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Das Antrittskonzert (1/2)

Wußten Sie schon, daß man auch nach Abschaffung der Kalkanten ein An-tritts-Konzert an einer Orgel geben kann? Ja, es ist so. Und so setzte sich denn am Sonntag, dem 12. Januar 2020 Professor Martin Sturm von der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar auf die Orgelbank der Franz-Liszt-Gedächtnisorgel in Herz Jesu Weimar und begann zu spielen. Das Konzert war so gut besucht, daß etliche Gemeindemitglieder zu Beginn vor der Kirchentür standen und nicht mehr ins Gebäude kamen. Wegen Überfüllung geschlossen. Kennt man ja von den Adventskonzerten des Hochschulkammerchors. Da geht auch kein Apfel zur Erde. 

Aber zurück zu Herrn Sturm. Die Musikhochschule hat den schon in der Presse angekündigten Livemitschnitt seines Antrittskonzertes nun vorige Woche auf ihrem YouTube-Kanal zugänglich gemacht. Nicht nur, weil man gerade Corona-bedingt Zeit dazu hatte. Aber auch. Hören Sie zu Beginn die Worte des Präsidenten und dann das vollständige Konzert. Beachten Sie auch die Lightshow. Wer am 12. Januar die anschließende Abendmesse in Herz Jesu besucht hat, wird nämlich das blaue Wunder noch in Erinnerung haben, das uns, für die Gemeinde besonders gut sichtbar in der Vierung, erwartete. (Wenn ich mich recht erinnere, paßte es sogar ganz gut zum Tagesevangelium von der Taufe Jesu.)

Aber hier nun endlich der Film. Enjoy! 🙂

 

 

Fortsetzung folgt

 

Cornelie Becker-Lamers

 

PS: Die Bewertung des “Blaulichts” finde ich ja nun viel zu milde! Ich will ja gerne zugeben, daß ich vermutlich aus beruflichem Kontext eine Vorschädigung von diesen modischen (und genau deswegen ja auch schon wieder abgeschmackten) Gimmicks habe. Wem gar nichts mehr einfällt, der stellt ein paar bunte Strahler hin… 🙄
Der Vorwurf trifft natürlich im wesentlichen die Hochschule, da hätte ich mir mehr Geschmack gewünscht. Die Verantwortlichen in der Pfarrei hätten sie für die Feier der Hl. Messe aber wohl besser ausgeschaltet.

Gereon Lamers

Henne-Rösch

Zwei hilfreiche Kommentare zur Frage der Übersetzung
von Ps 15 und ApG 2

Gerade schreibe ich was zur Blogœzese (bzw. fange damit an), daß ich sie für durchaus lebendig halte, und daß ich Menschen aus diesem Kreis vermisse, da meldet sich ein besonders liebenswürdiges und, wenn ich das sagen darf, ‘urviechiges’ Exemplar aus unseren Reihen mit zwei Kommentaren zu der kleinen Folge von Beiträgen, die sich an einem konkreten Beispiel Fragen zur aktuellen Übersetzungspraxis der Einheitsübersetzung stellte (erster Beitrag hier). 

Thomas von ‘Thomas sein Abendland’ schrieb zunächst am 30. April um 17.25 Uhr: 

Als katholisches Korrektiv zur EÜ auch immer gut Henne/Rösch. 

Und warum auch nicht mal öfter Luther danebenlegen (zumindest bis einschließlich der 1957 Revision).

Er könnte wahrlich gut als Exempel lakonischen Stils dienen (wenn ich auch nicht sicher bin, daß er den spartanischen Lebensstil insgesamt so schätzen würden… 😉 ).
Ansonsten, ‘Luther’ hatte ich ja (1534! 😎 ) und ich teile ausdrücklich die Einschätzung, daß dieses “Danebenlegen” lohnt, aber es ging mir halt speziell um katholische deutsche Bibelübersetzungen (und eben einfach solche, die ich gerade zur Hand hatte).
In diesem Zusammenhang ist natürlich der Hinweis auf die auch “Paderborner Bibel” genannte Übersetzung von P. Eugen Henne und P. Konstantin Rösch sehr wertvoll! Ich kannte sie bis dato nicht und habe auch auf die Schnelle nicht viel (online) darüber gefunden, doch zum Glück steht der Text im Netz! (hier).
Na, was soll ich sagen: Psalm 15 erscheint zwar leider bei den beiden Herren schon Psalm 16, aber sie übersetzen an beiden Stellen, die der Ausgangspunkt der Betrachtung waren, jeweils “Verwesung” und wahren so die Einheit der Schrift. (Interessant übrigens auch diese Übersicht, die die deutschen Vollbibel-Übersetzungen ab 1801 (Allioli) auflistet – es waren nicht soo viele!)

Außerdem ist Thomas ein “gelehrtes Haus”, der auch selber mal gerne Psalmen übersetzt und so schrieb er nur wenig später, nämlich am 30. April um 17.54 Uhr: 

Also ich übersetze:

Wahrlich;
Du wirst meine Seele nicht im Scheol lassen.
Nicht gibst du deinem Gerechten zu schauen die Schachath.

Scheol ist Unterwelt, Totenreich.

Schachath kann sein: (1) Falle, Grube, oder (2.) Grab, Unterwelt.

Aufgrund des Parallelismus membrorum der hebr. Lyrik wäre dann zunächst einmal die zweite Bedeutungsgruppe vorzuziehen.

Gehen wir aber einmal auf das zugrundeliegende Verb zurück, so heißt dies verderben, zerstören, vernichten (und weiteres appetitliches). Für Schachath kann also auch „Vernichtung“ o.ä. übersetzt werden.

Mithin ist „Verwesung“ sogar die elegante Verbindung beider Seiten.

Wozu ich nur sagen kann: Danke, lieber Herr Kollege! 🙂

Gereon Lamers

 

PS: Es ist ja schon lustig, kaum beschäftigt man sich ein bißchen mit der Heiligen Schrift, da flattert einem, wie schon öfter geschehen, Post aus dem Herder-Verlag ins Haus, diesmal eine der sattsam bekannten Abo-Werbeaktionen der “Herder-Korrespondenz”.

