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Der Adventskalender von Konversionen, Tag 16, Ida Gräfin Hahn-Hahn

Der Ausgang meiner Höhle war auf der Spitze eines Berges, und auf dunklen labyrinthischen Wegen gelangte ich dahin. Nun stand ich oben, in freier Luft, in kräftiger Atmosphäre, unter einem unermeßlichen, strahlenden Sternenhimmel, der sich in einem ebenso unermeßlichen Meere rings um mich her abspiegelte. Da sprach neben mir eine Stimme: „Dies ist die Kirche Christi.“ Und ich fiel nieder und betete an. Und die Stimme deutete mir die strahlenden Sternbilder; — da hörte ich Lehren, Mysterien, Worte, wie mein Ohr sie zuvor nie vernommen, wie ich gar keine Ahnung hatte, daß etwas so himmlisch und heilig Liebevolles, so Erhabenes, so die Seele Verklärendes für mich, für uns, für Alle — gelehrt und gegeben werden könne.

Ida Marie Louise Sophie Friederike Gustave Gräfin von Hahn, geboren am 22. Juni 1805, in die Kirche aufgenommen am 26. März 1850, gestorben am 12. Januar 1880 

Das Leben der Schriftstellerin, Lyrikerin und Klostergründerin Ida v. Hahn – es wäre auch heute noch ein “gefundenes Fressen” für die Regenbogenpresse! Aus einem uradeligen mecklenburgischen Adelsgeschlecht gebürtig hatte Ihr Vater das riesige Vermögen mit windigen Theaterprojekten durchgebracht und seine Tochter einem entfernten Vetter gleichen Namens zur Frau gegeben, daher der von ihr präferierte Doppelname „Gräfin Hahn-Hahn“. Die Ehe hielt nur wenige Jahre und Ida, seit ihrer Scheidung finanziell unabhängig, entwickelte sich zu einer völlig unabhängigen, „mondänen” Person, die, unverheiratet, mit ihrem Lebens- und Reisegefährten Adolf Freiherr von Bystram weite Reisen durch Europa und den Orient unternahm und sich parallel zu einer der meistgelesenen deutschen und europäischen Schriftstellerinnen entwickelte; ihre Werke wurden in nicht weniger als acht Sprachen übersetzt. Vorbild war ihr übrigens u.a. die etwas ältere Luise Hensel, die wir ja vor wenigen Tagen  erst hier kennenlernen durften.

Ida Hahn-Hahn (Bild: Wikicommons, Pedantin9)

Als “deutsche George Sand”, “Freie Aristokratin” und “Königin ihrer Zeit” bezeichnet, hinderte aber nicht etwa dieser Lebenswandel, der auch noch weitere Affären kannte (und Möchtegern-Affären, den Fürsten Pückler hat sie abblitzen lassen), den Empfang an etlichen Höfen Europas. Wohl aber zerstörte die Konversion bis dato bestehende Freundschaften und sorgte für regelrechten Aufruhr: Aus dem engeren Umfeld Bismarcks selbst wurden ganze Bücher voll der Polemik gegen sie verfaßt!

Die Bekehrung, ausgelöst durch den Tod ihres langjährigen Gefährten im Mai 1849, war Resultat einer tiefgehenden Lebenskrise und gründlichen Selbstreflexion: 

“Stolz war der Grundzug meines Charakters, die Basis, auf welcher ich mein Leben gründete. Durch ihn sind die Engel aus dem Himmel gefallen und Lucifer in den Abgrund; — ich weiß es! mich hat die Hand meines Gottes gehalten, als es noch Zeit war. Dieser Stolz gab mir ein grenzenloses Bedürfnis innerer Unabhängigkeit von äußeren Einflüssen von Menschen und Dingen. Ich wollte kein Sklave sein fremder Urteile, fremder Meinungen oder Ansichten; ich mochte weder heucheln noch schmeicheln, um Lob zu hören, Tadel zu meiden. Auch von Gewohnheiten, Verweichlichungen, Bedürfnissen mogte ich nicht abhängen. Es war mir eine Lust, zuweilen etwas zu entbehren und auszuhalten — aber dies war stets etwas Selbstgewähltes. Immer auf eigenen Füßen zu stehen, war mir eine Wonne. Kam irgend ein Sturm, so beugte ich mich und ließ ihn vorüber rauschen. Aber ich blieb auf meinen Füßen — und Gott ließ mich wirklich stehen, so daß ich wer weiß wie oft zu mir selbst sprach: Gott ist für mich, ich kann Alles aushalten. Es begegnete mir eben nichts, was die natürliche Kraft nicht hätte ertragen können; — darin bestand gerade die innere Führung meiner Seele. Denn als der erste, große Schmerz, der einzig wahre Schmerz meines Lebens über mich kam — ja, wo war da die Kraft? Bis dahin hatte ich die Schmerzen überwunden, weil ich mich gegen all ihre Angriffe immer hinter Helm und Schild meines Stolzes und Selbstvertrauens flüchten konnte; — jetzt war das vorbei! ich war im Herzen getroffen und überwunden bis in’s Mark der Seele; denn, so groß der Stolz sein mochte — die Liebe war größer gewesen. Noch behielt ich meine Waffen in Händen, obwohl ich sie nicht mehr brauchen konnte, nutzlos mich beschwerend mit ihrer Last, die mein Leid nur vermehrte und einen unerträglichen Druck mir aufbürdete. Endlich gab ich sie und mich in Deine Hand, mein Herr und mein Gott!”

Freilich, auch die nüchtern geplante Durchführung dieses Vorhabens geschah ganz ‘à la Ida Hahn’: “Glut im Herzen, Eis im Kopf”. Aber so sehr sie diesbezüglich auch “den Taktstock in der Hand” behielt, und so sehr sich auch ihr literarischer Erfolg, nur jetzt eben im katholischen Teil Deutschlands, fortsetzen sollte, ihr weiterer Lebensweg spricht deutlich von der Ernsthaftigkeit der Umkehr! 

