll, ist die Melodieführung des bekannten Sprechgesangs.

Seit den 1970er Jahren hatten Liturgiewissenschaft und Musikforschung übereinstimmend eine mittelalterliche Version der bekannten Vater-Unser-Melodie postuliert, die vierteltönig und daher in der üblichen Modal- und Mensuralnotation nicht notierbar gewesen sein soll. Nur in kleinen abgelegenen Gemeinden, die ihr Liedgut und die Sprechgesänge bis heute a capella (ohne Organisten) mündlich tradieren, habe sich diese alte Melodie erhalten, so die Wissenschaftler.
Aufgrund ihrer Komplexität sei die Melodie durch das Konzil von Trient (1545 – 1563) vereinfacht und auf die heute gebräuchliche, im Gotteslob (vgl. GL 589, 2) wiedergegebene Form gebracht worden. Die Vierteltöne seien harmonisiert und die Melodie im bekannten Notensystem notierbar gemacht worden.

Der Weimarer Fund, der in der Forschung auf den heutigen 1. April 2019 datiert wird, wäre das bisher einzige bekannte Exemplar des Versuchs einer Notation der alten überkommenen Melodie. Sie zeichnet sich durch Halbtonschritte in die Höhe und Ganztonschritte in die Tiefe aus, so daß der Melodiebogen im Laufe des Gebetes um fast eine Oktave absinkt. Aufgrund der Ausmerzung der Vierteltönigkeit und der Harmonisierung der Tonschritte durch das Tridentinische Konzil endet die heute gängige Melodie auf ihrem Ausgangston.

„Das Beenden der Melodie auf ihrem Ausgangston, also sozusagen das Halten der Stimmung, ist für den a capella-Gesang sehr untypisch“, so die Doktorandin zu PuLa. „Ich habe immer daran gezweifelt, daß das die ursprüngliche Melodie des Vater Unser gewesen sein soll. Das Textzeugnis aus dem Lochamer Liederbuch könnte der erste Nachweis einer älteren musikalischen Entwicklungsstufe dieses 2000 Jahre alten Gebetes sein. Es käme einer Sensation gleich! Wir werden das sorgfältig prüfen.“

PuLa wünscht allen Forschern eine glückliche Hand. 😉

Cornelie Becker-Lamers

Das rosa Gewand 8/n

Möglicherweise haben Sie heute auf PuLa etwas vermißt. Denn, wer unseren kleinen Blog kennt, der weiß: Themen, die uns einmal ans Herz gewachsen sind, bleiben wir treu!
Und zu diesen Themen gehört die korrekte liturgische Kleidung der Priester. Nun ist heute der Vierte Fastensonntag, der nach seinem Introitus aus Jes 66, 10 und 11 (und Ps 121) ‚Lætare‘ heißt, ‚Freue Dich‘ (Jerusalem nämlich).
Und dessen liturgische Farbe rosa ist, anstelle des „büßenden“ Violett.
Verschiedentlich schon haben wir darauf hingewiesen, besonders gerne in musikalischer Form (vgl. zuletzt hier oder Sie suchen einfach nach dem Stichwort „rosa“).

Das geschieht heute nicht.
Dies aber nicht etwa, weil uns (d.h. dem musikalischen Teil der Familie 😉 ) die Ideen ausgegangen wären, o, nein!, vielmehr gibt es hier morgen, pünktlich zum neuen Monat, nichts weniger als eine musikologische Sensation, seien Sie gespannt!
Und auch nicht, weil uns etwa die Hoffnung verlassen hätte, auch hier, ja, gerade hier in der mitteldeutschen Diaspora, könne sich das Blatt zu Besseren wenden.
Nein, ganz im Gegenteil! Der heutige Tag brachte die nachgerade triumphale Bestätigung, daß es ganz anders ist. Denn heute durften wir in einer mitteldeutschen Kirche erleben, wie nicht ein, nicht zwei, nein, drei Priester in rosa Meßgewändern in die Kirche einzogen!

Drei rosa Gewänder in Mitteldeutschland, 31. März 2019 (eigenes Bild)

Drei rosa Gewänder in Mitteldeutschland, Detail (eigenes Bild) Die mäßige Bildqualität bitten wir zu entschuldigen, fotografieren während der Hl. Messe (dies war schon zum Schlußlied!) liegt uns nicht…

Priester aus drei Nationen übrigens, was dazu führte, daß der Gottesdienst auch in drei Sprachen stattfand, in Deutsch, in Polnisch und – in der Sprache der Kirche, in Latein. Ganz so, wie sich das die Väter des letzten Konzils gewünscht haben.
Ja, es war ein schöner, würdiger Gottesdienst, für den wir gerne in ein Nachbarbistum gefahren sind – wohin, das verraten wir heute noch nicht (aber treue PuLa-Leser finden es vermutlich heraus: Schreiben Sie uns, wenn Sie es wissen!), und zwar, weil es dazu, zu den vielen positiven Aspekten dieses Wochenendes demnächst ein „PuLa-Unterwegs“ geben wird!
Schon heute aber sagen wir dem Rektor der dortigen Kirche auch auf diesem Wege noch einmal herzlichen Dank; Dank für den ‚Leuchtturm‘ des Katholischen dort, der seine weite, seine internationale Ausstrahlung heute erneut gezeigt hat!

