Zurüruck zum Inhalt

„Wirf deine Angst in die Luft“

(Schall-)Wellen sind Energietransport ohne Massetransport.
Anmerkungen zu den Corona-Schutzmaßnahmen

„Energietransport ohne Massetransport“ habe ich als Charakteristikum einer Welle im Physikunterricht gelernt. Unter den vielen Papieren, die derzeit in den Emailpostfächern von Chorleiter/innen landen, thematisiert diesen Tatbestand eine Studie des Freiburger Instituts für Musikermedizin zur „Risikoeinschätzung einer Coronavirus-Infektion im Bereich Gesang“ vom 25. April dieses Jahres. Darin heißt es:

Die Tonproduktion erfolgt beim Singen mittels eines Ausatemstroms. Physiologisch ist diese Tonproduktion dadurch gekennzeichnet, dass dieser Ausatemstrom periodisch an den Stimmlippen unterbrochen wird. Dadurch strömen nach aktuellem physiologischen Wissensstand nur geringe Mengen Luft pro Zeiteinheit tatsächlich aus dem Mund der Sänger*innen aus. Die Luftmoleküle der Luftsäule im Vokaltrakt werden zur Schwingung angeregt und der Schall überträgt sich im Raum durch pendelartige Schwingungen der Luftmoleküle. / Inwieweit es durch das Singen zu einer vermehrten Aerosolverbreitung kommt, ist wissenschaftlich nach unserem Kenntnisstand bisher nicht untersucht. (Hervorhebungen von mir)

Das hat mir ausgesprochen gut gefallen! In der Tat ist es ja das Schwingenlassen der Luftsäule im Körper, die das wohltuende und wohltönende Singen vom heiser machenden und Schrecken verbreitenden Grölen unterscheidet. (Von daher könnte man vielleicht sagen: Chöre ja – volle Fußballstadien weiterhin nein?) Jedes Chormitglied kennt die Dirigenten-Mahnung beim Einsingen: „Stellen Sie sich vor, Sie halten sich eine Kerze vor‘s Gesicht. Die Flamme darf nicht flackern, während Sie singen! Inhalare la voce!!!“ Das geht in dieselbe Richtung. In seinem kurzen Video-Tutorial zum Thema spricht Thomas Dobmeier sogar von einer „Unterdrucktechnik“ des Singens:

Daß der Klang, der mein Ohr erreicht, nicht eins zu eins die Luft ist, die Singende kurz zuvor ausgeatmet haben, erhellt schon aus der Erkenntnis, daß Klang sich in alle Richtungen ausbreitet. – Genau: Jetzt nicht denken ‚Ach! Deshalb sind Tenöre häufig so dick: Die werden auseinandergezogen!‘ Das wäre falsch. – Strömte die Luft mitsamt Aerosolen von Singenden in alle Richtungen davon, stände ein Chor in der Tat ganz schnell im Vakuum bzw. in einem Wirbelsturm nachströmender Luft. Eine lustige Vorstellung, taugt aber eben nur für die Comiczeichnung. Es ist klar: Nur der Klang breitet sich um Musizierende wie um jede Schallquelle herum aus, nicht die Luft. Was mein Ohr trifft, sind die Schwingungen der Luftmoleküle, die(selben), die schon die ganze Zeit neben meinem Ohr herumwabern. Durch ihre Stimmlippen versetzen Singende die Luft in Schwingung und benachbarte Luftmoleküle stoßen einander an, ohne selber den Platz zu wechseln. Die Vorstellung, daß eine gestrichene Violinsaite ja auch nicht dem Publikum um die Ohren fliegt, sondern an Ort und Stelle ihren Klang erzeugt, hilft vielleicht auch noch einmal dabei, die Angst vor erhöhter Ansteckungsgefahr durch gemeinsames Singen auf ein rationales Maß zu reduzieren.

Die Tröpfcheninfektion, durch die sich Atemwegserkrankungen wie Covid-19 verbreiten, ist, das haben wir jetzt alle oft genug gehört, auf Spucketröpfchen und auf „in der Luft gelöste“ Viren („Aerosole“ aus gr. aër, die Luft und lat. solvere, lösen) in winzigen Feuchtigkeitspartikeln angewiesen. Daher die Abstandsregeln. Spucke fliegt dabei weniger weit als die Aerosole, die sich wohl recht lange in der Luft in der Schwebe halten können. Aber vom Ambo bis zur ersten Bankreihe dürfte doch der Platz in größeren Kirchen wie bspw. Herz Jesu Weimar reichen, um den Kantorendienst im gesungenen Kyrie, einem Zwischengesang und einem Halleluja wie allezeit durchführen zu können.

Denn ist Sprechen weniger gefährlich? Wir alle kennen die Schülerwitze über den Englischunterricht, in dem man sich mit dem Regenschirm vor der feuchten Aussprache der Lehrkraft beim „th“ schützen muß. Gerade Konsonanten befördern Feuchtigkeit aus dem Mund. Und gerade beim Sprechen gefährde ich dadurch andere, denn beim Sprechen schaue ich dem Gegenüber ins Gesicht. Ich spreche sozusagen direkt auf die empfänglichen Schleimhäute meines Gesprächspartners zu. Hier müßte die Gefahr einer Ansteckung daher doch eigentlich größer sein, als wenn ich („inhalare la voce“) „Aaaaaaaaaaaave Mariiiiiiiaaaaaaa“ singe, und zwei Meter neben mir (nicht: mir gegenüber) singt die nächste Sängerin das gleiche in dieselbe Richtung.

Die Luft, die ausströmt, strömt vor uns aus, einem Gegenüber ins Gesicht, an neben uns stehenden Mitsingenden aber vorbei. Singen in Choralschola- oder Vokalensemblegröße macht mir persönlich daher überhaupt keine Angst und ich würde es jederzeit zulassen – hätte ich diese Entscheidung zu verantworten.

Habe ich aber für Proben in Gemeindehäusern nicht.

Die Letztverantwortlichen sind da, das hat der Generalvikar jetzt in einem Maßnahmenpapier noch einmal betont, die Pfarrer, die entscheiden müssen, was sie in ihren Gemeinden zulassen können und was nicht. Und in diese Entscheidung fließen Anregungen aus den schon genannten vielen Studien ein, mit denen wir derzeit überreichlich eingedeckt werden. Das ist gut gemeint von denen, die uns diese Studien zusenden, denn wir sollen uns eine fundierte Meinung bilden können. Nur leider tappen in Sachen Corona derzeit noch ausnahmslos alle – auch die wissenschaftlich Tätigen – derart im Dunkeln, daß auch die wissenschaftlich fundierten Gebote Glaubenssache sind. Es sei denn natürlich, man läse Dirk Gintzel. Dann wäre der Fall erledigt und man sähe klar.
Bis dahin aber reichen die Vorgaben in den Richtlinien von ziemlich utopischen „mindestens 20 m² pro Sänger“ bis zu „3 m Abstand“. Wie man entscheidet, ist letztlich eine Frage, welcher Theorie man glaubt und was am plausibelsten erscheint. Die Entscheider, die sich in unserer Pfarrei heute zum dritten Mal in dieser Corona-Krise in größerer Runde treffen, sind jedenfalls nicht zu beneiden.

Abschließend zum Thema noch was für‘s Fernweh. Enjoy 😉 

Cornelie Becker-Lamers

 

PS: Die Überschrift ist dem Gedicht „Noch bist du da“ von Rose Ausländer entnommen.