„Grüner Darjeeling, Zweitaufguß“ (eigenes Bild)

Wenig bescheiden in der Selbstbezeichnung als “Monatsblatt für intelligente Leser” 🙄 werben nicht weniger als 8 Persönlichkeiten mit kleinen “Testimonials” (so heißt das heute, glaube ich) für “Wissenschaftsjournalismus im besten Sinne”.
Und was für Persönlichkeiten das sind! Zu Walter Homolka möchte ich mich aus Respekt vor dem Judentum nicht äußern, aber die anderen sieben „haben es in sich“: Johanna Rahner, Bischof Overbeck, Claudia Lücking-Michel, Hubert Wolf, Thomas Sternberg, Monika Grütters und Chr. Markschies (zu ihm auf PuLa vgl. hier).
Wie sagt das Sprichwort so richtig? “Wer solche Freunde hat braucht keine Feinde mehr!” 😐 

Und dann die Fragen… Aber sehen Sie beispielhaft selbst:

„Nur mit Schokolade zu ertragen“ (eigenes Bild)

“Die Bibel heute neu schreiben”!! Aber sicher doch, mit den erwähnten Persönlichkeiten und ihresgleichen als Gewährsträgern der Inspiration, ja?
Im Grunde käme man ja aus dem Lachen tagelang nicht heraus, wenn, ja wenn nicht zu befürchten stünde, daß diese pseudo-intellektuelle Bauernfängerei, die so unverfroren mit dem menschlichen Bedürfnis nach Distinktion spielt, doch bei genügend Menschen verfinge. Und zwar, so fürchte ich, bei genau diesen “Weisen”:

Wie könnt ihr sagen: Weise sind wir und die Weisung des HErrn ist bei uns? Fürwahr, siehe: Der Lügengriffel der Schreiber hat es zur Lüge gemacht. (Jer 8, 8f., vgl. Mt 11, 25f.; Jes 5, 21)

Die Bloggerliste in der Truhe?

“Gerüchte über unser Ableben sind maßlos übertrieben”
Neues aus der Blogœzese 1/3

Wir haben ja hier auf PuLa fleißig bis ins Jahr 2019 hinein Beiträge mit dem Tag “Blogœzese” versehen, was zwar natürlich nie ohne sachlichen Grund geschah, aber, wenn wir ehrlich sind, doch ein wenig den Charakter des “Pfeifens im dunkeln Wald” an sich hatte.
Denn in die Blogœzese, jenes wundervolle, vielfältige, gelegentlich chaotische, vor allem aber vorwiegend (recht-) gläubige Konglomerat der Hervorbringungen Katholischer Bloggerinnen und Blogger hatten wir uns, relativ spät kommend, im Frühjahr 2011 sozusagen mit Wonne eingegliedert.
Wenn das nicht schon wieder allzu sehr nach “Organisation” klänge! nein, organisiert war die Blogœzese nie, aber ein wunderbares Gefühl von Gemeinschaft, von “an einem Strang ziehen” (im Prinzip in eine Richtung… 😉 ), das hatte sich dennoch eingestellt. Man nahm aufeinander Bezug, man rieb sich wohl auch mal aneinander, man lernte sich aus der Ferne immer besser kennen und dann auch aus der Nähe auf den Bloggertreffen, von denen ich immerhin drei mitmachen durfte.

Wenn immer wieder gefragt wird, ob man denn auch “über das Internet” reale (um nicht zu sagen ‘authentische’ 😆 ) Beziehungen aufbauen kann: Ja, kann man! und mit den Kolleginnen und Kollegen hätte ich nach wie vor gerne mehr zu tun! 

Jedoch, um das oben gewählte Bild noch ein bißchen weiter zu strapazieren: Der Wald wurde so ab 2013 auf 2014 langsam aber sicher dunkler!
Die Tatsache, daß die bundesweiten Bloggertreffen dann trotz gegenteiliger Anzeichen m.W. ab dem Jahr 2015 nicht mehr fortgeführt wurden/werden konnten, war aus der Rückschau ein deutliches Indiz dafür (und unser Beitrag dazu, hier, ein “besonders lautes Pfeifen”… 🙁 ).

PuLa mit seiner bewußten lokalen und regionalen Schwerpunktsetzung hat das sozusagen zunächst gar nicht so recht bemerkt, waren doch die Jahre 2013 – 15 die, in denen sich die hiesige Auseinandersetzung immer weiter zuspitzte, um dann im September 2015 durchaus in einem “Knall” eine Art von Schluß zu finden, vgl. hier.

Wir hatten sozusagen alle Hände voll zu tun… Aber in der neuen Phase für PuLa, die sich dann anschloß (und die heute nicht das Thema ist), ließ es sich nicht mehr übersehen, daß es die Blogœzese unserer Anfangsjahre nicht mehr gab. Beiträge wurden spärlicher, einige drifteten in eine Radikalität ab, die wir nicht gutheißen konnten, manche Blogs verstummten ganz. Dieser Prozeß zog sich teils lange hin und er hatte ganz unterschiedliche Gründe, so individuell, wie die Blogs und die Menschen dahinter. Manche mögen wohl “die Kerze an beiden Enden angezündet” haben, und haben sich schlicht verausgabt, bei manchen kamen auch äußere, gesellschaftliche oder gar rechtliche Faktoren hinzu, manche werden von der Auseinandersetzung, ja dem Kampf, den es bedeutete, immer wieder das richtige zu verteidigen und nach vorn zu stellen, ermüdet worden sein (und wer gar mit der Kirchenbürokratie in irgendeiner näheren Form zu tun bekam, nun ja…). 

Einer Sache jedoch bin ich mir sicher: Bei aller Unterschiedlichkeit der Charaktere, Motivationen fürs Bloggen und schließlich der Gründe fürs Aufhören: Leicht wird das niemandem der Kolleginnen und Kollegen gefallen sein! Ja, ich kann mir sehr gut vorstellen, daß sich ein echter und dauerhafter Schmerz eingestellt hat, denn wer, einmal für eine Sache entbrannt, angefangen hat zu schreiben, der kann normalerweise davon nicht lassen! Den wird dieser spezifische Weltzugang und der Austausch, der sich daraus ergibt, nicht mehr loslassen. 

Und so ist es mir heute eine große Freude davon zu berichten, daß es Zeichen gibt, die vielleicht auf einen Aufschwung in der Blogœzese hinweisen!
Denn wenn ein absolutes “Urgestein” wie Hw. Alipius wieder aktiv wird (wieviel verschiedene Blogs hatte er seit Ende der Nuller-Jahre? 🙂 ), dann ist das schon ein Wort!
Schauen Sie hier, auf “Die Truhe”!

„Die Truhe“ (Screenshot vom 27.April 2020)

Wunderbar, echter Alipius-Content, einschließlich der, nun ja, “Ausrutscher” von der zentralen Themenstellung 😉 , ich bin sicher, da kommt noch so allerlei!

Und nicht minder erfreulich: „Der Kreuzknappe”, der seine Tätigkeit inzwischen auf Twitter (KREUZKNAPPE-tweets, @DERKREUZKNAPPE) verlegt hat (das definiert sich bekanntlich als “Mikro-Blogging-Dienst!) hat begonnen, seine immer schon wertvolle Blogliste (eingestellt im Mai 2018) anläßlich des Wiederbeginns von Alipius’ Tätigkeit ebenfalls nach und nach wieder zu aktualisieren, hier

Blogliste Kreuzknappe (Screenshot vom 27. April 2020)

Vielen herzlichen Dank an beide Kollegen, wir freuen uns sehr! 🙂

Nur: War’s das schon? Reicht es, zu schreiben: ‘Es gab da ein Auf und ein Ab in der Entwicklung dieses Phänomens “Katholisch-traditionelles Bloggen in Deutschland”, das hatte ganz viele individuell verschiedene Gründe und nun sieht es erfreulicherweise so aus, als könnte es vielleicht wieder besser werden’?
Die Frage so zu stellen heißt natürlich, sie zu verneinen und tatsächlich glaube ich, bei allen Unterschieden gibt es auch ein wichtiges verbindendes Element, das, wenn wir es so nennen wollen, zur “Krise der Blogœzese” beigetragen hat. Damit beschäftigt sich der nächste Beitrag dieser kleinen Reihe.