Gereon Lamers

„dein Opfer war ein halbes nur“

Warum wir die Mutter Maria brauchen

Beruflich habe ich mir in den nächsten Monaten u.a. Theodor Storm vorzunehmen. Der 1817 in Husum geborene und 1888 nahe Rendsburg und Eckernförde verstorbene Jurist und Schriftsteller war übrigens zwischen 1856 und 1864 auch im thüringischen Heiligenstadt als Kreisrichter tätig. In einem Gedichtband des achtfachen Vaters fiel mir folgender Text auf:

An deines Kreuzes Stamm

An deines Kreuzes Stamm o Jesu Christ
Hab ich mein sorgenschweres Haupt gelehnt;
Doch Trost und Kraft kam nicht von dir herab;
——
Du hattest weder Weib noch Kind, du warst
Ein halber Mensch nur; unseres Lebens Kern
Hast du nur halb erprobt; was uns die Welt,
Uns Lebenden, an Ungeheu’rem auferlegt,
Du hast es nicht gekannt; dein Opfer war
Ein halbes nur. – Wärst du getreu befunden,
Wann man dein Weib, dein Kind ans Kreuz geschlagen?
Die Antwort bliebst du schuldig. – Wohl mit Dank,
Mit Liebe blick ich zu dir —-
— doch mich erlösen
Das kannst du nicht. – Einsamer Qualen voll
Neig ich das Haupt; da legt sich lebenswarm
Ans Herz mir eine viel geliebte Last;
—- und wie sie sich fassen,
Fühl ich den Ring des Lebens fest geschlossen
Gleich einer Mauer gegen Tod und Lüge.
Ich bin getröstet. – Komm geliebtes Weib
Wir müssen eigner Heiland sein.

Theodor Storm (1863)

Wie menschlich. Wie verständlich. Wie bitter. Aber vor allem: wie protestantisch.

Mir fiel sofort Maria ein, die Mutter des Herrn, die im katholischen Glauben genau das ‚abdeckt‘, was dem lyrischen Ich in Storms Gedicht fehlt: Den ganzen Menschen, die Mutter, die ihren Sohn sterben sehen muß. „Du Frau aus dem Volke, von Gott ausersehn, dem Heiland auf Erden zur Seite zu stehn, kennst Arbeit und Sorgen ums tägliche Brot, die Mühsal des Lebens in Armut und Not“, heißt es bekanntlich in der 3. Strophe des Kirchenliedes „Maria, Dich lieben“ (GL 521).

Man rollt zwar bei dieser Textstelle mit Fug und Recht auch die Augen. Zu sehr kontrastiert sie mit der Überlieferung von Marias Verwandtschaft ins Priestergeschlecht (Lk 1, 36 ff.) und dem großen Reichtum ihres Vaters: Das Protevangelium des Jakobus beginnt sein Erstes Kapitel mit dem Bericht des immer doppelten Opfers Joachims, der bestimmt: „Mein Überfluß soll dem ganzen Volk und mein Pflichtteil Gott, dem Herrn, zu meiner Versöhnung gehören.“ Schwer vorstellbar (nebenbei bemerkt) daher auch, daß Maria Elisabeth aufsuchte, um ihr „im Haushalt zu helfen“, wie man es zuweilen in Maiandachten zu hören bekommt. Als Frau eines Priesters hatte Elisabeth vermutlich Personal. Und auch Maria war aus gutem Hause: Michael Hesemann spricht von ihrer Abkunft aus Davidischem Stamm väterlicher und aus dem Priestergeschlecht mütterlicherseits (hier – konkret etwa von Minute 5:10 bis etwa 7:00. Im übrigen sind alle vier Teile des Films mehr als empfehlenswert!)

 

Dennoch wäre der Volksglaube kein Volksglaube, wenn er nicht neben allem andern auch genau die Inhalte bereit hielte, die wir im Kirchenlied finden: Maria ist Identifikationsfigur für jeden Menschen. Mit der Zuweisung des Johannes als Sohn (Joh 19, 26f.) hat Jesus am Kreuz alle Menschen in die Obhut Mariä gegeben. Das habe ich von meiner irakischen Freundin gelernt, als wir einen Kreuzwegtext gemeinsam ausgearbeitet haben und sie ihre chaldäischen Texte zu Rate zog. Maria ist die Mutter aller Menschen. Sie ist nicht nur durch eigenes, sondern auch durch mitempfundenes Leid gegangen und hat es getragen. So kann sie den Schmerz aller Menschen zu tragen helfen. Wir können uns stützen. Wir können uns gegenseitig trösten. Aber wir müssen nicht – und wir können nicht – , wie Theodor Storm es empfindet oder befürchtet, „eigner Heiland sein“.

Im Zuge der Recherche für den vorliegenden Text bin ich auf eine knapp 10 Jahre alte Publikation aufmerksam geworden , in der Christian Demandt „Religion und Religionskritik bei Theodor Storm“ erforscht. Das 273 Seiten starke Buch erschien 2010 im Rahmen der Husumer Beiträge zur Storm-Forschung im Erich-Schmidt-Verlag Berlin und steht in der Weimarer Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek zur Kurzausleihe zur Verfügung.

Cornelie Becker-Lamers

Dank-Gedanken

Pünktlich zum achten PuLa-Geburtstag flatterte der Redaktion am letzten Dienstag, 26. März, doch tatsächlich ein kleines Geschenk ins Haus! Wer hätte das gedacht! In Form nämlich eines Briefes, der sich wortlos, aber zeichenreich mit dem unlängst erschienenen Text „Museum. Konjunktiv“ auseinandersetzt. Das hatte ja – allerdings sehr wortreich und dafür zeichenarm – eine Bloggerkollegin schon sehr schön getan, gleich am Folgetag des Erscheinens, und hatte unseren Text weitergedacht (vgl. den Kommentarbereich des Beitrags):

Es gibt ja auch eine lange Nacht der Kirchen, oder? Wenn der Pfarrer darauf hingewiesen hätte und versprochen hätte, daß dann die Chöre zum Einsatz kämen, und wenn er ihnen außerdem für diese Idee gedankt hätte und gesagt hätte, sie haben seine ganze Unterstützung, und wenn er dann vielleicht noch die Idee gehabt hätte, zu sagen: Ach was, machen wir beides – und bei der Museumsnacht machen wir ein Schild an die Kirchentür: „Kein Museum – trotzdem offen“, ja dann wäre das richtig gut geworden und hätten alle was davon.