Sie folgte nach dessen Berufung zum Bischof von Mainz Wilhelm Emmanuel von Ketteler, der sie in Berlin in die Kirche aufgenommen hatte, dorthin, wo sie im Dezember 1853 das Kloster ‘Vom guten Hirten’ zur Pflege “gefallener Mädchen” gründete und dort bis zu ihrem Tode wohnte, ohne allerdings dem Orden selbst anzugehören. 

Wer möchte kann hier den vollständigen Konversionsbericht unter dem Titel: “Von Babylon nach Jerusalem” nachlesen.

Ich aber kann nur staunen, wo Glanz, Zauber und Schick katholischer Persönlichkeiten geblieben sind. Versuchen Sie mal, an bekanntere (von “berühmt” wollen wir vorsichtshalber gar nicht reden!) katholische Frauen im Deutschland von heute zu denken, ich nenne lieber keine Namen, und kontrastieren Sie sie im Geiste mit Ida Hahn… 🙄

 

Gereon Lamers 

Der Adventskalender von Konversionen, Tag 15, Carl von Schönburg

Carl Heinrich Wolf Wilhelm Franz von Schönburg, Graf von Schönburg-Glauchau, geboren am 13.Mai.1832, in die Kirche aufgenommen am 19. März 1869, gestorben am  27.11.1898

Michael Wetzel, Carl von Schönburg, (Bild in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ [14.12.2022])

Carls Konversion, gemeinsam mit seiner aus Franken stammenden Gattin Adelheid (geb. Gräfin von Rechteren-Limpurg-Speckfeld), fand in Rom in der Redemptoristen-Basilika des Erlösers und des Heiligen Alfons statt. Sie löste nicht bloß in den Schönburgischen Landen in Südwestsachsen, sondern im ganzen Königreich Sachsen, ja bald im ganzen Deutschen Reich, als dies in den politisch motivierten verschärften Kulturkampf gezwungen wurde, einen großen Skandal aus. Vor allem die protestantische Geistlichkeit witterte eine Bedrohung ihrer scheinbar so festgefügten (kulturellen) Hegemonie.
Tatsächlich ließ es der Graf auch in den folgenden Jahren nicht dabei bewenden, “im stillen Kämmerlein“ seinen Glauben zu pflegen, sondern unterstützte nach Kräften die katholische Publizistik in Sachsen, versuchte Kirchengebäude dem katholischen Kultus zurückzuführen und, wohl der größte Anstoß, er führte in seiner Residenz Wechselburg eine öffentliche Fronleichnamsprozession ein!
Und man muß sich immer wieder vor Augen führen (was wir hier bereits geschrieben haben, was aber nach wie vor wenig bekannt zu sein scheint): Die Katholikenzahl in den sog. “Kernländern der Reformation” stieg keineswegs erst mit den Vertreibungen nach Ende des Zweiten Weltkriegs nennenswert an, nein, dieser Prozess setzte bereits Ende des 19. Jahrhunderts ein, hauptsächlich als Arbeitsmigration und zwar auch damals schon international (Polen, Italien)! Ich kenne da eine vormalige Thüringer Landtagspräsidentin, die führt ihr (erhebliches) Temperament auf eine sizilianische Urgroßmutter zurück… 🙂 ).

Es gäbe über die Schönburger noch viel mehr zu berichten, was wir auch schon einmal angedeutet haben, hier aber das paßt erstens nicht in das Format des Adventskalenders und erfordert zweitens eine weitere Recherche-Reise nach Sachsen! 

Daher hier nur so als kleiner Appetizer: Wissen Sie, welche bekannte zeitgenössische Persönlichkeit eine geborene Gräfin von Schönburg-Glauchau ist, und eben aufgrund dieser Konversion ihres Ahnen katholisch?

Mariae Gloria Prinzessin von Thurn und Taxis! 🙃

Prinzessin Gloria v. Thurn und Taxis, 1981 (Bild: Wikicommons, 8mobili)

Gereon Lamers

 

Der Adventskalender von Konversionen, Tag 14, Shia LaBeouf

Ich fange an, es körperlich zu spüren, eine tiefe Gnadenfülle, es beginnt, sich regenerierend anzufühlen. Ich fange an, es so sehr zu genießen, daß ich es nie mehr missen möchte. [sc: Die Hl. Eucharistie]

Shia Saide LaBeouf, geboren am 11. Juni 1986, in die Kirche aufgenommen im Jahr 2021 oder 2022

Der US-amerikanische Schauspieler, Kurzfilmregisseur und Performancekünstler Shia LaBeouf (gesprochen etwa: “Scheia LaBöf”) (von dem ich bis vor kurzem noch nie etwas gehört hatte, obwohl er seit 1998 Filme macht) ist mit seiner Konversion gleich in mehrfacher Hinsicht geradezu exemplarisch, für deren lebensverändernde Kraft und die Wucht, mit der sich der Glaube Bahn brechen kann.

LaBeouf befand sich nämlich, nach einer durchaus schwierigen Kindheit, dem dann aber einsetzenden großen Erfolg und, typisch für “Hollywood”, etlichen problematischen “Beziehungen” (die sogar zu Gewaltvorwürfen gegen ihn führten) schließlich in einer persönlich ausweglos erscheinenden Situation:

„Ich hatte eine Waffe auf dem Tisch liegen. Ich war raus aus allem.“, „Ich wollte nicht mehr am Leben sein, als das alles passierte. Scham, wie ich sie noch nie erlebt hatte – die Art von Scham, daß du vergißt, wie man atmet. Du weißt nicht, wohin du gehen sollst. Du kannst nicht mal nach draußen gehen und dir einen Taco holen.“

Shia LaBeouf, 2022 (Bild: Wikicommons, HartemLijn)

Das war der seelische Ausgangspunkt, als LaBeouf das Angebot erhielt, den Hl. Padre Pio in einem Film darzustellen. Zur Darstellung des Heiligen gehörte selbstverständlich auch diejenige der Feier der Hl. Messe, was LaBeouf aber ebenso glücklicher- und professionellerweise nicht nur in einer äußerlichen Weise auffaßte, sondern sich in einem Kapuzinerkloster der gesamten “Atmosphäre” aussetzte, die diese Lebensweise mit sich bringt.