Gereon Lamers 

Entwicklung und Identität ohne Gegensatz

Worin wir nach den Gründen fragen

Österliche Fragen zur Übersetzung der Heiligen Schrift 3/3 

Gestern waren wir zu dem Ergebnis gelangt, daß verbreitet das Reden vom ‘Urtext’ eher Verdacht auslösen muß und alles dafür zu sprechen scheint, daß man nach wie vor das griechische ‘diaphthora’ und das hebräische ‘shachath’ gemeinsam mit “Verwesung” übersetzen, und so die Entstehung des Auferstehungsglaubens bei den Aposteln nachvollziehbar machen, wie die Einheitlichkeit der Hl. Schrift bewahren kann.
Vor diesem Hintergrund hatten wir uns gefragt, was die Gründe dafür sein könnten, daß dies in so rezenter Vergangenheit (2016) nicht geschehen ist.

Handelte es sich vielleicht um eine mißverstandene Form der Rücksichtnahme auf das Judentum? Das wäre fatal, denn indem es die Meinung festigte, das Alte Testament habe vom Glauben an persönliche Auferstehung noch nichts gewußt, würde es uns ja gerade ferner gerückt. Dies gilt natürlich in verschärfter Form hier, wo wir es mit dem Bereich persönlicher Frömmigkeit zu tun haben. In dem “Gemeinsamen Gebetbuch von Christen und Juden”, als das der Psalter so gerne und mit Recht apostrophiert wird, würde so ja gerade Trennendes betont! Und zwar völlig zu Unrecht! Denn Ps 15 ist ja keineswegs der einzige Psalm, in dem sich diese “unverkennbare geheimnisvolle Transparenz” (H.J. Kraus, Die Psalmen I, 1960, zitiert nach J. Ratzinger, Eschatologie, Regensburg 6. Aufl. 1990, S. 78) hin zur Überwindung des Todesschicksals manifestiert! Lesen Sie Psalm 72 [73], besonders die Verse 23 – 26! Oder Psalm 48 [49], hier besonders Vers 16, der “die Hoffnung des Beters ausspricht, dass Gott selbst ihn loskaufen […] also aus dem Machtbereich der Scheol – und damit auch aus dem Herrschaftsbereich des Todes – auslösen” werde (Johannes Schnocks, Psalmen, Paderborn 2014, S. 25).
Solche “Rücksichtnahme” wäre also ebenso überflüssig wie kontraproduktiv!

Oder handelt es sich um ein Ergebnis von philologischem Rigorismus? Für diese Möglichkeit spricht leider die Beobachtung des “Zurückgehens” in den möglichen Bedeutungsebenen, vielleicht auch die jetzige Wortwahl “Totenwelt” (Scheol), statt “Unterwelt” (hinter der sich obendrein noch ein “antihellenischer Affekt” verbergen könnte 🙄 ). Man weiß ja leider (wir wissen es sogar von einem Mitarbeiter an der Revision der EÜ selbst), wie wenig Alt- und Neutestamentler wirklich miteinander reden.
Hier korrigierend einzugreifen wäre Aufgabe des hochrangig besetzten “Leitungsgremiums für die Revision der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift” gewesen, dessen Vorsitz und geistliche Leitung seit dem Jahr 2008 der Erfurter Altbischof Dr. Joachim Wanke innehatte.

Einheitsübersetzung 2016, Apostelgeschichte (eigenes Bild)

Letzten Endes, freilich, wurzelt die Möglichkeit derartiger Fehl-Haltungen in der ganz grundsätzlichen Fehlentwicklung, die J. Ratzinger 1990 im Anhang zum Nachwort zur 6. Auflage seiner ‘Eschatologie’ beschreibt (a.a.O. S. 210 – 213, bes. 211), dort am Beispiel der Aufgabe des Seelenbegriffs auch im Bereich der katholischen Theologie des 20. Jahrhunderts (vgl. auf PuLa schon 2013 hier). Seine Feststellungen gelten auch für unsere (ohnehin ja verwandte) Fragestellung:

In der “diachronischen Einheit” “der Gemeinschaft des Glaubens” blieb “die Identität des Geglaubten im Prozeß der allmählichen Entfaltung der Worte und in der Ausbildung einer ganzheitlichen Anschauung  der dem Glauben zugrundeliegenden Wirklichkeit verbürgt […]: Entwicklung und Identität waren keine Gegensätze, weil das gemeinsame Subjekt Kirche beide zusammenhielt.” 

Dies endete mit Luther, dem die Kirche “[…] die eigenmächtige Verderberin des reinen Wortes [wurde]. Tradition ist [nun] nicht mehr die bleibende Lebendigkeit des Ursprünglichen, sondern dessen Widerpart. Der richtige Sinn […] muß nun im historischen Verstehen der Bibel gegen das lebendige Verstehen der Kirche gesucht werden; Entwicklung ist keine Kategorie mehr, weil ihr Träger fehlt. Damit wird die Fixierung auf die biblische Terminologie unausweichlich […].” 

Exakt diese “Trennung von Ursprung und Überlieferung”, die sich auch in allzu vielen katholischen Köpfen und Gemütern breitgemacht hat, ist es, die es fertigbringt, in der “katholischen Bibel” “Verwesung” gegen “Grube” zu tauschen und damit die Auferstehungspredigt seit apostolischer Zeit und auch das doch vor sich hergetragene Streben nach stärkerer Verbindung von Altem und Neuem Testament zu konterkarieren.
Ohne daß dies jemandem auffällt.

Anscheinend.
Oder nur scheinbar? 

An diesem Beispiel wird übrigens auch deutlich, was unter dem (häufig allzu schnell erhobenen) Vorwurf der “Protestantisierung” wirklich zu verstehen ist: Eine tödliche Gefahr, ohne deren Überwindung die Zukunftsfähigkeit der uns vertrauten Gestalt von Kirche auf dem Spiel steht: Niemand braucht ‘Wittenberg light’ mit ein bißchen katholischer Folklore! 

„Jetzt brauch‘ ich aber erstmal einen Schluck Tee!“ (eigenes Bild)

Gereon Lamers

 

Hl. Hieronymus und Hl. Augustinus, die ihr so leidenschaftlich um die richtige Übersetzung der Heiligen Schrift gerungen habt, bittet für uns! 

Pier Francesco Sacchi (1516), Vier Kirchenlehrer mit den Attributen der Evangelisten (v.l.n.r.) Augustinus mit Adler, Gregor d. Gr mit Stier, Hieronymus mit Engel, Ambrosius mit Löwen (Bild: Wikimedia Commons, User: Twice25)

 

PS: Wie Sie ja wissen, PuLa bemüht sich immer, Sie gerade auch in ernsten Fällen nicht ohne praktische Empfehlung zu lassen! 😉 So auch heute.
Daher drei Vorschläge: 

1) Mißtrauen Sie der Einheitsübersetzung. Das ist unschön, aber unausweichlich.