Der neue Brief nun reproduzierte unseren Originaltext und enthielt weitere PuLa-Bezüge, nutzte nämlich exzessiv das im November 2015 erfundene und am 10. September 2016 im Beitrag „Platz da!“ erstmals – aber inzwischen seit langem schon nicht mehr – vergebene „Timoticon“. Ja – der Brief denkt das kleine Grinsgesicht sogar weiter und erfindet ein „Antimoticon“ mit Schmollmund. (Aus Emoticon wurde „Timoticon“ und nun das „Antimoticon“. Vielleicht kann man die Wortkette weiterspinnen und demnächst ein „Sieh-an!-Timoticon“ vergeben 😉 ?) Zu Beginn des Briefes, der den Anfang unseres Textes wiedergibt:

Zur Langen Nacht der Museen singen wir geistliche Lieder
und machen Musik, sagen zwei Gruppen der Pfarrei.
Das gibt’s nicht, sagt der Pfarrer: Die Kirche ist kein Museum.
Sie bleibt in dieser Nacht geschlossen und ist nicht auf.

Was für eine vielversprechende Positionierung.

Denn das kann ja nur heißen, unser Pfarrer will sich
nun verstärkt um die Kinder- und Jugendseelsorge kümmern.

werden ganze 20 Timoticons abgedruckt. Waschechte, quittegelbe Timoticons. Fragen Sie mich nicht, wie das gegangen ist – ich weiß es nicht: Mit Farbdrucker und Kopierer, Schere und Klebestift? Oder mit trickreicher digitaler Bildbearbeitung? Irre aufwendig jedenfalls! Vielen lieben Dank für den lustigen Anblick!

Der Inhalt des zweiten Teils unseres Textes:

Denn wenn einer nicht für Nachwuchs sorgte bei den Kinderchören,
weil er meinte, wenn der Kinderchor eingeht, sei das kein Beinbruch,
und wenn er den Jugendchor eingehen ließe,
weil ihm egal wäre, wo die Jugendlichen Musik machen
und wenn er die Pfarrjugend einschlafen ließe, so daß
wenn man Glück hat, drei bis fünf Teilnehmer sich einfänden,
weil er den Mädchen, die ihm zum Amtsantritt
40 statt 4 Jugendliche zusammengetrommelt haben,
jegliche Unterstützung für die wöchentlichen Treffen versagte,

wenn einer so die Kinder- und Jugendseelsorge vernachlässigte,
dann wäre ja in zwanzig Jahren ein Museum
das beste, was man aus seiner Kirche noch machen könnte.

wird mit 20 neu erfundenen „Antimoticons“ kommentiert. Wie die „Antimoticons“ – in Farbe und Anlage (kleiner Hut, Collarkragen) identisch, aber eben mit umgedrehtem Mund – aufs Papier kommen, ist mir vollends unvorstellbar. Aber egal – sie sind drauf!

Wir freuen uns über unsere so treue Leserschaft, die offenbar mit Kopf und Herz, Witz und Verstand liest, mit- und weiterdenkt. Deshalb wüßten wir auch zu gern, bei wem wir uns für dieses schöne Geschenk bedanken dürfen. Daher unsere Bitte: Wenn Sie sich schon so viel Mühe geben und einen so aufwendigen Brief anfertigen, frankieren und zur Post bringen – dann vergessen Sie bitte nicht Ihre Unterschrift. Lassen Sie uns wissen, wer Sie sind und mit wem wir vielleicht nach der nächsten Messe ein Gespräch zum Thema anknüpfen können.

Herzlichen Dank!

Cornelie Becker-Lamers & Gereon Lamers

„‘Nein, Rabbi!‘ rief es aus der Lichtsäule“

Der nächste Freitag für Frauen stellt Lieblingsbücher vor

Am morgigen 29. März lädt unsere Gemeindereferentin, Frau Rimestad, wieder zu einem „Freitag für Frauen“ ein. Dieses Mal soll es um „Lieblingsbücher“ gehen. Zu erwarten sind: Zugewandte Menschen, ausgesuchte, vermutlich selbstgemachte Getränke und allerlei leckeres Gebräu sowie ein umfangreicher Büchertisch (so war es jedenfalls bei den vorherigen Treffen – wenn wir nicht gerade Musik in der dunklen Kirche gemacht haben 😉 ). Da frühere Termine, etwa der zum Thema Nachhaltigkeit, schon ganz unvorhergesehenen impact hatten (Haarpflege!), werde ich unbedingt versuchen, den Termin wahrzunehmen und dann, falls es sich ergibt, die beiden Bücher von Edzard Schaper vorstellen, die sich in meinem Besitz befinden.

Bis auf den „Vierten König“ vergriffen und derzeit nur über Antiquariate zu beziehen: Literatur des deutschen Schriftstellers, Übersetzers, Kriegsberichterstatters und finnischen Spions Edzard Schaper (*Ostrowo 1908; +Bern 1984)

Schaper, dessen rastloses Leben im Grunde aus ständiger Flucht bestand – schon der Vater war aus polnischer Gefangenschaft mit seiner 13köpfigen Familie aus der Provinz Posen bis nach Niedersachsen geflohen – brach Gymnasium und Musikausbildung im Alter von 17 Jahren vor der Reifeprüfung ab und verdingte sich zunächst als Regieassistent in Stuttgart. Schon zwei Jahre später aber zog er nach Dänemark und widmete sich der freien Schriftstellerei. Es folgten Jahre als Gärtnereigehilfe und Matrose, bevor Schaper heiratete (und Vater zweier Töchter wurde) und nach Estland zog. 1936 – da war Schaper 27/28 – wurde er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und der Verkauf seiner Werke in Deutschland damit unmöglich. Aufgrund seiner Tätigkeit für militärische Nachrichtendienste, aber auch aufgrund jüdischer Verwandter schloß sich eine veritable Verfolgung seitens der Sowjets wie seitens der Nationalsozialisten an, der Schaper durch die Flucht nach Finnland, dann Schweden und schließlich durch seine Übersiedlung in die Schweiz entkam.