Die Wirkung blieb nicht aus und ich denke, wir dürfen gewiß sein, Padre Pio hat sich für ihn eingesetzt:

„Und als ich ankam, wurde ein Schalter umgelegt. Es war wie Kümmelblättchen. Es war, als hätte mich jemand mit einem Trick dazu gebracht, so fühlte es sich an“, „Nicht auf eine schlechte Art und Weise. Auf eine Weise, daß ich es nicht gemerkt habe. Ich war so nah dran, daß ich es nicht merken konnte. Heute, nach einiger Zeit, sehe ich es anders.“

Und von “seinem Heiligen”, und davon, wie Katholizität funktioniert, bekam der Schauspieler offenbar mehr als nur eine Ahnung, mehr jedenfalls, als der gesamte sog. „Synodale Weg“:

„Als Pio ins Exil geschickt wurde, ging er nicht auf Twitter. Er wurde einfach leise … er wurde nicht laut. Er hat nicht einen auf Martin Luther gemacht. Er imitierte den Heiligen Franziskus, wodurch er in der Stille christus-ähnlicher wurde. Das kultivierte er, im Gegensatz zu der Rebellionsnummer. Er hat es akzeptiert. Er hätte seine eigene Kirche gründen können, seinen eigenen Orden – so viele Anhänger hatte er. In diesem Moment hätte er in die Wälder gehen und einen ganz neuen Sektenzweig des Christentums gründen können“

 Aber noch eines sticht an dieser Konversion heraus und macht sie m.E. in der augenblicklichen Situation der Kirche besonders wichtig: Welche Form der Messe hat Labeouf denn naturgemäß für den Film darstellen müssen? natürlich die “Alte Messe”!

“LaBeouf: Die Lateinische Messe berührt mich tief. Ganz tief.

Bischof Barron: Wieso?

LaBeouf: Weil es sich nicht so anfühlt, als würden sie mir ein Auto verkaufen wollen. Wenn ich mit den Gitarren und dem Zeug zu irgendeiner Messe gehe … fühlt sich vieles so an, als wollten sie mir eine Idee verkaufen … [Die Kirche] ‘Christ the King’ in Oakland hält jeden Tag der Woche eine lateinische Messe und es fühlt sich an, als würde es nicht getan, um mir irgendetwas zu verkaufen, und es fühlt sich fast so an, als würde mir Zutritt zu etwas ganz Besonderem verschafft. Es aktiviert etwas in mir, wo es sich anfühlt, als hätte ich etwas gefunden.”

Das ist die Form der Hl. Messe, die manche ewig Gestrigen in der Kirche gerade verbieten wollen, als ob der letzte Versuch, der unter für sie ungleich! günstigeren Umständen stattfand, nicht schon gründlich genug gescheitert wäre! Nun, es wird diesmal, wenn das überhaupt möglich ist, noch viel krachender schiefgehen und Leute wie Shia Labeouf sind ein starkes Indiz dafür. 

Hier das Video mit dem Interview, aus dem das letzte Zitat entnommen ist. 

Gereon Lamers

Der Adventskalender von Konversionen, Tag 13, Angela Jacobi

Wäre jede Fügung eine Perle, ich könnte mir diese Kette inzwischen dreimal um den Hals legen.

Angela Jacobi, geboren am 24. März 1954, getraut am 6. August 1977, in die Kirche aufgenommen am 6. August 2005

Am „Vorabend” des Adventskalenders hatte ich Ihnen ja versprochen, daß er auch bemerkenswerte Menschen umfassen sollte, die man vielleicht (noch) nicht kennt, aber immerhin prinzipiell kennenlernen könnte.
Und sollte. 🙂

Heute haben wir das erste Beispiel dafür und ich danke Frau Jacobi sehr herzlich für die gleich folgende erfrischende und authentische Geschichte, zu der ich gar nichts weiter sagen möchte und kann!, außer einem: Wie wir uns kennengelernt haben nämlich. 

Das geschah über die viel gescholtenen “sozialen Medien”, näherhin auf Twitter, das es ja gerade in bestimmten Kreisen besonders schwer hat…
Und ich kann nur wiederholen: Ja, man kann allerlei auch berechtigt negatives sagen, über diese Form der Kommunikation, aber – entscheidend ist eben nicht das Medium, sondern die Menschen, die dahinter stehen, und ich und wir haben im Lauf der Jahre eine ganze Reihe inzwischen natürlich längst auch persönlicher wertvoller Kontakte und sogar Freundschaften finden dürfen! Es ist auch (vielleicht sogar ‘gerade auch’) richtig, “Catholic Twitter” kann sehr „besonders“ sein, aber es liegt an uns, es zu einem besseren Platz zu machen! Und ganz schlecht ist es auch schon jetzt nicht. 

Nun aber zur Erstveröffentlichung des Konversionsberichts (das ist übrigens eine eigene literaturwissenschaftliche Kategorie!) von Angela Jacobi.

Enjoy! 🙂 

 

„Dein Wille geschehe!“

Aus einer preußischen Protestantin wird eine fröhliche Katholikin

Ich hatte eine gute Portion katholischen Blutes in mir, ohne es zu wissen, und als ich es erst kürzlich in alten Familienunterlagen entdeckte, hat es mich nicht überrascht.