2) Schaffen Sie sich als stets genutztes Korrektiv eine Form der Allioli-Bibel an. Am besten antiquarisch, je älter, desto besser, aber auch die neuen Formen sind ein Schritt in die richtige Richtung.

3) Sehr, wirklich sehr zu empfehlen ist das schmale (gut 160 Seiten) aber sehr dichte und reiche Buch von J. Schnocks über die Psalmen! Leider scheint es gerade neu nicht erhältlich, aber gebraucht wirkt es gut verfügbar (ISBN-13: 978-3825234737).

Urtext und shachath

Worin dann auch ‘diaphthora’ endlich vorkommt!

Österliche Fragen zur Übersetzung der Heiligen Schrift 2/3 

Gestern hatten wir festgestellt, daß es seit Jahrzehnten in der wohl meist gelesenen katholischen deutschen Bibelübersetzung in Bezug auf zwei wichtige aufeinander bezogene Bibelstellen, die zentral sind für den österlichen Auferstehungsglauben, einen Widerspruch gibt, der auch die Bezogenheit von AT und NT negativ tangiert, und hatten uns gefragt, macht der „hebräische Urtext“ die unterschiedlichen Übersetzungen unvermeidbar?

Dazu wäre zunächst einmal zu sagen, alles Reden vom ‘Urtext’ ist gefährlich, denn den Urtext gibt es nicht, weil es ihn nicht geben kann. Alles, was es gibt und geben kann ist das jeweils beste Bemühen um die beste Interpretation (!) der jeweils zu einem bestimmten Zeitpunkt bekannten (!) ältesten Textzeugen. Und diese sehr voraussetzungsvolle Situation kann sich jederzeit, wörtlich jeden Tag!, ändern. Weil z.B. einfach neue Textzeugen auftauchen, man denke nur an die Geschichte der Qumran-Rollen. Oder weil Philologen sich aus besserer Einsicht, die aus vielem stammen mag, korrigieren.
Kurz, wir haben ihn nicht, jenen unhintergehbaren, ältesten autoritativen Text, vor dem jedes Argumentieren verschweigen muß; der HErr hat keine gesiegelten Urkunden hinterlassen….

Ein Reden vom ‘Urtext’ in dieser Weise ergibt also  keinen Sinn, ist aber leider häufig anzutreffen, und ich zweifle, ob immer in lauterer Absicht. Auch da läßt z.B. die Publikationsgeschichte der Qumran-Rollen erhebliche Zweifel aufkommen.

Aber fragen wir zunächst: Was steht da in Psalm 15 [16] wie er in der Apostelgeschichte zitiert wird? Das griechische Wort ist “diaphthora” und dazu sagt uns die “Septuaginta Deutsch” (Das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung, Stuttgart 2009), die hier im Haupttext das Wort “Vernichtung” gebraucht, in einer Fußnote (S. 764): “Möglich ist auch Verwesung”.
Insoweit hat also die (soweit ich weiß) gut 1.500 Jahre unangefochtene Lesart, repräsentiert im lateinischen Westen durch die Vulgata, auch nach recht frischen philologischen Maßstäben eine gute Grundlage!

Dann, also vor gut 500 Jahren, ging es los, damit, sich schlauer wähnen zu wollen, als alle bisher lebenden Menschen (was ich, wenn Sie den persönlichen Einschub gestatten, immer schon für eine der vulgärsten “Geistes”-Haltungen überhaupt gehalten habe), aber das war leider etwas die Mentalität vieler “Humanisten”, die sich z.B. die “Reformation” dann vielfach aus ganz und gar außerphilologischen Motiven zunutze gemacht hat.
Dessenungeachtet war natürlich das verstärkte, erneute Hinschauen auf den hebräischen Text, das damals geschah, durchaus sinnvoll! “Erneut”, weil es der Hl. Hieronymus, wie wir heute wissen, auch schon auf hohem Niveau getan hat, was aber in der damaligen konfessionell-konfrontativen Situation leider bestritten wurde.
Auch gilt es zu bedenken, der im 16. Jahrhundert rezipierte sog. “Masoretische Text” ist eine Hervorbringung des Mittelalters, entstanden etwa zwischen den Jahren 700 und 1000. Nach allem, was ich weiß, eine großartige Leistung dieser jüdischen Gelehrten, der “Masoreten”, die auch nach dem heutigen Kenntnisstand in bewundernswerter Weise teils sehr alte Textgestalt bewahrt haben, nur daß eben auch wahr ist, sie lebten in einer Situation religiöser Konkurrenz mit dem sie umgebenden dominanten Christentum, das ebenfalls Anspruch auf “ihre Texte” erhob. Wo möglich werden sie sich natürlich und verständlicherweise gegen christliche Lesarten entschieden haben, bzw. solche, die christliche Interpretation hätten erleichtern können. Das ist ihnen nun wirklich nicht zu verdenken – die Frage ist nur, welche Schlüsse ziehen wir daraus!

Immerhin muß man bemerken, daß die “Luther-Bibel letzter Hand” von 1534 zu unserem Psalm (in bereits falscher Zählung und neben einer reichlich an den Haaren herbeigezogenen antikatholischen Polemik in der Randnote zu V. 4) folgenden Text bietet:

Denn du wirst meine seele nicht inn der helle lassen/und nicht zugeben/das dein Heilige (sic!) verwese.

 (zitiert nach der Faksimile Ausgabe, Köln 2002, Hervorhebung von mir).

Faksimlie der Lutherbibel von 1534, Der Psalter (eigenes Bild)

Aber was ist denn nun das hebräische Wort? Es lautet: “shachath”. Ich betone ausdrücklich, ich habe nicht Hebräisch gelernt, geschweige denn studiert, aber ich glaube zuversichtlich, die jedermann (und -frau 😉 ) zugänglichen Ressourcen, z.B. hier, richtig zu verstehen, wenn ich sage, aufgrund mehrerer aktueller, wissenschaftlicher Konkordanzen darf man davon ausgehen, daß dieses Wort im biblischen Kontext (min.) folgende drei Bedeutungsebenen hat: Die wörtliche “Grube” (gerne im Sinne von “Falle”), eine erste, sozusagen nähere, übertragene Bedeutung, “Grab” und schließlich den “weiteren” übertragenen Sinn, “Zerstörung”, “Verwesung”. 

Hebräisch-englische Interlinear-Bibel (Screenshot von hier)

Wenn das richtig ist, wieso dann aber in einer Bibelübersetzung, die besonderen Wert auf den Aspekt der Verkündigung, der christlichen Verkündigung legt (vgl. Vorwort zur EÜ 1980) die vorhandenen Bedeutungsnuancen nicht nutzen?
Und wieso geht im Jahr 2016 eine überarbeitete Bibelübersetzung, die explizit das Verhältnis zum Judentum in den Blick nimmt (vgl. gestern) dann noch einen Schritt
zurück zur (bloß) wörtlichen Bedeutung?