Dort konvertierte Edzard Schaper 1951, mit 42/43 Jahren, zum Katholizismus – und dieser Geist ist es auch, den seine Romane und Erzählungen atmen und der seine Geschichten so faszinierend macht.

Ich stieß über Umwege auf seinen Namen, denn obwohl Edzard Schaper trotz seiner bewegten Lebensumstände literarisch unglaublich produktiv war und zu Lebzeiten etliche und hohe Auszeichnungen wie etwa die Verleihung der Ehrendoktorwürde, des Bundesverdienstkreuzes und etlicher Literaturpreise erfuhr, scheinen mir seine Werke derzeit in Vergessenheit geraten zu sein: Ein Anruf im Buchhandel bestätigt, daß von seinen über 40 Romanen und Erzählungen (der „Wikipedia“-Artikel zählt allein schon 40 auf und mir sind weitere bekannt) nur „Die Legende vom Vierten König“ im Verbund mit dem „Christkind aus den großen Wäldern“, einer anrührenden Erzählung von der finnisch-russischen Front des Kriegswinters 1942/43, lieferbar ist. Abhilfe schaffen wieder einmal nur die inzwischen allerdings über das ZVAB hervorragend vernetzten und auffindbaren Bestände unzähliger Antiquariate.

Über „Die Legende vom Vierten König“ kam denn auch ich auf den Namen Schaper. Ich war auf der Suche nach dem Ursprung díeser Legende (den ich allerdings immer noch nicht identifiziert habe) und fand Schapers Erzählung, in der er die russische Legende aufbereitet. Das für mich Auffallende an seinem Schreiben ist die schlichte Chronologie – es wird einfach erzählt, ohne Zeitsprünge und inhaltsschwere auktoriale Reflexionen. Und doch gelingt es Schaper aufgrund der Wahl seiner meist alltäglichen Stoffe und der Art seines Erzählens, die Lesenden so zu fesseln, daß man das Buch nicht aus der Hand legen kann. Auffallend heutzutage auch die konsequent christliche Haltung oder gar „Botschaft“ (ja: diese Literatur hat, textimmanent und unaufdringlich, aber unüberhörbar eine Botschaft!) seiner Werke. Menschliche Schicksale werden beleuchtet vor dem selbstverständlichen Hintergrund christlichen Gedankengutes und Bewußtseins. Dabei wird zum Teil, etwa in der Erzählung „Unschuld der Sünde“, Religion und Kirche als Motor der Handlung explizit. Zum Teil vollzieht sich die Geschichte als Wirken Gottes oder explizit als Wirken Christi: ohne Kitsch herzzerreißend etwa der „Stern über der Grenze“. Die Erzählung wird hier zur Augenzeugin, der als solcher schlicht nicht widersprochen werden kann. Genial! Diese konsequente Erzählhaltung rückt Schaper in die Nähe des „Renouveau catholique“, einer literarisch-gesellschaftlichen Erneuerungsbewegung aus dem Geiste des traditionellen Katholizismus, die sich vom laizistischen Frankreich auf andere europäische Länder ausdehnte.

In die derzeitige Fasten- und Osterzeit paßt inhaltlich „die Legende vom Vierten König“, die ja die Brücke über die 33 Jahre von der Geburt Christi bis zu seiner Kreuzigung schlägt, aber auch beispielsweise Erzählungen wie „Unser Vater Malchus“ oder „Die Söhne Hiobs“, die das Geschehen um die Gefangennahme Jesu in biographischen Konstruktionen über Generationen weiterdenken. Ich finde diese Literatur faszinierend, habe mir eines von Schapers Büchern dieses Jahr zum Geburtstag gewünscht und aus gleichem Anlaß einer Freundin einen Band mit Erzählungen Edzard Schapers geschenkt.

Das Zitat, das den Titel dieses Beitrags bildet, lautet im vollständigen Satz „‘Nein, Rabbi!‘ rief es aus der Lichtsäule, in der er wie ein Gestäupter am Pfahl stand.“ und ist der Erzählung „Die Söhne Hiobs“ entnommen: Edzard Schaper, Gesammelte Erzählungen, Köln und Olten: Hegner 1965, S. 503-534, S. 508.

Cornelie Becker-Lamers

Die Milchkanne

Ein Sketchlet zum Osterparadoxon für ein Schaf und zwei Lämmchen

Wundersdorf, Oderbruch. Die allseits bekannte Schafweide. Eine kaum mehr wintermilchige Sonne steht hoch am blauen Himmel und wärmt Pflänzchen und Schafe mit den ersten kräftigen Strahlen des neuerwachenden Frühlings.

Richtig: Heute ist ja Frühlingsanfang!

Dennoch sitzen ausgerechnet Fixi und Huf, die beiden Lämmchen, im Unterstand am Rechner und scheinen fieberhaft zu recherchieren, als Kohle hereingeplatzt kommt und unvermittelt lospoltert.

Kohle: Fixi! Wo ist die Milchkanne?

Fixi (unschuldig): Welche Milchkanne?

Kohle: Du weißt genau, was ich meine! Die Milchkanne, die Grauchen und Blütenweiß ans Gatter gestellt haben, damit die Telefongesellschaft uns keinen Funkmast für die 5G-Abdeckung neben die Tanne baut. (Er schnaubt.)

Fixi (noch unschuldiger): Ich habe eure Milchkanne leider nicht gesehen, lieber Kohle.

Kohle: Huf!

Huf (zart): Ich schon gar nicht! Ich weiß überhaupt nicht, wovon du sprichst.