Die Franz-Liszt-Gedächtnisorgel und ihr Klangsegel

Professor Michael Kapsner und die hochschuleigene Franz-Liszt-Gedächtnisorgel
in der katholischen Pfarrkirche Herz Jesu Weimar – Teil III

Die aktuelle Textreihe zum Thema Franz-Liszt-Gedächtnisorgel in Herz Jesu Weimar hat aus gegebenem Anlaß (der noch näher zu erläutern sein wird) bisher über den Initiator und den Bau der Orgel, ihre Finanzierung und die ihr zugrundeliegende Vision berichtet und sich dann in einem zweigeteilten Beitrag der Frage gewidmet, wie die neue Orgel im Internet vorgestellt wird. Im folgenden soll es um das Klangsegel der Orgel gehen.

Wer aus unserer Pfarrei ist schon einmal über das Klangsegel gestolpert? Entweder im übertragenen Sinne oder tatsächlich über die Sache selbst, die mittlerweile einsatzbereit auf der Orgelempore aufrecht hinter dem Spieltisch lehnt? Es könnte immerhin sein, daß Ihnen der Begriff schon einmal begegnet ist, denn in der ersten Zeit nach dem Versuch seiner Einführung wurde das Klangsegel seitens der Pfarrei der Hochschule gegenüber zum großen Aufreger stilisiert. Da die meisten von Ihnen das Klangsegel vermutlich trotzdem noch nie gesehen haben und es zu keinem Zeitpunkt in den vergangenen zehn Jahren Informationen für die Gemeinde gab, was dieses Klangsegel überhaupt sei, wozu es diene und warum Professor Kapsner es den Organisten ermöglichen mußte, möchten wir dem ebenso schlichten wie trickreichen Gegenstand einen Teil unserer Textreihe zur Franz-Liszt-Gedächtnisorgel widmen (bisherige Texte der Reihe hier, hier und hier). Der Informationsbedarf scheint beträchtlich zu sein, hörte man in jüngerer Zeit doch sogar aus den Reihen der Hauptamtlichen, auf Konflikte rund um den Orgelneubau angesprochen, die ahnungslosen Worte: „Orgel? Keine Ahnung. Ich weiß nur irgendwas von einem Luftsegel …“. Und darauf darf der jahrelange Einsatz Professor Kapsners für eine Vernetzung von Pfarrei und Hochschule, sein jahrelanges ehrenamtliches Engagement für unsere Kirchgemeinde und die angehenden Organisten nun wirklich nicht zusammenschrumpfen. 

Also: Was ist ein Klangsegel und wozu dient es? Sie erinnern sich an einen der Sätze aus dem anonymen Weblog „Nacht des Herrn“, die ich Ihrem Hinterkopf anempfohlen hatte: „Organisten, die es nicht gewohnt sind in der Orgel zu sitzen, sollten einen Gehörschutz mitbringen.“
Der Wunsch „der Gemeinde“, die Gestalt der Franz-Liszt-Gedächtnisorgel möge die Rosette am Ostgiebel der Kirche freilassen, stellte den Initiator des Orgelneubaus, Professor Kapsner, und die ausführende Firma Orgelbau Waltershausen bei der Konzeption des Instruments vor große Herausforderungen: „Die Empore ist für eine Konzertorgel durchaus von ausreichender Größe, allerdings werden die Möglichkeiten stark eingeschränkt durch die Vorgabe der Gemeinde, die Fensterrosette frei zu halten“, wie die Ausführenden selber schreiben.
Wie schon erwähnt, verdeutlicht eine Fotografie des Zustands vor Einbau der neuen Orgel auf der Internetseite der Orgelbauer im Vergleich zur jetzigen Situation, welches Geschenk die Gestalt der Franz-Liszt-Gedächtnisorgel allen, die die Kirche besuchen, durch die erfolgreichen Bemühungen, den Lichteinfall durch die Rosette wieder zu ermöglichen, tagtäglich macht. Aber die Konsequenzen bei Konzept und Bau waren für Professor Kapsner und die Ausführenden in mehrerlei Hinsicht eben auch erheblich. Wir werden daher auch in späteren Texten noch einmal darauf zurückkommen. Für heute sind unter den zusätzlichen Problemen, die die „Vorgabe der Gemeinde“ den Orgelbauern bereiteten, das Ungleichgewicht der dynamischen Balance für den Organisten zu nennen. Die Ausführenden hatten dies kommen sehen, das Problem aber erst nach Fertigstellung der Hauptorgel im Juni 2011 in seiner ganzen Tragweite erkennen können.

Als Lösung schlug Orgelbau Waltershausen noch im Sommer 2011 eben das Klangsegel als Klangabschirmung für den Organisten vor. Es kann an vier Schnüren über dem Kopf des Organisten befestigt und jederzeit wieder entfernt werden. Es sollte und kann seit 2016 nun auch tatsächlich den erwarteten konzertierenden (d.h. ja auch häufig externen) Organisten beim Einregistrieren ihres Konzertprogramms helfen. Wie geplant, ist das Klangsegel weder zu den Konzerten selber noch im Alltag oder in Meßfeiern jemals zu sehen.

Die Problemlösung nach Fertigstellung der Orgel pressierte, da damals der renommierte, von der Musikhochschule Franz Liszt in Zusammenarbeit mit den Städten und Domen Erfurt und Merseburg durchgeführte 2. Internationale Bach|Liszt-Orgelwettbewerb  (23. August bis 5. September 2011) vor der Tür stand. Dennoch wurde sogar eine provisorische Anbringung des Klangsegels im Namen „der Gemeinde“ (wegen der Rosette) oder auch – wie es gerade paßte – im Namen „übergeordneter Stellen“ (aus Gründen des Denkmalschutzes) mehrfach verweigert. Die entsprechenden Schriftstücke liegen PuLa seit langem vor. (Dazu muß man wissen, daß es sich bei den “übergeordneten Stellen” um den fachlich zuständigen Dombaumeister unseres Bistums gehandelt hätte, der jedoch auf Betreiben eben derselben Person, die wiederholt in besagten Schriftstücken das Klangsegel verweigerte, im Zuge der Baumaßnahmen rund um die Orgel für Herz Jesu Weimar mit einem Hausverbot belegt worden war.)
Bei der Einregistrierung vor einem Konzert waren Organist/inn/en zu diesem Zeitpunkt auf eine zweite Person angewiesen, die im Kirchenschiff stand und auf Zuruf die Registrierung kommentierte und korrigierte. Oder die Musiker dokumentierten ihr eigenes Spiel und die Klangvarianten begleitend per Recorder im Kirchenschiff und liefen während des Probens beständig treppauf, treppab zwischen Spieltisch und Kirchenschiff hin und her, um die Aufnahmen abzuhören, zu beurteilen und die Registratur danach auszurichten.

Was für Knüppel wurden da in unser aller Namen den Organisten über Jahre zwischen die Beine geworfen! Wie können wir beginnen, überhaupt einzuschätzen, worum es ging? Wie damit beginnen, die allgemeine Entschuldigung zu begreifen und inhaltlich mit Emphase zu füllen, die unser jetziger Pfarrer beim Antrittskonzert von Professor Sturm der Hochschule gegenüber formuliert hat?

Die einzig Leidtragende bei Anbringung des Klangsegels, so hat man aus den damaligen Schreiben den Eindruck, ist die Fensterrosette am Ostgiebel hinter der Orgel. Segel und Rosette scheinen sich überhaupt nicht zu vertragen. Wir müssen also, um zu beurteilen, ob die Behinderung der Organisten zwischen 2011 und 2016 gerechtfertigt war, einen Eindruck davon gewinnen, wie sehr das Klangsegel den Leichteinfall durch die Fensterrosette tatsächlich stört. Wie können wir uns darüber ein Urteil bilden, da das Klangsegel im Alltag nie installiert ist?