Mein Großvater mütterlicherseits, Felix, war der Sohn einer polnischen Adeligen aus Westpreußen (Kaschuben), die als einzige Tochter gewagt hatte, einen „deutschen Bären“ zu heiraten, einen Kirchenmaler und Vergolder und Ratsherren  und der war katholisch. Meine Mutter war evangelisch und heiratete 1949 einen evangelischen Mann aus Berlin, der sich in jungen Jahren der „Bekennenden Kirche“ angeschlossen hatte.
Das rettete ihm schwer verletzt in Frankreich das Leben; aber das ist eine andere Geschichte. 

Dass er aus tiefer Bewusstlosigkeit erwacht als erste Maßnahme seine Pistole in Einzelteile zerlegte und sie weit von sich warf, hat mich zutiefst beeindruckt. Er war tief geprägt von den so genannten preußischen Tugenden, die auch und vor allem für Toleranz und Religionsfreiheit stehen. Die Wertvorstellungen des Pietismus sind ihm fremd gewesen, die preußischen Tugenden aber wertvoll.
Doch genau dieser Pietismus holte mich in meiner Zeit als Konfirmandin in Süddeutschland durch einen evangelischen Pfarrer ein und stellte später die größte Hürde auf meinem Weg in die katholische Kirche dar, eine Prägung, die mir auch noch heute ab und zu versucht, das Leben schwer zu machen. (Schuld und Sühne und das ewig schlechte Gewissen!)

Der rheinische Karneval vermochte, was die alemannische  Fastnacht nie geschafft hätte, denn die war uns Konfirmanden von Herrn Pfarrer als unmoralisch verteufelt worden;  als Achtzehnjährige  lernte ich beim Karneval der Kolpingfamilie meinen Mann kennen. Und der kam, wie konnte es auch anders sein, aus einer streng katholischen Familie und hatte die Warnung, sich zu unterstehen eine evangelische Freundin nach Hause zu bringen, frisch verliebt in den Wind geschossen.
Meine Schulfreundin, Tochter seines ehemaligen Lateinlehrers warnte mich: “ Mein Vater meint, du sollst die Finger von Michael  lassen, der hat mehrere Päpste in der Familie…“ Es war „nur“ ein Bischof und der hätte als Nachfolger von Kardinal Galen sicher nichts dagegen gehabt und meine Schwiegermutter, Brandenburgerin und Konvertitin regelte, glättete klug und gütig die Wogen und wir heirateten „ökumenisch“ und ich blieb evangelisch. Aber vom allerersten gemeinsamen Kirchgang an schmerzte mich die Tatsache, dass wir nie zusammen die Heilige Kommunion empfangen konnten. Ich begann, mich mit der Wandlung zu befassen, ein harter und steiniger Weg, weg vom reinen Symbolcharakter hin zur Glaubenswahrheit der Transsubstantiation. Viele meiner Fragen beantworteten die Bücher „Salz der Erde“ und „Gott und die Welt“, die Gespräche Kardinal Ratzingers mit Peter Seewald, doch die Suche nach der Glaubenswahrheit, um die ich betete, blieb noch unbeantwortet.

Schon seit Schülerzeiten sang mein Mann im Kirchenchor und so blieb es nicht aus, dass ich mit Freuden sonntags lieber in eine barocke Basilika ging, statt in die nüchterne evangelische Kirche, in der ich mich so gar nicht mehr „daheim“ fühlte. Mein katholisches Blut war in Wallung gekommen, es fehlte nur noch ein Schritt, der wichtigste allerdings, und diese Stufe schien lange unüberwindlich zu sein.

„Der lewe Jott tut den janzen Tach fügen!“ meinte einmal ein Kölner Pfarrer und so führte eine Begegnung mit einer MC-Schwester in Würzburg mich 1997 direkt in die Arme von Mutter Teresa in Kalkutta. In der Osternacht durfte ich rechts von ihr sitzen und die Predigt eines katholischen Priesters aus England (!) über die Transfiguration Christi schenkte mir die so lang ersehnte Glaubenswahrheit; es ist eine weitere Fügung, dass meine Aufnahme in die katholische Kirche in einer Kapelle der Schwestern von Mutter Teresa durch einen bischöflichen Schulfreund meines Mannes nicht nur an unserem Hochzeitstag, sondern vor allem am Tag „Verklärung des Herrn“ stattfand, in Anwesenheit zweier Salesianer Don Boscos und zweier ehemaliger katholischer Straßenkinder aus Kalkutta, denn es war gerade WJT in Köln.

Angela Jacobi mit der Hl. Mutter Teresa (Bild: Privat)

Es hatte sich alles einmal mehr „jefügt“ und wir gründeten im Jahr 2005 auch die Dr. Michael und Angela Jacobi-Stiftung ( www.jacobi-stiftung.de) und weitere Fügungen nahmen Fahrt auf und sandten mich u.a. auf bischöflichen Wunsch hin in mein Traumland Burma (Myanmar).

Viele viele Kinder und Jugendliche , Schulkinder,  Straßenkinder, Waisenkinder, Auszubildende  und vor allem junge Mütter in Not, die nicht wissen wohin und wo sie ihr Baby bekommen sollen in ganz Myanmar und in Kalkutta darf ich nun als leider Kinderlose bemuttern und behüten .

Wäre jede Fügung eine Perle, ich könnte mir diese Kette inzwischen dreimal um den Hals legen.

 

PS: Noch eine weitere Fügung hat mich Frau Jacobi wissen lassen (die ich aber nicht eigenmächtig in den Text einfügen wollte), daß nämlich ihre Eltern sich nach dem Krieg beide “zufällig” am gleichen Ort einfanden und -”fanden”: “Vater strandete mit PW auf der Jacke aus Camp in Florida in Bad Segeberg, konnte dort  bei Hallstein Vorlesungen hören und wurde aktiv in der Politik, Mutter war aus Danzig geflohen und schwer verletzt worden auf der Flucht und auch in Bad Segeberg gelandet…”)

Gereon Lamers 

Morgen wieder Lucia-Feier in Herz-Jesu Weimar!