Kohle (läßt ein Donnerwetter los): Also daß ausgerechnet ihr, die ihr immer sagt, es ist eure Weide und eure Zukunft, nun mit dafür sorgt, daß ebendiese Weide durch ein häßliches technisches Bauwerk verschandelt werden könnte, macht mich wirklich sprachlos! Schule schwänzen! Das könnt ihr! Aber wenn es darum geht, konkret Verzicht zu leisten …

Fixi (unterbricht ihn): Dann möchtest du also nicht wissen, warum du nicht ab nächsten Sonntag schon wieder Gänseblümchensalat essen darfst?

Kohle (wie ins Mark getroffen): Gänseblümchensalat?! (Er scheint zu halluzinieren.)

Fixi (zufrieden): Siehst du?! Das sogenannte „Osterparadoxon“ betrifft unmittelbar unseren Alltag.

Kohle (trabt schwankend auf die beiden zu): Was für ein Osterparadoxon?

Huf: Ist dir schon aufgefallen, daß heute Frühlingsanfang ist?

Kohle: Ääääh … jetzt, wo du’s sagst …

Fixi: … und morgen Vollmond?

Kohle: Tatsächlich?

Huf: Und daß du trotzdem noch volle viereinhalb Wochen weiter auf Flockes Gänseblümchensalat …

Kohle (unterbricht ihn weinerlich): Erwähne nicht immer Flockes Gänseblümchensalat! Wie konnte ich nur je auf den Gedanken kommen, Gänseblümchensalat zu fasten (er gräbt sein Gesicht in die Vorderläufe.)

Huf (redet einfach weiter): … verzichten mußt? Weil nämlich am Sonntag nicht Ostern ist?

Kohle (blickt trotzig auf): Genau! Eigentlich müßte am Sonntag Ostern sein und die Fastenzeit vorbei!

Fixi (auf der Zielgeraden): Und daß dem dennoch nicht so ist – das nennt man das „Osterparadoxon“.

Huf (zu Fixi): Hör mal! Was ist eigentlich, wenn der erste Frühlingsvollmond mit einer Mondfinsternis zusammenfällt? (großspurig) Hat sich darüber schon mal irgend jemand Gedanken gemacht?

Fixi (klimpert die entsprechenden Stichworte in die Suchmaschine): Äääähm … babababb … ja! Hier: „Halbschatten auf dem Ostervollmond!“ Dadada-daaaa! (Sie singt eine absteigende große Terz.) 2016. (Sie überfliegt den Teaser.) War aber für die Schafe in Europa nicht zu sehen.

Huf: Stimmt! Eine Mondfinsternis ist ja eben nicht unabhängig vom Schaf auf der Erde! Okay-okay-okay-okay! Mein Fehler!

Fixi (zieht die Augenbrauen nach oben und nickt): Sehr im Gegensatz zum Äquinoktialzeitpunkt! Der ist unabhängig vom Schaf.

Kohle (gereizt): Könntet ihr mal euren sophistischen Disput ruhen lassen, bis ihr mir erklärt habt, wie die ganze Sache überhaupt zu verstehen ist?

Huf: Wirklich verstehen wird fürchte ich schwierig. Es ist scheint’s total kompliziert!

Fixi: Aber im wesentlichen ist das Problem die mögliche Diskrepanz zwischen den astronomisch exakten und den zyklisch vorausberechneten Daten für den Frühlingsanfang, die Vollmonde und entsprechend die Sonntage danach. Wenn es dumm kommt, fallen einem die Mondzirkel auf die Hufe.

Huf: Die astronomisch exakten Daten würden nämlich von Zeit zu Zeit diesen Lunisolar-Kalkulationen einen Strich durch die Rechnung machen. Aber durch die Osterrechnung wird halt kein Strich gemacht! Wenn ich richtig sehe, haben nicht irgendwelche Aussaattermine die Kalenderreform angeregt, sondern das nicht mehr zuverlässig bestimmbare Osterdatum.

Fixi: Ja. Und die Berechnung des Osterdatums war so wichtig, daß sie an mittelalterlichen Universitäten den einzigen Inhalt der mathematischen Vorlesungen ausgemacht haben soll.

Kohle (anerkennend): Das nenne ich Prioritätensetzung! Aber helft mir nochmal: lunisolar?

Fixi: Ja. Ein Kalender, der sich zum Teil nach der Sonne und zum Teil nach dem Mond richtet, ist eben weder ein Lunarkalender noch ein Solarkalender, sondern eine Mischform: Lunisolar. Die beweglichen Kirchenfeste richten sich nach so einem Lunisolarkalender.

Kohle: Inwiefern?

Huf: 325, beim Konzil von Nicäa, wurde Ostern auf den Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond festgelegt und der Frühlingsanfang auf den 21. März. Das war schon ein Riesenerfolg. Da hatte man schon jahrhundertelange Diskussionen hinter sich. Naja – und der Frühlingsanfang ist durch die Sonne bestimmt …

Fixi (unterbricht ihn): … genauer: durch die Tagundnachtgleiche, das Äquinoktium. Das Äquinoktium ist der Moment, in dem die Sonne – von einem hypothetischen Beobachter im Erdmittelpunkt aus gesehen – auf der Ekliptik den Himmelsäquator überschreitet. Das ist sekundengenau feststellbar.

Kohle: Hm!

Huf: Und der dazugehörige Vollmond wird ja nun mal durch den Mond bestimmt, durch einen von der Sonne vollständig unabhängigen Mondzirkel.

Kohle: Verstehe. Aber wo ist da heutzutage das Problem? Wenn sie sich Fotos vom Mars schicken lassen, wird es doch möglich sein, zu messen, wann Vollmond ist!

Fixi: Selbstverständlich ist es das. Schon 1582, als Gregor XIII den julianischen Kalender reformierte, konnte man die Daten genauer berechnen als 1.200 Jahre zuvor – ist ja klar. Deshalb wissen wir ja überhaupt, daß eigentlich nächsten Sonntag schon Ostern sein müßte. Aber man hielt an der Festlegung des Frühlingsanfangs am 21. März fest – und extrapolierte die Vollmondtermine aufgrund von Erfahrungswerten, also des über Jahrtausende hinweg beobachteten Mondzirkels.