Wir wollen sehen, ob ich Ihnen helfen kann. Auch ich hatte ganz lange vom Klangsegel nur gehört. Selbstverständlich kannte ich die fachliche Erläuterung des Professors. Außerdem kursierten 2011 vereinzelte Erlebnisberichte hinter vorgehaltener Hand. Zum ersten Mal gesehen aber habe ich den im Laufe der Zeit regelrecht zum Phantom gewordenen Gegenstand erst nach sieben Jahren – und zwar zufällig. Das war am 28. September 2018 mittags, als István Ella an der Orgel in unserer Kirche saß und sich für sein abendliches Konzert zu unserem Kirchweihfest mit der Orgel vertraut machte. Ich weiß nicht mehr, warum ich einen Fotoapparat zur Hand hatte – hatte ich aber und habe natürlich sofort die Gelegenheit genutzt, diesen seltenen Anblick für Sie im Bild festzuhalten:

István Ella macht sich für sein abendliches Konzert am 28. September 2018 mit der Franz-Liszt-Gedächtsnisorgel vertraut und registriert ein; über dem Spieltisch, erkennbar an der schmalen weißen waagerechten Kante, das Klangsegel (eigenes Bild)

Ich entschuldige mich für die Bildqualität – die Kirche war dunkel. Aber ich denke, Sie können es dennoch erkennen: Über dem Kopf des Organisten schwebt waagerecht eine leicht gewölbte Plexiglasscheibe. Das ist das Klangsegel. Seine weiße Kante verläuft als schmale Linie quer über die Rosette. Stört es optisch? Behindert es den Lichteinfall? War das bis Anfang 2016 hartnäckig aufrechterhaltene Verbot des Klangsegels angesichts der gravierenden Konsequenzen für die Organisten gerechtfertigt? Bitte, liebe Pfarrkinder aus Herz Jesu Weimar, bilden Sie sich ein Urteil. Denn das Verbot des Klangsegels wurde, obwohl die Gemeinde nie informiert und nie gefragt wurde, doch in unser aller Namen ausgesprochen.

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Fortsetzung folgt

“Hatten wir diese Auseinandersetzungen nicht schon gewonnen?”

Ross Douthat hält die ‘Erasmus Lecture’ 2015
Neues aus der Blogœzese 2a/3 

Ende April hatten wir uns über die Blogœzese Gedanken gemacht und anhand ermutigender aktueller Beispiele einen kleinen Rückblick gewagt auf ihre Geschichte, vor allem in den vergangenen 7 – 8 Jahren. Dabei kamen wir nicht umhin, die Entwicklung in diesem Zeitraum als eine krisenhafte zu charakterisieren. Beim Nachdenken darüber hatten wir postuliert, es gebe über die je individuellen Gründe für ein Nachlassen in der Intensität der Textproduktion hinaus auch ein “verbindendes Element”, das uns alle gemeinsam gehemmt hat, und das vielleicht auch noch fortwirkt.

Aber bevor wir zu diesen durchaus ernsthaften und auch selbstkritischen Betrachtungen schreiten, haben wir noch ein Schmankerl für Sie, das sich eher heiter einfügt in den ‘Komplex Blogœzese’. Cornelie hat es, sozusagen als “Beifang”, “aufgestöbert”, als sie vor kurzem den ersten Teil ihres Berichts über die Internet-Präsenz der Franz-Liszt-Gedächtnisorgel in unserer Pfarrkirche schrieb. Zu diesem Thema hatte sich nämlich der Blog “Nacht des Herrn” anläßlich der Weihe der Orgel verblüffend kundig geäußert.

Der Autor dieses Blogs agiert nach wie vor anonym über eine kommerzielle amerikanische Plattform (dafür wird man mit Werbung genervt… 🙄 ). Naja, spart neben Geld eben auch die Verpflichtung zur Bereitstellung eines Impressums und einer Datenschutzerklärung, das muß jeder selber wissen. Im Grunde konnten wir ja schon vor über 5 Jahren über diesen Mitbloggenden (denn die Bezeichnung “Kollege”, die wir ja sonst immer wählen, würde er vermutlich seitens PuLa eher nicht so mögen), leider nur den Kopf schütteln (hier, ganz zum Schluß). 
Und es hat sich dort nichts geändert! Weder die (wie wir 2014 schrieben) auch hier “intermittierende Erscheinungsweise”, noch die reichlich eklektizistische Themenwahl, die für unser Empfinden immer wieder mal nur so “irgendwie” etwas mit katholischen Fragen zu tun hat, und schon gar nicht das Hauptcharakteristikum des Autors, der sich nach wie vor “Nachtbriefträger” nennt: Er ist immer (noch) der gaaanz Arme! 😉 Schrieb er damals von sich, seine Funktionsbezeichnung sei eigentlich “Sündenbock”, so grämt er sich im Jahr 2017 (vermutlich wieder aufgrund einer beruflichen Veränderung, bzw. Versetzung) darüber, daß er als “Neuer im Team” erst einmal fragen soll, bevor etwas verändert werden darf – So was aber auch! (hier) (Unbenommen bleibt dabei, daß die Beobachtung, wie “Ehrenamtliche” zur Begründung von Veränderungsunwilligkeit instrumentalisiert werden können, sehr nachvollziehbar ist!).

Naja, und vor gar nicht langer Zeit, am 2. März 2020, läßt unser anonymer Autor dann seinen Blog, die “Nacht des Herrn” als “Dornröschen” (sic!) wieder erwachen.

Lassen wir mal dahingestellt, ob “Sleeping beauty” hier wirklich der richtige Vergleich ist, und stellen einfach nur fest: Wenn sogar der Nachtbriefträger jedenfalls den Vorsatz faßt, wieder regelmäßig in die Tasten zu greifen, so wollen wir das als ein weiteres positives Zeichen der Wiederbelebung der Blogœzese sehen und sagen in diesem Sinne: Willkommen zurück, lieber Mitbloggender! 

Von dieser Ouvertüre her, so mußte ich feststellen, hätte sich ein Thema zur Überleitung auf den Hauptteil des Beitrags allenfalls reichlich gezwungen finden lassen, und daher – fange ich einfach an:

Am Abend des 26. Oktober 2015 hielt in New York Ross Douthat die ‘Erasmus Lecture’, die die Trägerinstitution des Magazins ‘First Things’ jährlich veranstaltet.
Der Harvard-Absolvent Douthat (gesprochen etwa: “Daußat, sorry, mit Lautschrift stehe ich auf Kriegsfuß.. 😉 ) , Jg. 1979, ist ein amerikanischer Autor, Blogger 😀 und seit einigen Jahren (als solcher gesuchter und ausgewählter!) konservativer “Op-Ed-Kolumnist” der New York Times. Er konvertierte in den frühen 90er Jahren zusammen mit der ganzen Familie zum Katholischen Glauben und gilt als eine gewichtige Stimme im traditionsorientierten Spektrum des US-amerikanischen Katholizismus.
Das First-Things Magazine ist eine seit 1990 monatlich in New York erscheinende, konservative ökumenische und interreligiöse Publikation (protestantisch, katholisch, jüdisch). Ihr Ziel ist es “eine religiös informierte und philosophisch untermauerte öffentliche Übereinkunft zur Ordnung der Gesellschaft zu fördern”. 

Die jährlichen  ‘Erasmus-Lectures’, sie finden sogar bereits seit 1987 statt, werden jährlich von über 500 Menschen besucht. Die Referenten sind fürwahr hochkarätig, auch ein gewisser Joseph Ratzinger gehörte einmal dazu. 