Morgen, am 13. Dezember 2022 wird in Herz-Jesu Weimar, diesmal schon um 17.00 Uhr!, eine gute Tradition fortgesetzt: Die Andacht zum Tag der Hl. Lucia.

Wir haben hier auf PuLa schon verschiedentlich von diesem Projekt der Musikhochschule  berichtet und können Ihnen den Besuch aus Erfahrung nur empfehlen!

Bei der Gelegenheit: Sie wissen ja: „Nach Asche, Pfingsten, Kreuz, Luzei, gedenke, daß Quatember sei!“ 😉 Nach diesem schönen Gedenktag zeigt der Advent noch einmal seinen Charakter als (milde) Fastenzeit (am Mittwoch, Freitag und Samstag)!

Cornelie Becker-Lamers

PS: Eines muß ich ja doch sagen: 17.00 Uhr ist für Berufstätige eine fast unmögliche Zeit… Müssen wir immer so tun, als ob das alles eine Veranstaltung für Rentner ist? Ist es nicht!  🙁

Gereon Lamers

Der Adventskalender von Konversionen, Tag 12, Luise Hensel

Nach dir nur will ich trachten,
Mein Heiland, Jesus Christ!
Will kühn die Welt verachten,
Die deine Feindin ist,
Hinweg die Augen wenden
Von ihrem Zauberlicht;
Ihr Feuer kann nur blenden,
Erleuchten kann es nicht.

Luise Hensel, geboren am 30. März 1798, in die Kirche aufgenommen am 7. Dezember 1818, gestorben am 18. Dezember 1876

Wohl wirklich jede und jeder Deutsche kennt ein Werk von ihr, denn Luise Hensel ist die Dichterin des “Nachtgebets”:

Müde bin ich, geh zur Ruh,
Schließe beyde Aeuglein zu:
Vater, laß die Augen dein
Ueber meinem Bette seyn!

und es ist schon eine Ironie, daß sich dieses Lied, das die Tochter eines protestantischen Pastors nach ihrer Konversion geschrieben hat, heute im evangelischen Gesangbuch findet, aber nicht im katholischen Gotteslob; o, ja, wir sind wirklich großartig im Vergessen des und der Eigenen… 

Luise Hensel, gemalt von ihrem Bruder (Bild: Wikicommons, LeastCommonAncestor)

Die Fülle der Bezüge, die Luise Hensels Leben mit bedeutenden Menschen ihrer Zeit, der deutschen Romantik, unmittelbar nach der Phase ihres Aufbruchs, verbindet, ist fast überreich.
Schwester des Malers Wilhelm Hensel und damit Schwägerin der Komponistin Fanny Hensel, geb. Mendelssohn, wurde sie umworben von dem Komponisten Ludwig Berger und den Dichtern Clemens Brentano und Wilhelm Müller.
Für letzteren wurde sie zum Urbild der „Schönen Müllerin“, unsterblich vertont von Franz Schubert: 

Doch insbesondere die Beziehung zu Brentano wurde für beide wechselseitig auswirkungsreich, er revertierte zur Kirche, sie fand heim zu ihr, nach der sie wohl schon seit früher Jugend gesucht hatte. 

„Nicht der äußere Glanz des Cultus, noch weniger Sentimentalität“ habe sie zu dem Schritte bestimmt, erklärte sie noch am 14. Oktober 1862, sondern die klare Erkenntnis, daß in der katholischen Kirche die von Christo gestiftete Kirche vorhanden sei“

Gemeinsam mit Brentano bemühte sie sich um die Aufzeichnungen der seligen Mystikerin Anna Katharina Emmerick und ihr vertraute Brentano schließlich die Sorge um seinen eigenen literarischen Nachlaß an!

Ihr weiteres, über lange Phasen recht unstetes Leben, war von karitativen- und Lehrtätigkeiten geprägt: Nicht weniger als drei Ihrer Schülerinnen aus dem nur sechsjährigen Wirken an der Höheren Töchterschule St. Leonhard in Aachen sollten später Ordensgründerinnen wurden: Clara Fey, Franziska Schervier und Pauline von Mallinckrodt. An letztere konnte sie sich gegen Ende ihres Lebens wenden und verstarb 78-jährig in Paderborn.

In einer Dorfkirche

Immer muß ich sein gedenken,
Immer seiner Huld mich freun,
Immer her die Schritte lenken
Zu dem Kirchlein arm und klein.

O du Wunder aller Gnade,
Das der kleine Schrein umschließt!
Ja, in dieser armen Lade
Wohnt er, dem das All entfließt.

O des Glückes, das der Glaube
Seiner Gegenwart mich lehrt!
O der Wonne, die im Staube
Meine Seele schon erfährt!

Seele, und du schaust noch trübe
Auf die Dinge niederwärts?
Gibt’s für dich noch andre Liebe?
Erdenfreude? Erdenschmerz?

Sieh’ in dieser Silberschale
Ruht dein Gott, dein einzig Gut!
Und du darbst beim reichsten Mahle?
Und du frierst bei höchster Glut?

Auch der kleinen Ampel Schimmer
Mahnt dich, ganz für ihn zu glühn,
Herz, o säumst du denn noch immer,
Ganz in Flammen zu versprühn?

(Langenberg, 1856)

 

Gereon Lamers 

Der Adventskalender von Konversionen, Tag 11, Michael Nazir Ali

The Church I so loved has lost its way. I simply HAD to leave.