Was ist das? Was ist da geschehen?

Das schauen wir uns morgen an!

Gereon Lamers

Diaphthora

Oder vielmehr: Besser nicht!

Österliche Fragen zur Übersetzung der Heiligen Schrift 1/3 

Seit einigen Jahren habe ich es mir angewöhnt, über die Kar- und Ostertage die Jesus-Bücher von J. Ratzinger/Papst Benedikt wieder zu lesen, Hermeneutischer Zirkel und so, Sie wissen schon… 😉 Und es bleibt denn auch nie aus, daß ich in diesem wunderbaren Werk voll ebenso großem Glaubens- wie wissenschaftlichem Ernst, auf etwas “Neues” stoße, das zu weiterer Betrachtung anregt.

Geistliche Lektüre bei österlichem Wetter (eigenes Bild)

So las ich in diesem Jahr im zweiten Teil (“Vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung”, Freiburg 2011) u.a. den Abschnitt: “Die Frage des leeren Grabes” (S. 278 – 282).
J. Ratzinger referiert hier zunächst kurz den Versuch der modernen Theologie, sich um die Frage herumzudrücken, ob denn das Grab wirklich leer gewesen sei, der tatsächlich allzu oft nur den Unglauben daran mühsam verdecke, um dann auch unter Bezugnahme auf andere (incl. protestantische) Wissenschaftler die Unmöglichkeit derartiger “Erfindungen” von Auferstehung, “für die das Schicksal des Leichnams unerheblich ist” deutlich zu machen. Das leere Grab als solches sei freilich kein Beweis der Auferstehung aber notwendige Bedingung für den entstehenden Auferstehungsglauben.

In diesem Zusammenhang kommt er dann auf die Pfingstpredigt des Hl. Petrus zu sprechen (Apg 2, 14 – 36, hier 26 ff), in der in Bezug auf diese Frage Petrus den Psalm 16 (gerade aktuelle Zählung) in den Versen 8 – 11 zitiert. Besonders geht es um den Psalmvers 10:

denn du gibst meine Seele nicht der Unterwelt preis,/ noch lässt du deinen Frommen die Verwesung schauen.

Hier, so Ratzinger weiter, habe Petrus den “Psalmtext nach der Fassung der griechischen Bibel” “zitiert”, der sich “vom hebräischen Text” unterscheide, in dem der Vers 10 heißt:

Du gibst mich nicht der Unterwelt preis; du lässt deinen Frommen das Grab nicht schauen.

Der Unterschied, namentlich in diesem Kontext, ist natürlich erheblich: Einmal, in der “hebräischen Variante” bleiben wir einfach diesseits des Grabes, im (irdischen) Leben, während im zweiten Fall wirklich gestorben und begraben wird – wie im Falle Jesu! (vgl. 1 Kor 3f, v.a. 4a) aber eben Verwesung nicht stattfindet – sondern leibliche Auferstehung.
Papst Benedikt betont dann weiterhin den besonderen Rang dieser Verkündigung, ‘ganz am Anfang’ und wie “Die Verwesung nicht schauen” im damaligen Kontext notwendig “geradezu die Definition von Auferstehung” war und folgert weiter: “In diesem Sinn ist das leere Grab als Teil der Auferstehungsverkündigung ein streng schriftgemäßes Faktum”.

Nun ist mir Psalm 15 (traditionelle und richtige Zählung) gut vertraut, lese/bete ich ihn doch seit Jahren jeden Dienstag, denn er ist Teil der Komplet, des Nachtgebets in der außerordentlichen Form. (Tatsächlich freue ich mich immer schon auf die drei “Dienstagspsalmen”! 🙂 ) Da heißt es dann, natürlich in der Fassung der Vulgata (Ps 15,10):

quoniam non derelinques animam meam in inferno, non dabis sanctum tuum videre corruptionem. 

Und ich weiß gar nicht so recht warum, jedenfalls habe ich dann begonnen, mal zu schauen, wie diese zentrale Stelle denn in einigen mir unmittelbar zugänglichen Büchern übersetzt ist. Der erste Teil der von mir so geliebten Spaemann-Meditationen über die Psalmen (Sie erinnern sich?)  hat bekanntlich im Grundsatz die im wahrsten Wortsinne ‘gute alte’ Allioli-Übersetzung:

denn du wirst meine Seele nicht in der Hölle lassen, und deinen Heiligen nicht zu sehen geben die Verwesung.

Allioli-Bibel, Psalmenbuch (eigenes Bild)

Was lesen wir in der erst 2016 überarbeiteten ‘Einheitsübersetzung’ (Ps 16,10)?

Du überlässt mein Leben nicht der Totenwelt; * du lässt deinen Frommen die Grube nicht schauen

samt Verweis auf Apg 2,31 und 13,35.

Den Verweis gab es auch schon in der alten EÜ (hier der Text von 1980) aber der Psalmvers lautet doch anders:

Denn du gibst mich nicht der Unterwelt preis; / du lässt deinen Frommen das Grab nicht schauen.

Da hat also zwischen 1980 und 2016 in Bezug auf den Psalmtext Veränderung stattgefunden.

Hingegen ist keine Veränderung festzustellen in Bezug auf die Verwendung des entscheidenden Wortes in der zitathaften Wiedergabe des Psalmverses in der Apostelgeschichte und zwar weder im Text von 1980, noch in dem von 2016. Vielmehr verwenden beide Fassungen der EÜ in Apg 2, 27 das Wort „Verwesung“ (hier die Fassung von 1980).

So ist zunächst der Befund eindeutig: Seit vielen Jahrzehnten beinhaltet die für den “normalen” katholischen Bibelleser wichtigste Ausgabe der Hl. Schrift hier einen offenkundigen Widerspruch, einen Widerspruch zwischen Altem und Neuem Testament in einem Fall unmittelbarer Bezugnahme. Und es handelt sich dabei eben nicht um ein philologisches Detail, denn wir haben ja gesehen, wie wichtig die Stelle ist Erinnern wir uns: “Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer, leer auch euer Glaube.” (1 Kor 15, 14).

Und das einzige, wörtlich ‘winzige’, Signal, dafür, daß es hier ein Problem geben könnte, ist der Verweis zu Apg 2, 25-28, wo in der neuen EÜ nämlich steht: “Ps 16, 8-11 G” (Hervorhebung von mir). Dieses “G”, so lernt man auf der vorletzten Seite, S. 1551, noch hinter den Karten, im Abkürzungsverzeichnis, steht für: “griechische Übersetzung, sog. Septuaginta” (In den Verweisen zu Apg. 13, 35 fehlt übrigens selbst dieser Hinweis, von dem ich aber auch nicht weiß, ob wirklich jeder etwas damit anfangen kann und übrigens ist diese Uneinheitlichkeit schlechtes Lektorat, bzw. Schlamperei).