Vor diesem Hintergrund ist es glaube ich angebracht, einmal mehr festzustellen, daß in der breiten deutschen Öffentlichkeit im allgemeinen, aber auch speziell in der (ohnehin überschaubaren) katholischen intellektuellen “Szene” in der Regel ein Zerrbild von der Debatte in den USA gezeichnet wird! Ja, es gibt dort, im weltlichen wie im religiösen Bereich der öffentlichen Debatte schrille Stimmen. Mehr als genug und auch mir ist das immer wieder sehr unangenehm.
Aber es gibt eben auch Institutionen, Debatten und Persönlichkeiten wie die im Umfeld von ‘First Things’. Institutionen und Debatten, wie es sie hierzulande einfach nicht gibt. Streitbar, aber zivilisiert und vor allem mit einem
erheblich breiteren Meinungsspektrum! Das geht, gerade seit 2016, im immer gleichen Trump-Bashing unter und wenn das nichts mehr “hilft” werden über “die Amerikaner” einfach die Geschichten erfunden, die das hiesige Publikum erwartet. So z.B die Leserschaft des “Spiegel”, der einen Claas Relotius bei sich so richtig zur “Hochform” auflaufen ließ. Ich habe das schon öfter geschrieben: Unterreflektierter Antiamerikanismus ist eine Dummheit, die den, der ihn pflegt, insoweit mit den beiden totalitären Ideologien gemein macht, unter denen Deutschland und die Welt im 20. Jahrhundert gelitten haben. 

Deswegen gehört an diese Stelle einer unserer allseits beliebten 😉 Praktischen PuLa-Tips: Wenn Ihnen, gerade im katholischen Bereich, eine(r) mit Bemerkungen kommt wie: “Die Amis halt” (samt einschlägigem Augenaufschlag), dann sollten Sie hellwach werden! Denn die Wahrscheinlichkeit ist nicht gering, daß Sie nur davon abgehalten werden sollen, Debatten und Standpunkte kennenzulernen, die denen, die so reden, nicht passen. Weil sie, zum Beispiel, deren vermeintliche Selbstverständlichkeiten erschüttern. Sie sollten sich dann nicht nur nicht abschrecken lassen, sondern besonders neugierig werden, um sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Ok, fangen wir nach diesem “kleinen Einschub” einfach noch einmal an: 

Am Abend des 26. Oktober 2015 hielt in New York Ross Douthat die ‘Erasmus Lecture’ und er begann mit einer Geschichte, die er, wie er sagte, oft gehört und auch einige Male selbst erzählt habe, einer “Geschichte über die Katholische Kirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts”:

Einst, vor 50 Jahren habe es ein ökumenisches Konzil gegeben, nach eigenem Bekunden “pastoral”, keinesfalls “revolutionär” in seiner Zielsetzung und dementsprechend seien auch seine Verhandlungen und die Dokumente, die daraus erwuchsen, alles andere als dazu angetan gewesen, die Lehre neu zu schreiben, bzw. die Kirche zu protestantisieren.

Jedoch sei dieses 21. Ökumenische Konzil zeitlich zusammengefallen mit einer Ära sozialen Aufruhrs und revolutionärer kultureller Umbrüche in der westlichen Welt und so sei die erhoffte Erneuerung bald “gekidnapped” worden, von jenen, die eine Anpassung an den Zeitgeist der 60er Jahre und die Veränderung der Kirche “nach linksprotestantischem Vorbild” anstrebten.

Schnell hätten sich zwei Parteien gebildet, eine, die in Kontinuität zu Lehre und Tradition dem tatsächlichen Gehalt der Konzilsdokumente folgte, und eine, deren Loyalität dem vermeintlichen “Geist des Konzils” gehörte, der mit den jeweiligen kulturellen Moden der Zeit zusammenfiel. 

Diese letztere Partei hätte sich in vielen katholischen Institutionen erfolgreich breitgemacht, den Seminaren und den Orden, in katholischen Universitäten (in den USA gibt es so etwas relativ häufiger) und den Diözesanbürokratien – viele Jahre lang.
Die Ergebnisse seien im besten Fall enttäuschend, im Grunde aber desaströs gewesen: “Zusammenbruch der Meßteilnahme, verschwindende Berufungen, eine schnelle Erosion katholischer Identität, wohin man schaut”. 

Doch glücklicherweise für die Kirche sei dann ein Papst gewählt worden (der Hl. Johannes Paul II.), der der erstgenannten Partei angehört habe, der die Hermeneutik des Bruchs zurückgewiesen habe, die wahren Absichten des Konzils vorangetrieben und dabei die alten Wahrheiten des Katholizismus erneut klar verkündet habe.

“[…] Während ein liberalisierter, anpasserischer Katholizismus daran scheiterte, sich zu erneuern und daher bald (buchstäblich) aussterben würde, inspirierte das katholische Zeugnis dieses Papstes und seines Nachfolgers genau die Art der Erneuerung, auf die die Konzilsväter gehofft hatten: eine Generation von Bischöfen, Priestern und Laien, dazu bereit, die Fülle des Katholizismus und den Glanz seiner Wahrheit, zu bezeugen.”

“Und um die Jahrtausendwende war jedem mit Augen zu sehen klar, daß diese Generation die katholische Zukunft darstellte, daß die liberale Alternative auf die Probe gestellt worden und gescheitert war, und daß die Kirche des 21. Jahrhunderts eine erfolgreiche Synthese verkörpern würde – konservativ, aber modern, verwurzelt in der Tradition, aber nicht traditionalistisch, eine Synthese des konziliaren und des vorkonziliaren Katholizismus, der zweitausendjährigen Geschichte der Kirche und der Kirche des Zweiten Vatikanischen Konzils.”

Dies, so Douthat, sei das zentrale Narrativ (‚master narrative‘) des traditionellen Katholizismus gewesen, als er in den späten 90ern konvertierte, und er fuhr fort:

“Und als Joseph Ratzinger als Benedikt XVI. die Nachfolge von Johannes Paul II. antrat, schien der Katholizismus aus dem „Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils“ so gut wie besiegt zu sein, der Triumph des traditionellen Katholizismus mehr oder weniger ratifiziert, und die Geschichte, die ich gerade erzählt habe, schien in ihrer Wahrheit als bestätigt.”

Eine Geschichte, die bekannt klingt, die wir alle in ihren Elementen kennen – und die mir, als ich sie nach fast 5 Jahren, in denen ich den Text schon kannte, dann endlich mal las 😐 dennoch so eben nicht vertraut war!, jedenfalls nicht so explizit und nicht so konsistent. 

Warum? Ich vermute, weil mein Weg in die Intensivierung meiner Beschäftigung mit katholischen Themen später begann, als solcher weniger bewußt/rational einsetzte, als bei dem Konvertiten Douthat und dann in dem Kampf, in den wir in Weimar gezwungen wurden, auch anders verlief.
Und, weil es in Deutschland niemanden gab, den ich kennengelernt hätte, der dieses ‘master narrative’ so auf den Begriff gebracht hätte…. 

Heute aber, so Ross Douthat schon vor fast fünf Jahren, ist diese optimistische Geschichte eine ‘Erzählung in der Krise’.

Damit, wie Douthat die Gründe dafür schildert, beschäftigt sich der nächste Beitrag dieser kleinen Reihe.

Gereon Lamers 

Bröckelt die “Mafia”?

Über eine Konversion im Mai 2020

Am gestrigen 24. Mai machte eine 61-jährige promovierte Juristin über ihren Instagram-Account bekannt, daß sie in der Christkönig Kirche in München-Nymphenburg das Sakrament der Firmung empfangen habe und damit in den Schoß der Kirche aufgenommen worden sei:

Angekommen! Angenommen. Segen und Kraft und Freude in einer Welt, die oft so seltsam ist, und einer Zeit, die viel verlangt. Ja, es stimmt, Gottes Geist weht, wo er will.

So weit, so gut, so sympathisch und selbstverständlich überaus erfreulich, aber warum berichtet darüber bereits am gleichen Abend die Katholische Nachrichtenagentur und in ihrer Folge “katholisch“.de? Und heute, mit 18-stündiger Verspätung auch evangelisch.de? Verdient eine einzelne Konversion aus dem Bereich des Protestantismus diese Aufmerksamkeit?