Msgr. Dr. Michael James Nazir-Ali, geboren am 19. August 1949, aufgenommen in die Kirche am 29. September 2021, zum Priester geweiht am 30. Oktober 2021 

Wenn ein führender christlicher Intellektueller wie M. Nazir-Ali sich in höherem Alter (72) zu einem Schritt entschließt, von dem er selbst sagt, leichter wäre es gewesen, seiner bisherigen, anglikanischen Gemeinschaft verbunden zu bleiben, darf man davon ausgehen, daß die Gründe wohlüberlegt und zwingend waren!
Und wenn das im Jahr 2021 geschieht, seitens einer überaus eloquenten Person, dann darf man weiter davon ausgehen, es gibt genug eigene Worte von ihm zu seiner Entscheidung.

Und so ist es auch. Als verblüffend schwierig hat es hingegen erwiesen, ein Zitat zu finden, das an den Anfang dieses kleinen Beitrags gestellt werden konnte. die zwei Sätze oben (von denen ich nicht einmal ganz sicher bin, ob sie ihm nicht eher in den Mund gelegt worden sind, weil sie so gar nicht zu seinem Sprach- und Schreibduktus passen) sind dann auch die beste Kurzformel, die ich finden konnte, für einen, dessen Konversion so bestimmt ganz und gar nicht “gefühlig”, aber nichtsdestotrotz aus tiefer Glaubensüberzeugung geschah.
Aber werfen wir zunächst einen kurzen Blick auf einen faszinierenden Lebensweg. 

Dr. Michael Nazir-Ali, 2011 (Bild Wikicommons, Gaia Octavia Agrippa)

Nazir-Ali wurde als Kind in Pakistan katholisch erzogen, nachdem sein Vater vom schiitischen Islam konvertiert war. Seine Familie zählt sich zu den Sayyidd.h., direkten Nachkommen Mohammeds. Seine Mutter hatte einen methodistischen Hintergrund.
Er selbst bekannte sich ab seinem 20. Lebensjahr zum Anglikanismus, studierte in Großbritannien Theologie und stieg schnell zu hohen geistlichen Ämtern auf. So war er ab 1984 der erste anglikanische Bischof von Raiwind und zugleich der jüngste Bischof der anglikanischen Gemeinschaft überhaupt. Vorher machte M. Nazir-Ali in Slum-Pfarreien aber auch intensive pastorale Erfahrungen.
Nach seiner Flucht aus Pakistan im Jahr 1986, erzwungen durch die Islamisierungsbestrebungen unter der Militärdiktatur,  machte er eine brillante wissenschaftliche Karriere an den englischen Universitäten und wurde im Jahr 1994 zum Bischof von Rochester ernannt. Als solcher war er auch Teil des House of Lords, trat aber im Jahr 2009 ohne Angabe von Gründen von diesem Posten zurück. Ende des Jahres 2002 war Nazir-Ali einer der beiden „Finalisten“ für das Amt des Erzbischofs von Canterbury, aber der damalige britische Premierminister Tony Blair entschied sich, vermutlich aus politischen Rücksichten, für den “liberaleren” Kandidaten (Rowan Williams).
In den Jahren war M. Nazir-Ali Mitglied zahlreicher Gremien, insbesondere im internationalen und im Bereich der Ökumene. 

Und gerade letzteres war, wenn ich seine Aussagen richtig deute, in vieler Hinsicht der Motor seiner Entfremdung von der anglikanischen Gemeinschaft!
So schildert Nazir-Ali immer wieder, wie enttäuscht er war, wenn, nach der Einigung mit dem ökumenischen Partner, vor allem der Katholischen Kirche, die Anglikanische Gemeinschaft letztlich doch nur machte, was sie je vor Ort (also nicht einmal einheitlich) gerade wollte. Von dieser Feststellung aus war es natürlich nicht mehr weit zu der Erkenntnis von der grundsätzlichen ekklesiologischen Defizienz aller sich „reformiert“ nennenden Kirchentümer.
Hinzu trat eine wachsende Überzeugung von der biblisch begründeten Richtigkeit der katholischen Sakramentenlehre, ganz konkret in ihrer Siebenzahl, sowie allgemein die Erkenntnis, in welch letztlich fataler Weise der Anglikanismus dabei ist, vor der säkularen westlichen “Kultur” zu kapitulieren:

“Die Anglikanische Gemeinschaft ist wankend geworden in der Einhaltung dieser beiden Prinzipien [Grenzen der Inkulturation, formuliert von J. Paul II.] und sie hat vor der zeitgenössischen westlichen Kultur auf eine Weise kapituliert, die die göttliche Offenbarung selbst gefährdet”

Und:

„Die Kirche muss ihre Herangehensweise ändern. Sie darf weder vor der Kultur kapitulieren noch darf sie irgendeine Kultur zerstören. Stattdessen muß sie den Punkt beachten, den Papst Benedikt gemacht hat: Daß die Rolle der Kirche darin besteht, der Kultur zu ermöglichen, ihr wahres Zentrum zu finden.“

Es ist eine große Ermutigung, daß jemand von dem Format Michael Nazir-Alis der Katholischen Kirche auch in ihrer heutigen Gestalt immer noch zutraut, diesen Kampf besser zu bestehen, als andere Kirchentümer! Er dürfte bei seiner Entscheidung eher nicht auf die Kirche in Deutschland geschaut haben… 🙁

Wenn Sie, was ich sehr empfehlen kann!, mehr über M.Nazior-Ali lesen möchten, hier, hier, hier und hier sind einige Links (auf Englisch).

Leider habe ich nur wenige Bilder von ihm nach seiner Konversion gefunden, hier immerhin das Twitter Profilbild

aber es gibt ein Video seiner Priesterweihe!

Enjoy! 🙂

Gereon Lamers

 

PS: Wie schön, daß Beitrag Nr. 1.200 auf PuLa gerade an einem Sonntag erscheinen kann.