Dabei heißt es im Vorwort der Bischöfe zur neuen EÜ doch explizit: “Deshalb wird das Neue Testament im Lichte des Alten Testaments und das Alte Testament wird im Lichte des Neuen Testaments gelesen.” (a.a.O, S. 9, Hervorhebung von mir).

Das ist dann aber offenbar an einer wichtigen Stelle  gründlich schiefgegangen, oder?

Nun höre ich förmlich die Frage: “Und wenn es nicht anders geht, weil im hebräischen Urtext nun mal nicht ‘Verwesung’ steht?”

Das schauen wir uns morgen an!

Gereon Lamers

Zum Tage: Annette v. Droste-Hülshoff encore

Am Karsamstage

Tiefes, ödes Schweigen,
Die ganze Erd‘ wie tot!
Die Lerchen ohne Lieder steigen,
Die Sonne ohne Morgenrot.
Auf die Welt sich legt
Der Himmel matt und schwer,
Starr und unbewegt,
Wie ein gefrornes Meer.
O Herr, erhalt‘ uns!

Meereswogen brechen,
Sie toben sonder Schall;
Nur die Menschenkinder sprechen,
Doch schaurig schweigt der Widerhall.
Wie versteinet steht
Der Äther um uns her;
Dringt wohl kein Gebet
Durch ihn zum Himmel mehr.
O Herr, erhalt’uns!

Sünden sind geschehen,
Für jedes Wort zu groß,
Daß die Erde müßt‘ vergehen,
Trüg‘ sie nicht Jesu Leib im Schoß.
Noch im Tod voll Huld
Erhält sein Leib die Welt,
Daß in ihrer Schuld
Sie nicht zu Staub zerfällt.
O Herr, verschon‘ uns!

Jesus liegt im Grabe,
Im Grabe liegt mein Gott!
Was ich von Gedanken habe,
Ist doch dagegen nur ein Spott.
Kennt in Ewigkeit
Kein Jesus mehr die Welt?
Keiner der verzeiht,
Und keiner der erhält?
O Herr, errett‘ uns!

Ach, auf jene Frommen,
Die seines Heils geharrt,
Ist die Glorie gekommen
Mit seiner süßen Gegenwart.
Harrten seiner Huld:
Vergangenheit die Zeit,
Gegenwart Geduld,
Zukunft die Ewigkeit.
O Herr, erlös‘ uns!

Lange, lange Zeiten
In Glauben und Vertraun,
Durch die unbekannten Weiten
Nach unbekanntem Heil sie schaun.
Dachten sich so viel,
Viel Seligkeit und Pracht.
Ach, es war wie Spiel,
Von Kindern ausgedacht.
O Herr, befrei‘ uns!

Herr, ich kann nicht sprechen
Vor deinem Angesicht!
Laß die ganze Schöpfung brechen,
Diesen Tag erträgt sie nicht.
Ach, was naht so schwer,
Ist es die ew’ge Nacht,
Ist’s ein Sonnenmeer,
In tausend Strahlen Pracht?
O Herr, erhalt‘ uns!

Annette von Droste-Hülshoff

Die Pietà aus der Handschrift

Ich mochte diese Zeichnung immer. Gucken Sie mal die rechte Hand. Ich liebe es einfach. Es ist eine Federzeichnung in der Randspalte einer spätmittelalterlichen Schülerhandschrift, mit der ich im Studium zu tun hatte. Ich habe das Bild damals vom Mikrofiche kopiert, mir aber leider nicht dazugeschrieben, woher ich es habe. Die Kopie hebe ich jetzt seit über einem Vierteljahrhundert auf und sie hat alle meine Umzüge überstanden. Heute möchte ich Ihnen dieses Bild der schmerzensreichen Mutter zeigen, ohne weiter etwas dazu schreiben zu können als: 

Heilige Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes!

Federzeichnung eines spätmittelalterlichen Schreibers in die Randspalte einer Handschrift (eigenes Bild) Für Hinweise zur Bildquelle sind wir dankbar.

 

Cornelie Becker-Lamers

O Wundernacht!

Zum Tage: Annette von Droste-Hülshoff encore

Als Gereon 2019 den Adventskalender mit Gedichten aus dem Geistlichen Jahr in Liedern auf alle Sonn- und Festtage von Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) zu planen begann, war mir klar, daß ich auch nach Vertonungen ihrer Gedichte, ja idealerweise nach eigenen Kompositionen der Dichterin zum Geistlichen Jahr suchen würde. Denn daß sie selber komponiert hat, wußte ich noch aus meinem Studium in Münster.

Die Familien Droste zu Hülshoff und Haxthausen (mütterlicherseits) waren hochmusikalisch und unterwiesen ihre Sprößlinge sorgfältig. Über von Haxthausens Volksliedsammlungen haben wir im Advent ja bereits durch die Schafe ein bißchen was erfahren. Und Clemens August II, Annettes Vater, soll ein guter Violinist gewesen sein. Maximilian Friedrich schließlich, ihr Onkel und zunächst Priester, wandte sich nach seiner Heirat mit Mitte 20 ganz dem Komponieren und Dirigieren zu. Max von Droste, dessen Werke sogar durch Joseph Haydn in Wien aufgeführt wurden, schrieb für seine begabte Nichte eine Generalbaßschule. Und so überstiegen Annette von Drostes Fertigkeiten im Gesang und am Klavier, besonders aber in der Kunst des Tonsatzes das in Adelskreisen übliche Maß.

Leider fanden sich unter den YouTube-Videos zwar einige sehr schöne Liedeinspielungen bspw. von Heike Hallaschka, aber ich fand keine Komposition der Dichterin selber. Und zum Geistlichen Jahr fanden wir auf YouTube einzig eine Lesung des Dreikönigsgedichtes.

Wie sieht es überhaupt mit Vertonungen zu Droste-Gedichten aus? 1986 hat Irmgard Scheitler im Droste-Jahrbuch 1 (S. 186-202) einen Aufsatz zur musikalischen Rezeption des Geistlichen Jahres vorgelegt, auf den ich mich im folgenden hauptsächlich beziehe. Scheitler führt die Tatsache der im Vergleich zum dichterischen Rang der Autorin spärliche Anzahl von Vertonungen auf eine Sperrigkeit der lyrischen Vorlagen zurück: „Die Gedichte der Droste gelten als schwer zugänglich. Sie befremdeten bereits die Zeitgenossen durch ihre verschränkte Sprache, ihren weit ausladenden Duktus und ihren Gedankenreichtum.“ (S. 190) In der Tat entziehen sich die epenhaften Erzählungen, die sich in ihren subjektiven Reflexionen meist gänzlich vom vorgegebenen Evangelientext entfernen, eigentlich dem Strophenlied. Eine Vertonung müßte in jedem Fall eine durchkomponierte sein. Und so hält Scheitler fest: „Nicht einmal zur Zeit des Kulturkampfes, als die Droste als katholische Dichterin verherrlicht und ihre geistlichen Werke, allen voran das Geistliche Jahr, in den Vordergrund gestellt wurden, nahmen sich die Komponisten der Sonn- und Feiertagsgedichte an.“ (S. 191)