Und ob!

Denn es handelt sich bei dieser Dame nicht “bloß” um ein langjähriges Präsidiumsmitglied des Deutschen Evangelischen Kirchentags sowie des 3. Ökumenischen Kirchentags 2021 (sie gehörte auch schon dem Präsidium des 2. Ökumenischen Kirchentags 2010 an), nicht nur um eine durchaus profilierte (bisher) protestantische Autorin und regelmäßige Kolumnistin auf “evangelisch.de”, ihr bisher? letzter Beitrag erschien heutenein, es handelt sich um Beatrice von Weizsäcker, Tochter des ehem. Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker.

Beatrice von Weizsäcker, 2009 (Foto: Wikicommons, DEKT/Jens Schulze)

Zu den von Weizsäckers aber sagte im Jahr 1987 in einem Spiegel-Interview kein geringerer als Ralf Dahrendorf

[Ich denke dabei an] das, was ich die protestantische Mafia nenne, also Leute wie Ludwig Raiser, die Weizsäckers oder Marion Gräfin Dönhoff, die in manchem ähnliche Positionen hatten wie der SPIEGEL. Diese Positionen waren in der Geschichte der Bundesrepublik nie beherrschend und trotzdem einflußreich. […] . Die protestantische Mafia stand durch all die Jahre vor allem für einen bestimmten moralischen Anspruch im öffentlichen Leben. (Hervorhebungen von mir)

Nur daß anders als Baron Dahrendorf meinte, die Positionen dieser Gruppe von Familien, deren “Clan-Mütter” in deren Kindesalter überlegten, welcher ihrer Abkömmlinge denn nun Staatsoberhaupt werden sollte, sehr wohl mit-bestimmend für die Bundesrepublik waren, und es besonders für deren geistiges Klima vermutlich auch nach wie vor sind, und zwar durchgängig verbunden mit einem prägnanten antikatholischen Affekt, der umso perfider ist, als er sich selbst nicht zu sehen in der Lage scheint.
PuLa hat diesem Komplex schon im Jahr 2015 einen längeren Beitrag gewidmet, den ich Ihnen nach wie vor empfehlen kann, hier.

Vor dem Hintergrund der  Wucht ihres schier übermächtigen kulturprotestantischen Herkommens zu dieser Entscheidung zu gelangen, nötigt mir fürwahr ein gerüttelt Maß an persönlichem Respekt vor Frau v. Weizsäcker ab!

Nach den Gründen für diesen Schritt gefragt sagt sie auf Instagram nur, es seien “viele” (na, klar sind sie das! 😎 ) und gegenüber evangelisch.de, sie seien “persönlich”.

Traf die Entscheidung ihre bisheriges Umfeld also völlig unvorbereitet? Hat sie nirgendwo erkennen lassen, welche Richtung ihr religiöses Denken und Empfinden nahm?

Ich glaube, wer es “sehen wollte”, will heißen, wer in der Lage war, eine solche Entscheidung für denkmöglich zu halten, der konnte sehr wohl etwas erkennen. Was aber, wie ich vermute, im organisierten Protestantismus in Bezug auf eine, die aber so etwas von “eine von uns” zu sein schien, eben nicht der Fall war. Und mit dieser Erkennbarkeit meine ich nicht ihre sich seit einigen Wochen häufenden Beiträge auf Instagram, die sich um die Christkönig-Kirche in Nymphenburg drehten. 

Ich meine einen Beitrag auf evangelisch.de von immerhin Mitte September 2019 und es ist, natürlich, kein Zufall, daß es da um die letzten Dinge ging, Tod und ewiges Leben. Sie finden ihre Worte hier unter der Überschrift: 

Wenn ich tot bin … will ich nichts von Goethe hören. Es soll heiter-himmlisch zugehen, es soll Ostern sein! Ich will Weihwasser und Rituale. Ich will katholisch beerdigt werden. (Hervorhebung von mir)

Lesen Sie diesen entzückenden kleinen Text! Unbedingt! Beatrice v. Weizsäcker vergleicht darin zwei Beerdigungen, die sie im Sommer 2019 erlebt hat, eine protestantische, nach der ihr, wie sie sagt “gruselte” und eine katholische, die sie zu dem Schluß kommen ließ: 

Wenn ich tot bin, will ich katholisch beerdigt werden. Das weiß ich jetzt. Es genügt mir nicht, dass nach reformatorischem Verständnis der Mensch sowieso bei Gott ist und es darum nicht notwendig ist, für die Toten zu beten. […] Es soll Weihwasser geben. Und Rituale. Ich will gut in Gottes Ewigkeit ankommen.
Es soll Ostern sein!
Egal zu welcher Jahreszeit.

Wer so empfindet, ist nicht nur dem Kulturprotestantismus, sondern der ganzen Denkrichtung abhanden gekommen, Signale, die man hätte sehen können (die es vielleicht auch hier nochmal gab).

Und wer den oben verlinkten PuLa-Beitrag gelesen hat, wird verstehen, warum ich außer der Freude über ein neues Glied am mystischen Leib Christi (das ist natürlich das wichtigste) auch gesellschaftlich über diese Nachricht große Freude empfinde, und warum das nichts mit Schadenfreude zu tun hat:

Es wäre für ganz Deutschland besser, wenn diese “Mafia” und ihr geistiger Einfluß final “zerbröckelten”!

In der Tat, der Geist weht, wo er will.

Gereon Lamers

No jokes with names

Heil dem Rinderknecht

Man soll ja mit Namen keine Witze machen. Und mit dem Heil auch nicht. Dazu ist das ewige Heil eine zu ernste Sache. Sonst läge natürlich ein Wortspiel schon nahe, wenn Hubertus Heil nun endlich in der Industrie der „Fleischproduktion“ aufräumen will.

Herr Heil könnte auf jeden Fall schon mal beim Begriff beginnen. Menschen können Nahrungsmittel produzieren. Aber Fleisch? Das muß nach wie vor wachsen – wie auch immer Menschen glauben, durch Mast und Medikamente da nachhelfen zu müssen und das „Produkt“ dadurch in jedem Fall verschlechtern. Leben kann sich nur von Leben ernähren – von Lebendigem, das gewachsen ist. Und das Leben schenkt immer noch einzig Gott – aus der Sache kommen wir nicht raus.

Die ganze Aktion hat ja mächtig was von dem „Ich bin entsetzt, schockiert! Ich mußte feststellen, daß hier Glücksspiele stattfinden“, mit dem Capitaine Renault in dem Filmklassiker „Casablanca“ auf Befehl Major Strassers eines Abends Rick’s Café schließt:

Die Zustände in der Fleischbranche dürften in der Politik längst hinreichend bekannt sein – und wenn nicht, dann hätte man allein aufgrund der Preisgestaltung schon stutzig werden müssen. Aber wie dem auch sei – wenn die Corona-Teste auf der Suche nach weiteren Infektions-Akkulmulationen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Menschen und vielleicht sogar der Lebensbedingungen der Tiere beitragen, dann hat es jedenfalls ein Gutes! Und das pünktlich zur „Laudato-Si-Woche, die der Vatikan im Rahmen eines ganzen Umwelt-Aktionsjahres ausgerufen hat und die am fünften Jahrestag der Publikation der Enzyklika am kommenden Sonntag endet. Wie passend!

In Weimar freilich kann man längst gesundes Rindfleisch kaufen. Nachhaltig und aus der Region. In Oettern, einem südlich gelegenen Vorort, nämlich lebt eine Herde von Schottischen Hochlandrindern.