Kohle: Aha! Und wann hätte diesem Zirkel nach jetzt Vollmond sein sollen?

Huf: Der Mond hinkt derzeit den zyklischen Berechnungen hinterher. Sollte noch heute voll gewesen sein, ist es aber erst morgen früh, so Viertel vor drei herum.

Fixi: Zwei Uhr zweiundvierzig und zweiundfünzig Sekunden.

Kohle: Und Frühlingsanfang auch?

Huf: Ja. Äquinoktium ist noch heute Abend um zweiundzwanzig Uhr achtundfünfzig. Aber festgelegt eben auf morgen.

Fixi: Da kann man nichts machen.

Kohle: Das kann doch nicht wahr sein!

Fixi: Unterschätz das Beharrungsvermögen der Mutter Kirche nicht! Die Bemühungen Pauls VI. während des Zweiten Vatikanischen Konzils, den gordischen Knoten durchzuhauen und das Osterdatum ein für alle Mal für die gesamte Kirche auf den Sonntag nach dem zweiten Samstag im April festzulegen, ist einzig am Widerstand der Mönche vom Berge Athos gescheitert. Aber wohl ziemlich final.

Huf: Ich sage dir: Der „Brexit“ ist nichts dagegen!

Fixi: Aber hör mal – wir müssen Schluß machen. Ich muß für Chemie noch was über Mondmilch raussuchen!

Huf: Jaja – die Mondmilch am Pilatus! Wo wir grad bei Ostern sind … (er lacht.)

Kohle (elektrisiert): Apropos Milch: Wo ist die Milchkanne?

ENDE

Cornelie Becker-Lamers

Ja, so geht’s zu in Wundersdorf. Aber die Lämmchen haben recht: Das Internet ist ein sehr praktische Erfindung. Gerade beim Thema Osterparadoxon ersetzt eine Stunde Wikipedia-Lektüre von Link zu Link vermutlich etwa einen Monat Bibliotheksrecherche.

Aber nochmal zurück zur Milchkanne: Nachdem sie sie endlich wiedergefunden und ans Gatter gehängt hatten, so daß der Mobilfunkanbieter unverrichteter Dinge wieder abzog, möchten uns die Schafe ihre Milchkanne leihweise zur Verfügung stellen.
Alle, die Internetauftritte und soziale Netzwerke im Zusammenhang mit gemeindlichen (Jugend-)Aktivitäten und der vielbeschworenen Neuevangelisierung für vollkommen nebensächlich halten – und davon gibt es in der Weimarer Pfarrei, wie ich festgestellt habe, überraschend viele an mehreren entscheidenden Stellen – dürfen sich die Milchkanne bei

Grauchen Schaf
Weide vor der Stadt
Große Schaftrift 3-5
15379 Wundersdorf

ausborgen.

Und so sieht das gute Stück aus:

Wundersdorfer Milchkanne, Höhe 25 cm, Durchmesser am Fuß 12 cm, Gewicht 257 gr, stufenlos verstellbarer Henkel. Kann mit etwas Glück die heute allgegenwärtigen Mobilfunkanbieter abschrecken. Tips zur genauen Vorgehensweise beim Bundesforschungsministerium (eigenes Bild)

Der Lichtbildervortrag

Ein Sketchlet für fünf Schafe und zwei Lämmchen.
Mit einer Veranstaltungsankündigung

Oderbruch, die allseits bekannte Schafweide. Draußen herrscht reges Treiben. Nur im Unterstand sitzen einige Schafe mit Fixi und Huf, den beiden Lämmchen, vor dem Tablet und grübeln düster vor sich hin.

Fixi: Das geht nicht! (Sie wirft lustlos einen Kugelschreiber in die Ecke.)

Flocke: Ich finde auch – die Aufgabe ist idiotisch gestellt.

Huf (tapst lustlos auf der Tastatur herum): Die ganzen Maler waren ja nicht mal aus Weimar.

Wolle: Nur der Preller.

Huf: Eben. Und der hat mythologische Szenen gemalt. (Er ruft ein Bild auf).

Kohle (stupst die Tür zum Unterstand auf und tritt zu den andern hinzu): Was gibt’s? Ist irgendwas? (Die Schafe schauen ihn müde an und begrüßen ihn nicht mal.) Hey – was ist los? Warum blast ihr Trübsal? So kenn ich euch gar nicht!

Fixi: Huf und ich sollen für Kunst einen Vortrag machen über „Die Heimat in der Landschaftsmalerei“. Und den Landschaftsmalern ging es regelmäßig um was anderes.

Kohle: So? Worum denn zum Beispiel?

Huf: Na, als es überhaupt anfing, im 17. Jahrhundert, in den Niederlanden, um die Darstellung des Wetters als Gestimmtheit des Kosmos. (Er schnauft.)

Kohle: Echt jetzt?

Fixi: Ja.

Huf: Echt jetzt!

Kohle: Und es hatte nichts damit zu tun, daß sie gerade die Neue Welt eroberten? Vergeßt nicht: New York hieß zuerst Nieuw Amsterdam!

Fixi: Guter Versuch, Kohle.

Huf: Das haben wir alles gecheckt – läßt sich als These nicht halten.

Flocke: Und im 19. Jahrhundert? Barbizon? Die Weimarer Malerschule?

Fixi: Naturalismus.

Huf: Unser Jahrhundert: Schafherden rauf und runter. Da ging’s um die Darstellung der Schafe, der Arbeit der kleinen Leute und ihre Lebensbedingungen.

Kohle: Also das geht so nicht weiter! Es muß eine Lösung her. Sagt nochmal genau, wie die Aufgabenstellung hieß.

Fixi (stöhnt): Du kennst den Zoffensberger doch. Genaue Aufgabenstellungen gibt’s bei dem nie!