 

Der Adventskalender von Konversionen, Tag 10, Sigrid Undset

Mir blieb nichts anderes übrig, als zu einem Priester zu gehen und zu bitten, in allem unterwiesen zu werden, was die katholische Kirche wirklich lehrt. Daß die katholische Kirche mit der von Christus gegründeten Kirche identisch war, hatte ich nie bezweifelt.

Sigrid Undset, geboren am 20. Mai 1882, in die Kirche aufgenommen im November 1924 , gestorben am 10. Juni 1949

Als Sigrid Undset im Jahr 1928 den Nobelpreis für Literatur erhielt, währte ihr Dasein als Schriftstellerin schon deutlich länger als 20 Jahre. Sie hatte es, beinahe in einer Art Doppelleben, einer ungeliebten Bürotätigkeit abgerungen, zu der sie sich nach dem frühen Tod des Vaters verpflichtet gefühlt hatte. Schon ihre ersten Texte (die zunächst abgelehnt wurden) hatten sich mit Themen des Mittelalters beschäftigt. Der intensive Umgang mit ihrem sehr geliebten Vater, ein bekannter norwegischer Archäologe, dürfte dafür den Grund gelegt haben. 
Aber es waren zunächst “realistische” Themen, die ihren bald einsetzenden Erfolg als Autorin begründeten, der ihr um das Jahr 1909, auch versehen mit einem Stipendium, das Leben als freie Künstlerin gestattete und sie zu einer langen Reise durch Europa, hauptsächlich aber nach Rom führte.
Schließlich waren es aber ihre Werke , in denen das Mittelalter und vor allem Personen der Kirche vorwiegend positiv aufgefaßt sind, die ihren Weltruhm begründeten, allen voran Kristin Lavransdatter und die schließlich den Nobelpreis bedeuteten. 

Sigrid Undset, 1928 (Bild: Wikicommons, Pieter Kuiper)

Entschiedene Gegnerin des Nationalsozialismus seit den frühen 1930ern, mußte sie 1940 über das neutrale Schweden ins US-amerikanische Exil fliehen. Die Zeit literarischer Produktivität kehrte aber auch nach ihrer Rückkehr nach Norwegen, wo sie bloß 67-jährig verstarb,  nicht zurück.

Undsets Hinwendung zum Katholischen, sie war auch Franziskaner-Tertiarin, war begleitet von einer schroffen Ablehnung der norwegisch-protestantischen Staatskirche:

“Für mich war die Frage der Autorität der Kirche ganz und gar eine Frage der Autorität Christi. Ich hatte die Geschichte der Reformation nie anders als eine Geschichte der Rebellion gegen das Christentum gesehen, obwohl es eine Rebellion gläubiger, häufig subjektiv frommer, Christen war […]“

, der sie, so würden wir es heute wohl formulieren, vorwarf, willfähriger Komplize der “Diktatur des Relativismus” und Agentin des Zeitgeists zu sein:

“Wir können in dieser Welt nur eine Art von Freiheit erlangen – die, die unser Herrgott beschreibt, wenn er sagt: „Die Wahrheit wird dich frei machen.“ Aber wenn diese Wahrheit anerkannt und damit freigesetzt wird, dann können die deterministischen Faktoren des Lebens einen Menschen nicht mehr in Ketten halten, und dann kann man diese Freiheit nur durch einen endlosen Kampf gegen diejenigen Mächte bewahren, denen man entronnen ist – vor allen anderen gegen die Versuchung, zurückzublicken und sich nach der alten, romantischen Traumwelt zu sehnen, in der zwei und zwei alles sein kann und man selbst entscheiden kann, was nicht wahr sein soll.
Insofern ist es verständlich, dass der moderne Mensch seine ganze Kraft aufwendet, um sich der Autorität der Kirche zu entziehen.”

Mir scheint, die Beschäftigung mit der Katholischen Intellektuellen Undset könnte kaum weniger interessant und “zeitgemäß” sein, als diejenige mit der Dichterin.

Gereon Lamers 

Der Adventskalender von Konversionen, Tag 9, Richard Seewald

Als Katholik fühle ich mich als Bürger der Welt, als ein in Europa Geborener als solcher des Abendlandes. Durch meine Muttersprache bin ich dem deutschen Kulturkreis zugehörig, und als Staatsbürger schwor ich mich der Schweizerischen Eidgenossenschaft zu, als in meinem Geburtsland die Tyrannis herrschte.

Richard Seewald, geboren am 4. Mai 1889, in die Kirche aufgenommen 1929, gestorben am 29. Oktober 1976

Richard Seewald, Zeichner, Maler, Illustrator und Schriftsteller geboren in eine ostpreußisch-reformierte Familie, wenn auch mit Schweizer Wurzeln mütterlicherseits, studierte zunächst Architektur in München, begann 1909 zu malen, wurde 1918 Mitglied der Neuen Sezession und unterrichtete zwischen 1924 und 1931 an den Kölner Werkschulen. Noch in diesem Jahr verließ er Deutschland, siedelte, vorbereitet durch etliche frühere Besuche, in die Schweiz über, deren Bürger er 1939 wurde.
Im Jahr 1954  nahm er eine Professur an der Akademie der bildenden Künste in München an, die aber nur vier Jahre währte. Bis zum Ende seines Lebens war ihm jedoch ein erheblicher künstlerischer Erfolg beschieden.