Infotafel am Rand einer Weide der Schottischen Hochlandrinder (eigenes Bild)

Und die leben da wirklich. Ich glaube, es geht ihnen richtig gut. Sie befinden sich in der Obhut von Frau Rinderknecht, die jedes Tier mit Namen kennt.

Sie liebt jedes einzelne Tier – und verkauft dennoch Fleisch? Wie kann das sein? Wie bringt sie es übers Herz, Tiere zu schlachten? Als ich länger mit ihr sprach, weil ich vor einigen Jahren die Schulklasse meiner Tochter zu einem Wandertag dorthin organisiert habe, sagte sie: „Wenn ich nicht schlachten würde, könnten die Kühe keine Kälber bekommen.“ Das fand ich eine gute Antwort, auch für die Kinder. Also schlachtet Frau Rinderknecht schweren Herzens, weiß aber: „Ich habe zwei Herden: eine auf der Erde und eine im Himmel.“ Wieder ein guter Satz. Denn wir wissen ja: Die ganze Schöpfung wird „frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.“ (Röm 8, 21). Bis dahin aber geht es den Tieren in Oettern gut. Die Kälbchen kommen im Freien auf der Weide zur Welt und saugen so lange bei ihrer Mutter, wie sie es brauchen. Keine Milch wird zum Verkauf abgezapft. Die Rinder sind ständig draußen, werden gepflegt und haben viel Platz.

Einige der Schottischen Hochlandrinder aus Oettern (eigenes Bild)

Wie es aussieht, wenn man sich um ein solches Tier kümmert, hat Amy McDonald für das official video einer ihrer inoffiziellen Schottland-Hymnen (wenn ich so sagen darf) zwischen Minute 0:50 und 1:00 ja sehr schön einfangen lassen. Wir haben das Video zwar schon einmal gebracht, aber hier paßt es deshalb auch nochmal. Enjoy! 🙂

Cornelie Becker-Lamers

Die Franz-Liszt-Gedächtnisorgel und ihre Präsenz im Internet (2/2)

Professor Michael Kapsner und die hochschuleigene
Franz-Liszt-Gedächtnisorgel in der katholischen
Pfarrkirche Herz Jesu Weimar – Teil II

Vermutlich in den folgenden Monaten nach dem Mai 2011 ist der wikipedia-Eintrag zu unserer Kirche um einen Text zur Franz-Liszt-Gedächtsnisorgel erweitert worden. Er ist mit dem Text auf der Herz-Jesu-Homepage fast identisch. Da aber unsere Homepage 2016 zum 125. Geburtstag unserer Kirche komplett neu aufgesetzt wurde und ich weiß, daß ein ausführlicherer Text (nicht von mir!) mit Hörbeispielen vorlag, aber nicht erschien, vermute ich, daß der Text für unsere Homepage aus dem wikipedia-Artikel kopiert und zusammengekürzt worden ist. Technische Angaben (den Angaben auf wikipedia allerdings z.T. widersprechend – also in puncto Register, Werke und Koppeln der Orgel hält man sich glaube ich am besten an die im letzten Beitrag schon besprochene Übersicht auf der Homepage von Orgelbau Waltershausen!) nehmen dabei auf der Homepage von Herz Jesu Weimar ebenso viel Raum ein wie die Geschichte der verschiedenen Orgeln und ihrer Erbauer.

Homepage Herz-Jesu-Weimar, Abschnitt über die Orgel, wie er unter Kirchen – Herz Jesu Weimar zu finden ist (Screenshot, abgerufen am 10. Mai 2020)

Eine Erläuterung der ursprünglichen Vision, die Werke unseres einstigen Gemeindemitglieds und großartigen Spenders für den Kirchenbau, Franz Liszt, in Meßfeiern und Festgottesdiensten wieder zum Leben zu erwecken, ja, der kleinste Hinweis hierauf fehlt sowohl auf wikipedia als auch auf unserer Gemeindehomepage vollständig. Obwohl wir wissen, daß ohne diese Vision, Herrn Kapsners eigenen Worten zufolge, nicht einmal die Idee zum historisch informierten Orgelbau entstanden, geschweige denn das Instrument realisiert worden wäre – mit seiner „Lisztharmonika“, seinem Fernwerk und seinem „historisierenden Klang, der dem entspricht, was Liszt um 1860 erlebte, als er seine Orgelwerke komponierte.“ (Michael Kapsner im Interview mit Jan Kreyßig, in: Liszt. Das Magazin der Hochschule, No 16 vom 15. Oktober 2019, S. 8-11, S. 8).

Ebenso eigentümlich wie die genannte Leerstelle ist die subtile Verkehrung des Sachverhalts, wem die Orgel gehört und wer sie mit nutzen darf. Lesen wir bei Orgelbau Waltershausen und beim mdr, auf dessen Bericht der wikipedia-Eintrag übrigens als Nachweis verlinkt, von der „großen Konzert- und Übungsorgel“ der Hochschule, von der die Kirchgemeinde in ihren Meßfeiern und durch die ausgesprochen publikumswirksamen Konzertveranstaltungen profitieren kann, so wird das Millionenprojekt auf unserer Homepage (wohl in Nachfolge des wikipedia-Artikels) zu einem Instrument, das „neben dem liturgischen Gebrauch durch die katholische Kirchengemeinde auch der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar für Konzerte sowie zu Unterrichts- und Übungszwecken zur Verfügung“ steht.

Das ist, so wie es dasteht, sachlich falsch – und das fällt nicht nur mir und meinen Freunden in der Pfarrei unangenehm auf. Die Orgel-Community ist eine zwar überschaubare, dafür aber bestens vernetzte internationale Gemeinschaft, in der jeder an den Projekten anderer, insbesondere aber an Orgelneubauten, regen Anteil nimmt und sich für die Zukunft der Instrumente und der Organisten wie auch etwa für CD-Einspielungen lebhaft interessiert.

Daß die Darstellung auf unserer Pfarrei-Homepage aber noch weiter in Schieflage geraten kann, zeigt sich, wenn man die schriftliche Anmoderation zur „Pfarrei der Wocheauf Radio Horeb liest. Auf dem Weg von der mdr-Berichterstattung über die Pfarreihomepage bis zu Radio Horeb kommt der Text immer mehr vom korrekten Sachverhalt ab. Wir schneiden hier mal den Teil aus, der sich u.a. mit der Orgel befaßt:

„auf Anregung der Hochschule“: Anmoderation auf der Homepage von Radio Horeb zur Pfarrei der Woche Herz Jesu Weimar am 7. März 2019 (Screenshot, abgerufen am 8. Mai 2020)

Da wird die Orgel zu einem Instrument, das die Studis mitnutzen dürfen, weil ihre Kommilitoninnen so lieb sind, den Taizé-Abend ins Leben gerufen haben und immer so schön den Herz-Jesu-Lobpreis des Pfarrers begleiten: „Dafür dürfen die Studierenden tagsüber an der modernen Kirchenorgel üben“!
Die Orgel, aus einer Vision Michael Kapsners geboren, von der Hochschule bei Orgelbau Waltershausen beauftragt und von der DFG finanziert (das Land sprang zuletzt nur für einen Fehlbetrag ein), wird zum Instrument, das „auf Anregung der Hochschule“ gebaut und „mit Unterstützung des Landes Thüringen finanziert“ wurde. Wie ergänzen Leser, die die Geschichte nicht kennen, diese Sätze zum ganzen Bild? Vermutlich so: Die Pfarrei hat die Orgel gebaut und finanziert. Die
Anregung („Anregung“ heißt: „Macht doch mal – das wär doch schön!“) kam aus „der Hochschule“ und das Land hat die Finanzierung unterstützt. Gestemmt hat die Kirche, dem Radio-Horeb-Text zufolge, die Finanzierung offenbar weitgehend selber – und daher ist es auch ihr Instrument, das die Studierenden großzügig mit nutzen dürfen.