Huf (macht einen Lehrer mit bayerischem Akzent nach): Mei, donn erzählt’s ihr uns wos iber die „Hoimat in der Londschoftmolerei“.

Kohle: „Die Hoimat“? (Er lauscht dem Wort nach) „Die Hoimat“ … Moment mal: Die Heu-Mahd! (Die Schafe sehen ihn verdutzt an.) Ihr redet einfach über die Heu-Mahd in der Landschaftsmalerei!

Blütenweiß: Über die Heu-Mahd?

Wolle (begeistert): Ja – da kennen wir uns natürlich aus! (Sie lacht.)

Grauchen (elektrisiert): Das fängt mit dem alten Breugel an – ja! Da seid ihr schnell fertig! Da gibt es jede Menge Bilder, die ihr zeigen könnt. (Er klatscht vor Freude in die Hufe.)

Pieter Breugel d.Ä. (1525/30-1569) Die Heuernte (1565), Öl auf Eichenholz; 114 × 158 cm; Prag: Palais Lobkowitz in der Prager Burg (Bild: wikimedia commons, User:Lewenstein)

Fixi und Huf (haben noch nicht so ganz begriffen): Ihr meint …

Flocke: Wir meinen, ihr legt euch euer Thema so zurecht, daß es einen Sinn ergibt – genau.

Blütenweiß: Kohle hat recht!

(Nach der bedrückten Stimmung greift der neue Elan jetzt stürmisch um sich. Die Schafe lachen und johlen. Die Schafe tauschen Erinnerungen über Erlebnisse in Bergen von frischem Heu aus. Huf klimpert etwas in die Suchmaschine und erntet eine Fülle brauchbarer Bilder. Na also! Die bewährte gute Laune ist wiederhergestellt und Flocke und Blütenweiß beginnen zu singen.)

Flocke: Sie war ein Mädchen voller Güte …

Alle Schafe: Heu-Mahd, süße Heu-Mahd! Wann werde ich dich wieder sehn?

ENDE

Ja, so geht’s zu in Wundersdorf! Da haben sich die Schafe ja was Schönes ausgedacht! Bloß gut, daß wir ihnen manchmal doch eine Nasenlänge voraus sind. Zum Beispiel beim Thema Landschaftsmalerei und Heimat.

Der Heimatbegriff hat ja gerade unglaubliche Konjunktur. Damit er ja nicht in falsche Hände gerät. Da wird man dann in gelehrten Essays auch auf die unterschiedlichsten Bücher aufmerksam gemacht – und ich habe sehr interessante Zusammenhänge in zwei Publikationen des 20. Jahrhunderts entdeckt. Zur Konstruktion von Heimat in Ost und West. Und was die Landschaftsmalerei da für eine Rolle spielt. Steht noch nirgendwo. Hab ich mir selbst ausgedacht. 🙂 (So viel vorab: Ohne die Meister der Weimarer Malerschule geht da tatsächlich gar nichts!)

Mehr wird aber nicht verraten! Wer neugierig geworden ist, stelle sich morgen,

Donnerstag, 14. März 2019 um
14.30 Uhr im
Otto-Neururer-Saal im
katholischen Gemeindehaus von
Herz-Jesu Weimar

ein. Dann kann man hören und sehen, was ich erzählen und an Bildern zeigen werde. Es ist spannend und garantiert für jeden was dabei! Versprochen! 😉

Cornelie Becker-Lamers

Sketch des Monats: Der Seitenaltar

Ein Sketch für acht Personen, sieben Schafe, zwei Lämmchen,
einen Hütehund und eine kleine Gruppe von Schafstatisten

Wundersdorf, Oderbruch. Im Querschiff der Kirche Maria Hilf!, genau da, wo die restaurierte Mutter Maria auf ihrer neuen Konsole steht (wenn sie nicht gerade für sieben Wochen der Krippe weichen muß), sitzen Ines, Helene, Edith, Richard, Teresa, Karl und Hanna mit Kohle, Wolle, Flocke, Blütenweiß, Grauchen, Tatze und den Lämmchen vor Kohles Tablet und haben gerade anhand des von den Schafen erfundenen Computerspiels „Dove Sveta“ die neue App „Follow JC GO!“ verstehen gelernt, als Teresa in die Fotostrecke des Tablets gerät und ein bißchen hin- und herstreicht. Da plötzlich:

Teresa: Hey! Was ist das denn? (Sie zeigt eins der Fotos herum und streicht auf das nächste.) Das auch! (Sie schaut weiter.)

Neuzelle, Klosterkirche (Foto: Kohle Schaf)

Edith: Aber Kohle! Das ist ja Neuzelle!

Kohle (stolz): So wahr ich hier sitze!

Richard: Wo hast du das her?

Flocke: Das haben wir natürlich selber fotografiert. Der Blick in den Innenraum da ist von mir. (Sie streicht nochmal auf ein Foto zurück.)

Helene: Aber wie konntet ihr das fotografieren?

Wolle: Na, wir waren doch letztes Frühjahr da!

Hanna: Nicht wahr!

Karl: Und das erzählt ihr uns erst jetzt?

Grauchen: Irgendwie haben wir uns zwischendurch zu selten gesehen.

Wolle: Ihr müßt öfter auf die Weide kommen. Dann erfahrt ihr auch was.

Ines: Wie auch immer! Das wurde ja wirklich Zeit mit eurer Wallfahrt. Seit wann war die geplant?

Blütenweiß: Ende 2012 – das sind mittlerweile sechseinhalb Jahre.

Edith: Ihr könnt von Glück sagen, daß ihr nur aus Sprache besteht – (zu Fixi und Huf) sonst wärt ihr beiden Lämmchen längst groß!

Fixi: Hm. Stimmt.

Teresa: Warum muß ich eigentlich groß werden? (Sie stützt den Kopf in beide Hände.)

Richard: Das habe ich mich als Kind auch immer gefragt.