Richard Seewald, ca. 1970 (Bild: Digiporta, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv)

Seewald gehörte, wenn auch sozusagen “verspätet”, zum reichen ‘Katholischen Frühling’ der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, war bekannt und befreundet mit Hugo Ball, Th. Haecker, Hugo Rahner, Carl Muth und H.U. v. Balthasar. Die “Organisation” seiner Konversion in der Kölner Zeit deutet auf ein stark verinnerlichtes, lange vorbereitetes Geschehen:
“Meine Aufnahme in die katholische Kirche erfolgte im Collegio Papio in Ascona. Ich hatte darum gebeten, weil ich fürchtete, daß dieser Schritt in Köln ein mir unliebsames Aufsehen machen würde. Damals hatte sich gerade Klemperer, der Dirigent an der Oper, taufen lassen, und dort wurde Max Scheler gerade seines Eintritts in die Kirche wieder überdrüssig und lehrte einen werdenden Gott. – Der kluge Benediktinerpater Hugener, Rektor des Kollegiums und, wie ich später bemerkte, wegen der Strenge seiner Lebensführung und seiner Aszese ein wenig gefürchtet, ließ sie bei mir augenscheinlich beiseite, hielt mich dank meiner Kenntnisse von Möhler und Newman für genügend vorbereitet und nahm mich nach Rücksprache mit dem Bischof von Lugano sofort in die Kirche auf.“
Die Zugehörigkeit zur Kirche ließ Seewald in der Folge auch etliche Kirchen im deutschsprachigen Raum, ‘von Norderney bis Zürich’ ausstatten.

Verkündigung an die Hirten, Fresko in der Pfarrkirche St. Theresia Zürich-Friesenberg (Bild: Wikicommons, Charly Bernasconi)

Höchst bemerkenswert bei diesem so eminent („klassisch-„) modernen Künstler ist, wie sich sehr früh (1966/67) Skepsis hinsichtlich der Ergebnisse des Zweiten Vatikanums breitzumachen begann:
“Aber, ist das Wort ‹Liebe› während des Konzils nicht in einer kaum noch erträglichen Weise strapaziert worden? – Wir haben die getrennten Brüder zu lieben, die unterentwickelten Völker, die Leprakranken, die Hungernden in Indien, alle Heiden, die Juden, die Mohammedaner, die Kommunisten, mit einem Wort: die ganze Welt. Seid umschlungen Millionen! – Es ist, als ob wir vergessen hätten, dass die Liebe eine übernatürliche Tugend ist, die wir uns also nicht selber geben können. Ist sie mit einmal das Allgemeingut aller Christen geworden? – Ist eine in der Kirche noch nie erfolgte Ausgießung der Liebe erfolgt?”

Gereon Lamers 

 

PS: Es ärgert mich sehr, nicht das genaue Datum der „Wiedergeburt“ von R. Seewald, den Tag seiner Aufnahme in die Kirche gefunden zu haben. Wenn es jemand weiß: Bitte melden! 

Der Adventskalender von Konversionen, Tag 8, Edith Stein

[…] Seit mir im Sommer 1921 das ‚Leben‘ unserer hl. Mutter Teresia in die Hände gefallen war und meinem langen Suchen nach dem wahren Glauben ein Ende gemacht hatte.

Edith Stein, Ordensname Teresia Benedicta a Cruce, OCD, geboren am 12. Oktober 1891, aufgenommen in die Kirche am 1. Januar 1922, ermordet am 9. August 1942, Heiliggesprochen am 11. Oktober 1998

Wenn Edith Stein in dem obigen Zitat (ESGA 1, 350) vom “wahren Glauben” sprach, so meinte sie damit, in der damals noch völlig selbstverständlichen Sprechweise, das Katholische Bekenntnis, nicht die Bekehrung zum Christentum überhaupt, denn diese war der Entscheidung für eine konkrete Konfession (hinsichtlich derer verschiedene Kräfte um sie rangen) um mehrere Jahre vorangegangen.
Sie habe sich, so schrieb sie bereits am 10. Oktober 1918: „mehr und mehr zu einem durchaus positiven Christentum durchgerungen“: „Das hat mich von dem Leben befreit, das mich niedergeworfen hatte und hat mir zugleich die Kraft gegeben, das Leben aufs Neue und dankbar wieder aufzunehmen. Von einer ‚Wiedergeburt‘ kann ich also in einem tiefsten Sinne sprechen.“ (ESGA 4, Br. 53)

Zu Einzelheiten ihres inneren Bekehrungsvorgangs aber schwieg sie  und sprach vom: „Secretum meum mihi“ (mein Geheimnis bleibt bei mir).

E. Stein in ihrer Studienzeit (Bild: Wikicommons, Monasterio Santa Teresa de Jesús, Buenos Aires)

In einem Brief von Ende 1927 schrieb sie:
„Vielleicht habe ich bei der Darstellung meines Weges [zur Konversion] das Intellektuelle zu schlecht wegkommen lassen. In der jahrelangen Vorbereitungszeit hat es sicher stark mitgewirkt. Doch bewußtermaßen entscheidend war das reale Geschehen, nicht ‚Gefühl‘, Hand in Hand mit dem konkreten Bild echten Christentums in sprechenden Zeugnissen (Augustin, Franziskus, Teresa).“ (ESGA 4, Br. 115) (Hervorhebung von mir)

Eine Haltung, die so ganz zu der brillanten phänomenologischen Philosophin paßt, die Edith Stein war, sein wollte und doch nicht werden durfte, jedenfalls im Sinne einer akademischen Karriere, denn diese blieb der Frau, die gut genug war ein Jahr umsonst als Assistentin ihres Lehrers E. Husserl zu arbeiten, und insgesamt vier Habilitationsschriften verfaßte, verwehrt.

Der strenge Orden der Karmelitinnen aber hat sie ausdrücklich “aufgefordert”, wissenschaftlich weiter zu arbeiten und die Kirche hat sie schließlich, nach Leiden und Tod, zur ‘Patronin Europas‘ erhoben.

E. Stein, das “Paßbild”, 1938 (Bild: Wikicommons, Archiv des Karmel zu Köln)

Als Mann, als Deutscher und als Katholik werde ich, wenn Sie mir ausnahmsweise diese persönliche Bemerkung gestatten wollen, bei der Betrachtung dieses Lebens immer ganz schnell ganz still.

 

Gereon Lamers