Voilà! Da haben wir mit nur einem Zwischenschritt (Pfarreihomepage) seit dem korrekten Bericht des mdr tatsächlich genau die Sichtweise, die einige Leute aus unserer Pfarrei nach wie vor haben möchten. Diese Darstellung aber ist und bleibt falsch.

Was die Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar selber betrifft, so sieht deren konsequent personenorientierte Homepage derzeit kein Format vor, in dem eines der wertvollen Instrumente im Besitz der Hochschule detaillierter vorgestellt werden könnte. Von der Existenz der Franz-Liszt-Gedächtnisorgel als Instrument der Hochschule erfährt man unter den Studieninformationen zum Studiengang Kirchenmusik, die man über den Menüpunkt Studieninteressierte erreicht:

Screenshot der Musikhochschulseite, die die Orgel lediglich unter den anderen Instrumenten auflisten kann (abgerufen am 13. Mai 2020)

Was den vorliegenden Blog betrifft, so ging er ja im März 2011 mit und aufgrund des Orgelbaus, der Orgelweihe und aller mit ihr einhergehenden Umstände online. PuLa hat das Geschehen bis 2015, als der neue Pfarrer seinen Dienst antrat, daher etwas intensiver begleitet. Einen Überblick über die in diesem Zusammenhang relevanten Texte erhalten sie hier mit weiteren Links und Pingbacks sowie hier und hier.

Und wie Sie merken, bleiben wir weiter für Sie dran.

Fortsetzung folgt

Cornelie Becker-Lamers

Die Franz-Liszt-Gedächtnisorgel und ihre Präsenz im Internet (1/2)

Professor Michael Kapsner und die hochschuleigene
Franz-Liszt-Gedächtnisorgel in der katholischen
Pfarrkirche Herz Jesu Weimar – Teil II

Im vergangenen Text haben wir den Entstehungsprozeß der neuen Orgel in Herz Jesu Weimar von der antreibenden Vision unseres damaligen Gemeindemitglieds und Weimarer Orgelprofessors Michael Kapsner, nämlich das liturgisch-kompositorische Werk unseres ehemaligen Gemeindemitglieds Franz Liszt in unseren heutigen Meßfeiern wieder lebendig zu machen, über seine erfolgreichen Bemühungen um eine Kooperation zwischen Hochschule und Pfarrei sowie um die Finanzierung der Orgel durch die DFG bis hin zur Konzeption des Instrumentes und der Baubetreuung in Zusammenarbeit mit Herrn Stade und Herrn Krause von Orgelbau Waltershausen geschildert.

Heute möchte ich mit Ihnen gemeinsam schauen, wie über diese Tatsachen seit 2011 im Internet informiert wird. Der besseren Lesbarkeit halber werden wir dabei von Fall zu Fall nicht nur auf andere Seiten verlinken, sondern per Screenshot die Texte in ihrer derzeitigen Formulierung hier im Fließtext integrieren. Wenn ich entscheidende Texte übersehen haben sollte, setzen Sie gerne den entsprechenden Link in einen Kommentar.

Natürlich erzählt die Orgelbaufirma selber detailliert über die Orgel, über ihr Konzept, ihren Einbau, die schwierigen baulichen Gegebenheiten und über die Disposition der einzelnen Werke. Interessant ist auf dieser Website noch einmal ein Bild der Vorgängerorgel, das im Kontrast zum heute gewohnten Anblick vor Augen führt, wie sehr der ganze Kirchenraum von dem Lichteinfall durch die Rosette am Ostgiebel profitiert. Allein die Rosette wieder freigelegt zu haben, ist ein tägliches Geschenk der neuen Orgel an uns alle.
Einleitend wird auch der Name der Orgel erläutert und Franz Liszts Verdienste am Zustandekommen des Kirchenbaus (Weihe September 1891) hervorgehoben. Die Hochschule wird als Auftraggeberin  des Instrumentes genannt, und zwar eines Instrumentes, das „als große Konzert- und Übungsorgel“ vor allem der Nutzung durch die Hochschulangehörigen dediziert ist. Zugleich wird die “win-win-Situation” des Kooperationsvertrages zwischen Hochschule und katholischer Pfarrei dargestellt: Die Studierenden erleben beim Üben bereits die Akustik des Kirchenraums. Aber durch die Nutzung in der Liturgie, für welche die neue Orgel ebenfalls zur Verfügung steht, können eben tatsächlich „beide Seiten […] von dieser Kooperation profitieren, die vielfältige und interessante Möglichkeiten eröffnet.“ Die Kirchengemeinde kann „am großen musikalischen Angebot der Hochschule partizipieren“. Und zuletzt schwingt unter „Aufgaben der Orgel“ sogar der Missionsgedanke und die Idee der hierzulande ja gerne geforderten Neuevangelisierung mit, wenn es heißt: „Die Kirche rückt dadurch mehr ins Blickfeld einer breiteren Öffentlichkeit und mancher Besucher wird so in die Kirche kommen, der sonst diesen Weg nicht fände.“

Orgelbau Waltershausen zur Franz-Liszt-Gedächtnisorgel (Screenshot, abgerufen am 8. Mai 2020)

Sehr schön! Genau so ist es. Beziehungsweise: Genau so könnte es sein. Aber zu den Konjunktiven kommen wir in einem unserer folgenden Texte hier auf PuLa. Bleiben wir für heute an der Berichterstattung zum Orgelneubau, wie sie sich im Internet darstellt. Da haben wir mehr als genug zu tun. Als erstes finden wir einen Bericht des mdr vom 8. Mai 2011, also vom Tag der Orgelweihe selber (hier der am 8. Mai 2020 abgerufene Screenshot mit Quellennachweis):

Der mdr-Bericht vom 8. Mai 2011 (Screenshot, abgerufen am 8. Mai 2020)

Wie auf der Homepage von Orgelbau Waltershausen wird die Beauftragung des Instruments seitens der Musikhochschule als „große Konzert- und Übungsorgel“ apostrophiert. Und auch die Vision zur Initialzündung des Orgelbaus kommt zur Sprache: „Das Instrument […] soll an die einstige Zugehörigkeit des Komponisten Franz Liszt (1811-1886) zur Weimarer Gemeinde und an seine damalige finanzielle Unterstützung für den Bau der neugotischen Herz-Jesu-Kirche erinnern.“ Franz Liszt als „zutiefst religiöser Mensch“ wird im Zusammenhang mit dem Themenwochenende ebenfalls hervorgehoben.

Ebenfalls sehr zeitnah verfaßt, folgen zwei Augenzeugenberichte auf dem Weblog „Nacht des Herrn“, beide hier abgerufen am 8. Mai 2020:

Orgelweihe in Weimar“, ein Augenzeugenbericht (Screenshot, abgerufen am 8. Mai 2020)

Orgel – für Spezialisten“(Screenshot, abgerufen am 8. Mai 2020)

Ganz korrekt wird hier die Pfarrei Herz Jesu, die den Hochschulangehörigen den Raum für ihre Übungsstunden und ihre Konzerte stellt, als Nutznießerin des neuen Instrumentes in Messen und Andachten dargestellt. Die kryptische Insider-Andeutung „Über die rechtliche Situation kann man sich den Kopf zerbrechen, aber die Verträge sind gemacht – die Ausführung wird die Zukunft weisen“ behalten wir im Zusammenhang mit der Entschuldigung unseres Pfarrers zum Antrittskonzert von Professor Sturm am 12. Januar 2020 für einen späteren Text im Hinterkopf. Der zweite Text des „Nachtbriefträgers“ umreißt auf etwas humoristische Weise die Disposition der neuen Orgel. Im letzten Satz gibt er wiederum einen Hinweis, den wir im Hinterkopf behalten: „Organisten, die es nicht gewohnt sind in der Orgel zu sitzen, sollten einen Gehörschutz mitbringen.“

 

Fortsetzung folgt

Cornelie Becker-Lamers

Professor Michael Kapsner und die hochschuleigene Franz-Liszt-Gedächtnisorgel in der katholischen Pfarrkirche Herz Jesu Weimar

Das Antrittskonzert 2/2

Heute ist der 8. Mai 2020. Ob das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa heute vor 75 Jahren auch in Deutschland einen staatlichen Feiertag begründen sollte oder nicht, wird seit einiger Zeit aus allen Blickwinkeln beleuchtet und reflektiert. Darüber können selbstverständlich auch wir uns Gedanken machen, müssen es aber nicht, denn es machen genügend andere.