Die Vertonungen, die Scheitler dennoch auflisten kann, treffen in der Regel aus jedem Gedicht eine Stophenauswahl. Und die Komponisten versuchen, ihre Vertonungen durch ein Ausklammern gerade des Typischen des Geistlichen Jahres, nämlich der individualisierenden Strophen, ihre Lieder „auf die Ebene objektiver, für gottesdienstliche Zwecke verwendbare Evangelienbereimung“ zu reduzieren. (S. 193) Eine Ausnahme bildet das „Droste-Chorbuch nach Gedichten aus dem ‚Geistlichen Jahr‘ der Annette von Droste-Hülshoff für gemischte Stimmen“, das Fritz Schieri nach Kriegsende begann und 1959 veröffentlichte. (S. 193f.) Schieri vertont hierfür 17 Gedichte aus dem Geistlichen Jahr, sowohl strophisch als auch durchkomponiert. Seine an Hugo Distler geschulte Kompositionsweise setzt auf Deklamation und Textverständlichkeit, verleiht den selbständigen Stimmen Eigenrhythmik und verzichtet auf Taktstriche, so daß die Musik metrischen Wechseln in den lyrischen Vorlagen Rechnung tragen kann. Durch seine Anordnung nach dem Kirchenjahr (nicht, wie bei Droste, nach dem Kalenderjahr) und das Mitvertonen von in der lyrischen Vorlage etwa ausgesparten Evangelientexten objektiviert Schiris „Chorbuch“ die Gedichte des Geistlichen Jahres und biegt sie auf das Schema des traditionellen Perikopenliedes zurück (S. 197) Das „Lied am Grünendonnerstage“, dem wir uns im folgenden zuwenden möchten, hat Schieri durchkomponiert und als Lied Nr. 9 in seine Sammlung aufgenommen.

Die Wundernacht, eben das „Lied zum Grünendonnerstage“, wird von der Forschung als Indiz dafür herangezogen, daß Annette von Droste-Hülshoff sich das Geistliche Jahr im gesungenen Vortrag vorgestellt hat. (S. 196) Denn dieses Gedicht liegt in einer Vertonung durch die Dichterin selber vor. Die Komposition wird von Scheitler auf die Entstehungszeit der lyrischen Vorlage, nämlich 1820-23, datiert. Diese Zeit steht in der Droste-Forschung unter der Überschrift „Jugendkatastrophe“, da damals eine Intrige Drostes Verlobung und Heirat vereitelte. Sie igelte sich zuhause ein und dichtete, so ihr Gesundheitszustand es zuließ. Namentlich zur Entstehung der Wundernacht zitiert Scheitler eine Briefstelle Drostes an Anna von Haxthausen: „Vorzüglich ist das Lied am Gründonnerstage zu einer Zeit, wo sehr heftige Kopfschmerzen mir zuweilen eine solche Dumpfheit zuzogen, daß ich meine Geisteskräfte der Zerrüttung nahe glaubte, unter den schrecklichsten Gefühlen geschrieben“ (S. 198, Anm. 38).

Es ist immer ein Anfängerfehler, literarische Werke vor dem Hintergrund der Autorenbiographie zu interpretieren. Aber im Falle der Wundernacht ist der Hinweis auf die Entstehungsumstände des Gedichtes wirklich mal hilfreich, da man so wenigstens einen kleinen Hinweis zur Motivierung der verstörenden beiden mittleren Strophen des Gedichtes erhält. Eine Gedichtinterpretation müßte sich von diesem Hinweis dann wieder lösen.

Zur Vertonung der Wundernacht durch die Autorin urteilt Scheitler: „Der Tonsatz ist nichts weiter als eine bescheidene Hülse, ein Mittel gefälligen Vortrags. Der Musik kommt keine interpretatorische Qualität zu, sie legt den Text nicht aus, eher widerlegt sie ihn […]. Der Satz hat etwas Quadratisches an sich; zwischen die Zeilen sind Viertelpausen eingeschoben, […]. Kann man sich zehn Strophen so gesungen vorstellen?“ (S. 198).

Tja: Kann man sich zehn Strophen so gesungen vorstellen? Ja, liebe Frau Scheitler, das war genau die Frage, die auch wir uns gestellt haben, nachdem wir den Notentext in Augenschein genommen hatten. Als unsere Suche nach YouTube-Videos mit Liedern aus dem Geistlichen Jahr scheiterten, ging ich nämlich an die Beschaffung von Notenmaterial. Antiquarisch erwarb ich für wenig Geld eine Ausgabe der „Lieder und Gesänge“, die Karl Gustav Fellerer 1954 ausgewählt und herausgegeben hat. Das Büchlein enthält insgesamt 15 Kompositionen Annette von Droste-Hülshoffs, darunter Vertonungen anonymer Volksliedtexte sowie eigener und fremder Gedichte. Aus dem Geistlichen Jahr ist nur das Lied zum Gründonnerstag in die Sammlung aufgenommen.

Das mußte es also werden, wollten wir den Adventskalender zu irgendeinem Zeitpunkt mit etwas Hörbarem abrunden. Ich schrieb also die Einzelstimmen aus dem Chorsatz heraus und an einem Hausmusikabend spielten meine Töchter, eine Freundin aus dem ‚Blockflötenensemble Herz Jesu‘ und ich die Strophen 1-4, 7-8 und 10 des Liedes O Wundernacht zur Fußwaschung am Gründonnerstag ein. Wir wählten also Strophen aus, ließen die trübsinnigsten (5 und 6) weg und wandten zur Belebung des Vortrags außerdem einen Trick an, den ich im Blockflötenensemble gelernt habe: Wir variierten die Besetzung und ersetzten in der einen oder anderen Strophe einzelne Singstimmen durch Instrumente. Die Einspielung hat keinen Konzertanspruch, sondern ist eben Hausmusik und soll mithelfen, in Zukunft wenigstens einen ersten Höreindruck einer Eigenkomposition der Droste zum Geistlichen Jahr zur Verfügung zu haben.

Hier also kommt nun das Lied.

Enjoy! 🙂

 

Annette von Droste Hülshoff

O Wundernacht

(Am Grünendonnerstage)

Evangelium: Von der Fußwaschung [Joh 13, 1-20]

O Wundernacht, ich grüße!
Herr Jesus wäscht die Füße,
Die Luft ganz stille stand,
Man hört den Atem hallen
Und wie die Tropfen fallen
Von seiner heil’gen Hand.

Da Jesus sich tut beugen,
Ins tiefe Meer sich neigen
Wohl Inseln diesem Gruß.
Ist er so tief gestiegen,
So muß ich ewig liegen
Vor meines Nächsten Fuß.

Herr, ob sich gleich betöret
Die Seele mein empöret
Vor aller Niedrigkeit,
Daß ich vielmehr mein Leben
In Qualen aufzugeben
Für deinen Ruhm bereit:

So gib, daß ich nicht klage,
Wenn du in meine Tage
Hast alle Schmach gebannt,
Laß brennen meine Wunden,
So du mich stark befunden
Zu solchem harten Stand!