Helene: So ist das Leben.

Karl: Aber erzählt doch mal – wie war’s?

Kohle: Also das war so …

***

Neuzelle, Klosterkirche. Die allseits bekannte Schafherde hat sich mit dem neuen Pritschenwagen nach Neuzelle bringen lassen und nimmt nun geschlossen an einer Führung durch die barocke Stiftskirche teil.

Die Kirchenführerin: Seit dem 12. Jahrhundert überzieht ein immer dichter werdendes Netz von Klostergründungen des Ordens der Zisterzienser das Gebiet des heutigen Sachsen und Brandenburg bis hinauf nach Vorpommern. Das Stift Neuzelle wurde 1268 von Markgraf Heinrich dem Erlauchten gegründet. Seinen Namen trägt es zur Abgrenzung von seinem Mutterkloster Altzella am Pitzschebach …

Fixi (prustet los und erntet von Flocke einen Rippenstoß mit dem Vorderlauf)

Flocke: Pssst!

Die Kirchenführerin (hat ungerührt weitergeredet): … übereignete Friedrich Barbarossa höchstselbst der ebenfalls Wettinischen Gründung 800 Hufe Land.

Huf: Ha!

Grauchen (dreht sich zu Huf um): Das hat nichts mit dir zu tun, Huf!

Ein Schaf: Ebent! Hufeland – det is doch ‘n janz berühmter …

Ein anderes Schaf: Nach den sind doch Straßen benannt.

Flocke (flüstert): Unsinn! Eine Hufe Land ist ein altes Flächenmaß.

Kohle (zischt): Könntet ihr mal still sein! Ich will zuhören!

Die Kirchenführerin (ist mit ihren Ausführungen bereits bei der Ausstattung des Kirchenraumes angelangt): … datieren wir zehn Beichtstühle in eine Zeit vor 1750 bis 1800.

Fixi: Zehn Beichtstühle! (Sie ist sofort wieder still.)

Die Kirchenführerin: Der prachtvolle Hochaltar ist ein Werk von Johann Wilhelm Hennevogel selber und wurde von 1740 bis 1741 in Stuckmarmor ausgeführt. Er zeigt die Himmelfahrt Mariens aus der Schule des Michael Willmann.

Ein Schaf: Waaaaas?

Ein anderes Schaf: So berühmt ist der?

Flocke (flüstert): Nicht unser Michael Willmann! Es geht um die Mitte des 18. Jahrhunderts!

Das Schaf: Ach so!

Das andere Schaf: Ich dachte jetzt – weil sie sagte Michael Willmann.

Flocke: Jaja. Der heißt ja auch so. Aber es ist halt ein anderer.

Das zweite Schaf: Wie so Namensgleichheiten einen irreführen können: Die Cousine von der Freundin von meiner Schwägerin, die kannte mal eine …

Kohle: Psssst! (Die Schafe hören wieder zu.)

Die Kirchenführerin: … sind elf Seitenaltäre Orte der Andacht, der Meditation und Stille. (Sie geht ein Stück weiter Richtung Chorgestühl.)

Neuzelle, Klosterkirche, eine ganz neue Kniebank vor einer Pietà, einem der Seitenaltäre (Foto: Flocke Schaf)

Grauchen (steht da wie angewurzelt): Habt ihr das gerade gehört?

Flocke: Die Seitenaltäre sind Orte der Andacht, der Meditation und Stille – ja. – Und?

Grauchen: Meditation und Stille! Begreifst du denn nicht?

Wolle: Nö. Was soll damit sein.

Grauchen: Na, das ist doch das, was unser Pfarrer jetzt seit Jahren anbietet. Dreimal die Woche plus den Taizé-Abend.

Kohle: Stimmt. Organisiert gemeinsam schweigen kann man in unserer Pfarrei bis zum Abwinken.

Grauchen: Aber begreift ihr denn immer noch nicht? (Sie gestikuliert) Seitenaltar! Andacht!

Flocke: Spuck‘s aus, Grauchen, wir kapieren’s nicht!

Grauchen (aufgeregt): Der Pfarrer hat doch gesagt, Seitenaltäre wären heute nur noch Dekoration!

Kohle: Wann hat er das gesagt?

Flocke: Als Edith ihn mal auf den Seitenaltar angesprochen hat.

Wolle: Weil zum Kirchweihjubiläum plötzlich alle Teile des Marienaltars aus allen Räumen des Pfarrhauses zusammengetragen wurden – in eine Ausstellung. Und jeder konnte sehen: Alle Figuren sind noch da!

Kohle: Stimmt. Da hat er das gesagt.

Wolle: Und der Maria dann bloß so eine Konsole an die Wand gebaut.

Blütenweiß: Ich habt recht!

Grauchen: Vielleicht weiß er bloß nicht, daß man vor einem Seitenaltar Andachten halten kann?

Blütenweiß: Oder daß sie der persönlichen Meditation und Ruhe dienen?

Flocke (elektrisiert): Stellt euch vor – die Alltagsmessen – acht Uhr – wenige Besucher – das wär‘ doch toll vor so einem Seitenaltar (sie schließt die Augen und malt sich die Szene aus).

Kohle: Hm … Also ich kann mir nicht vorstellen, daß er das alles nicht weiß. Aber warum schätzt er die Wertigkeit so anders ein als wir?

Blütenweiß: Schließlich wäre der Altar auch als Dekoration einfach schön!

Fixi (deklamiert): „Domine, dilexi decorem domus tuae“

Flocke: Wo hast du das denn her?

Fixi (unbekümmert): Mal gelesen. Irgendein Introitus. Aus den Psalmen glaub ich.

Grauchen (nickt sinnierend): Jaja – die Lämmchen kommen auf die alten Sachen zurück – es ist immer dasselbe!

Lateinische Inschrift in den Straßen von Pula, Istrien (eigenes Bild)

ENDE

Cornelie Becker-Lamers