O Gott, ich kann nicht bergen,
Wie angst mir vor den Schergen,
Die du vielleicht gesandt,
In Krankheit oder Grämen
Die Sinne mir zu nehmen
Zu töten den Verstand!

Es ist mir oft zu Sinnen,
Als wolle schon beginnen
Dein schweres Strafgericht,
Als dämmre eine Wolke,
Doch unbewußt dem Volke,
Um meines Geistes Licht.

Doch wie die Schmerzen schwinden,
Die mein Gehirn entzünden,
So flieht der Nebelduft,
Und mit geheimem Glühen
Fühl‘ ich mich neu umziehen
Die frische starke Luft.

Mein Jesu, darf ich wählen,
Ich will mich lieber quälen
In aller Schmach und Leid,
Als daß mir so benommen,
Ob auch zu meinem Frommen,
Die Menschenherrlichkeit.

Doch ist er so vergiftet,
Daß es Vernichtung stiftet,
Wenn er mein Herz umfleußt,
So laß mich ihn verlieren,
Die Seele heimzuführen,
Den reichbegabten Geist.

Hast du es denn beschlossen,
Daß ich soll ausgegossen
Ein tot Gewässer stehn
Für dieses ganze Leben,
So will ich denn mit Beben
An deine Prüfung gehn.

 

Nachweise:

Text hier.
Text und vierstimmiger Liedsatz für Frauenchor abgedruckt in:
Annette von Droste-Hülshoff, Lieder und Gesänge, herausgegeben, ausgewählt und erläutert von Karl Gustav Fellerer, Münster/Westf.: Aschendorff 1954, S. 42f.

Zur oben referierten und zitierten Übersicht über die Droste-Vertonungen siehe:
Irmgard Scheitler, Die musikalische Rezeption des
Geistlichen Jahres von Annette von Droste-Hülshoff, in: Droste-Jahrbuch 1. Im Auftrag der Annette von Droste-Gesellschaft herausgegeben von Clemens Heselhaus und Winfried Woesler, Münster: Regensberg 1986, S. 186-202.

 

Seinlassen

„Liturgie und Theater“?

Seit langem fragen wir uns, wie wir es am geschicktesten mal formulieren könnten. Und nun wird im Pfarrblatt SPEZIAL zur Corona-Krise sogar danach gefragt. Denn „Was können wir noch alles seinlassen?“ heißt es im Editorial des  Pfarrblatt SPEZIAL, bevor unser Pfarrer gegen den „kirchlichen Aktionismus“ zu Felde zieht. Hat da einer ‚das Ohr am Volk‘? Wir bedanken uns jedenfalls für die Gelegenheit, einen Umstand zu thematisieren, der sich unseres Erachtens umso mehr als Mißstand herausgestellt hat, je länger er andauert.

Also: „Was können wir noch alles seinlassen?“

Wir hätten da was:

Die ver-rückten Bänke!

Bitte, bitte: die schiefen Bänke in den Querarmen! Einfach mal alle fünfe grade sein lassen!

Irgendwie schräg: die Bänke im nördlichen (rechten) Querarm, wie sie sich seit etlichen Monaten angeordnet finden (eigenes Bild am 9. März 2020)

Im rechten Querschiff ist diese Position der Bänke ein Problem für alle Gruppen, die in einer Messe und dabei insbesondere zum Kommuniongang musizieren. Diese Gruppen stehen nämlich ganz häufig genau da. Ich habe es mehrfach durch: Aufgrund der in den Weg ragenden Spitze der vordersten Bank weiß die Gruppe nicht, wie sie Aufstellung nehmen soll, ohne daß die Kommunikanten auf dem Rückweg zu ihrem Platz aus Versehen die Notenständer umstoßen.
Also schiebt man mittlerweile vor jeder solchen Meßgestaltung die Bänke irgendwie zur Seite aus dem Weg. Es geht nicht anders. Trotzdem ist es immer ein wenig unwürdig für alle Beteiligten: die Bänke, den Raum und die Musiker. Und peinlich. Eigentlich sollte man vor einer Messe nicht die Kirche umräumen müssen.

Dennoch ist das Problem im linken Querarm noch weitaus gravierender. Denn da geht es nicht um Musiker, sondern um stille Beter. Denn im linken Querarm ist – zwar ohne die angestammte Umgebung ihres vollständigen Seitenaltars, dessen Bestandteile nach der Ausstellung zum Kirchweihjubiläum im September 2016 alle wieder im Depot verschwanden, aber doch immerhin an ihrer angestammten Stelle – unsere schöne Marienstatue auf einer Wandkonsole aufgebaut. Derzeit, in der Krise, stehen die Bänke wieder en face zur Figur, aber regulär laufen auch diese Bänke in ihrer Aufstellung aus dem Ruder:

Die Kirchenbänke im linken Querarm: vor oder nicht vor der Marienstatue? (eigenes Bild am 9. März 2020)

So oft wir (und das heißt: nach jedem Meßbesuch in Herz Jesu) zur Marienfigur gehen, um ein Salve Regina zu beten, empfinden wir diese Anordnung der Bänke als Affront gegen die Gottesmutter. Es geht mir nicht um die Bequemlichkeit beim Knien. Ich knie auch gern auf dem Fußboden. Aber in diesen Bänken kniet man so schräg und halb auf der Bank vor der Heiligen Jungfrau, daß es einen von der Andacht ablenken kann.

Das Vorbild dieser Anordnung ist für jeden sofort ersichtlich. Es ist die Theaterbestuhlung.

„Aufgund einer optimalen Sitzanordnung ist auf allen Plätzen eine gute Sicht zur Bühne möglich.“ Sitzanordnung im Theater am Beispiel Lingen

Aber im Unterschied zum Theater existiert in der überwiegenden Mehrzahl der Kirchen nicht die eine Bühne, sondern ein Altarraum und Seitenaltäre, Kapellen oder andere Betorte. Den Marienaltar bzw. dessen Surrogat derart zu marginalisieren, macht mir Bauchschmerzen, seit die Anordnung der Bänke in die beschriebene Schieflage geraten ist. Ich komme damit nicht gut zurecht! Daher wäre ich persönlich sehr dankbar, wenn man die Sache wieder graderücken und dann einfach seinlassen könnte wie ursprünglich vorgesehen.

 

Cornelie Becker-Lamers

PS: Ich versuche ja immer, mir über die von mir nicht minder so empfundene Situation mit einem flotten Spruch hinwegzuhelfen, seit meine Familie mir ‚verboten‘ hat, jeweils eine Bank zur privaten Andacht geradezustellen (und natürlich anschließend wieder schief!), etwa so: „Man kann auch auf krummen Bänken gerade knien!“, aber das ist eben auch nicht mehr als das: Ein Spruch, der nicht wirklich hilft, die nachhaltige Irritation zu beseitigen.

Gereon Lamers