Worum wir in Herz Jesu Weimar uns kümmern müssen – alle miteinander –, ist unsere Pfarrei. Und wenn wir das tun, stellen wir u.a. fest: Herz Jesu Weimar hat heute einen Feiertag. Darüber müssen wir gar nicht diskutieren. Da kommt es nur drauf an, wie wir ihn begehen und wessen wir dabei gedenken.

Denn der 8. Mai ist der Tag unserer Orgelweihe. Heute vor neun Jahren, einem Sonntag, wurde die „Franz-Liszt-Gedächtnis-Orgel“ im Rahmen eines ganzen Festwochenendes nach einem Werkstattabend, einem international besetzten Symposium und einem geistlichen Konzert des Hochschulkammerchors durch den damaligen Bischof Joachim eingeweiht. Mit einem mehrstündigen nächtlichen Orgelmarathon „zum Auftakt der konzertanten Nutzung des neuen Instrumentes“ schloß das Festwochenende in der Nacht zum Montag ab. (Das Zitat ist dem von der Musikhochschule Franz Liszt Weimar herausgegebenen Begleitheft „Soli Deo Gloria“ S. 13 entnommen.)

Ziemlich ‚großer Bahnhof‘ also, damals, 2011, der die Bedeutung dieses Orgelneubaus und ihrer Weihe widerspiegelt. Eine Feier des Jahrestages, des 8. Mai, müßte also diese Orgel inszenieren. Der Dank an einem solchen Tag aber gehört ihrem Initiator, der das Instrument auch geplant, für die Finanzierung des Millionenprojekts gesorgt und den Bau betreut hat.

Aber auf wen gehen Idee und Initiative zu diesem großartigen Instrument zurück und was waren seine Beweggründe für ein jahrelanges ehrenamtliches Engagement in dieser Sache? Was ist aus dem „Auftakt zur konzertanten Nutzung“ geworden? Und liegt es nur an den Maßnahmen zur Corona-Eindämmung, daß wir den neunten Orgelgeburtstag nicht im selben Maße feiern wie das vor anderthalb Jahren in Jena zu neun Jahren Kutterorgel geschehen ist? Ja, daß uns dieser Tag in all den Jahren seitens der Pfarrei überhaupt nicht bewußt gemacht wurde? Offensichtlich nicht. Aber was planen wir für das kommende Jahr, das Zehnjährige, wenn der 8. Mai wieder auf ein Wochenende fällt? Wer ist nachdenklich geworden, als unser Pfarrer sich anläßlich des Antrittskonzerts des jungen Orgelprofessors Martin Sturm am 12. Januar 2020 coram publico bei der Hochschule für geschehenes Unrecht entschuldigte? Wußten alle, wovon die Rede ist – und wenn nicht, haben sie Antworten auf ihre Fragen erhalten?

Zu viele Fragen für einen Text! 

Beginnen wir mit dem Anfang. Initiator der Franz-Liszt-Gedächtnisorgel ist der Professor im Ruhestand Michael Kapsner. Michael Kapsner, ein hochintelligenter, sensibler, ebenso emotionaler wie hochreflektierter und wortgewandter Künstler, 1961 in Passau geboren und noch zu Schulzeiten auch in Wien an der Orgel ausgebildet, konnte schon auf zehn Jahre der Lehrtätigkeit in den Fächern Orgel und Improvisation an der Musikhochschule Trossingen bzw. der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz, außerdem auf freiberufliche Tätigkeit als Chorleiter und Orchesterdirigent zurückblicken, als er 2004 auf die Professur für Orgel und Improvisation an der Weimarer Musikhochschule berufen wurde (Martin Sturm, der am 12. Januar 2020 sein Antrittskonzert in Herz Jesu Weimar spielte, ist also Kapsners Nachfolger in dieser Position).

Professor Kapsners Initiative für die Franz-Liszt-Gedächtnisorgel speiste sich aus mehreren Quellen. Sie ist undenkbar ohne die ‚Personalunion‘ einer Zugehörigkeit Kapsners sowohl zur Hochschule als auch zu unserer katholischen Pfarrei, in der sich auch Frau und Kinder bald ehrenamtlich im PGR, im Lektoren- und Ministrantendienst engagierten. Die damaligen Übemöglichkeiten für die angehenden KirchenmusikerInnen der Weimarer Hochschule, vor allem aber die Bedeutung Franz Liszts für die katholische Pfarrei Weimar, für deren Kirchenneubau Liszt ja nicht nur fürstliche Schatzkammern angezapft, sondern für die er auch komponiert hat, trugen ihren Teil zur Motivation des Großprojektes bei. Das kirchenmusikalische und liturgische Werk unseres einstigen Gemeindemitglieds Franz Liszt sollte in Sonn- und Feiertagsmessen seiner Heimatpfarrei zur höheren Ehre Gottes wieder zum Klingen kommen. (Denken Sie an die Rolle von Bachs Kantatenwerk in der evangelischen Stadtkirche.) Das war die große Vision hinter Kapsners jahrelanger Arbeit. Sie konkretisierte sich im Frühjahr 2006 in einem Vieraugengespräch mit dem damaligen Weimarer Ortsgeistlichen. 

Michael Kapsner konzipierte gemeinsam mit den Fachleuten von Orgelbau Waltershausen ein Instrument, das ältere Orgelliteratur, besonders aber auch romantische Kompositionen und damit auch das Werk Liszts interpretierbar macht. Eine besondere Herausforderung war, daß – anders als bei der vorherigen Orgel – die Rosette des Ostgiebels (über der Orgelempore; unsere Kirche ist gewestet) sichtbar sein sollte: Eine Anforderung, die im Fortgang der Ereignisse eine große Rolle spielte.

Zur Finanzierung stellte Prof. Kapsner einen Antrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Der Antrag wurde bewilligt. Wieviel Sachverstand ein solcher Antrag erfordert und wieviel der zusätzlichen Argumentation es seitens Michael Kapsners bedurfte, um unsere Kirchengemeinde tatsächlich vollständig aus der Finanzierung herauszuhalten, führt hier zu weit, sei aber angedeutet. Auch dieser Aspekt spielte im Fortgang eine Rolle. Daß zuletzt wirklich auch noch das Land Thüringen einspringen mußte, hing mit unerwarteten Mehrkosten durch die Anforderung „Rosette freilassen“ zusammen. Hier hatte übrigens mein Mann die rettende Idee zum Procedere und die notwendigen Hinweise für das Rektorat der Musikhochschule. Nur mal so nebenbei.

Warum schreibe ich das alles? Das steht doch sicherlich so etwa auf unserer Homepage.

Nein, tut es eben nicht. Nicht mal so etwa. Aber die Texte schauen wir uns ein andermal an. Heute geht es darum, den Namen Michael Kapsner an dieser Stelle einmal festzuhalten und sein Engagement für unsere Pfarrei knapp zu umreißen. In seiner Gänze kann man es nicht schildern, aber die hauptsächlichen Verdienste kann man doch einmal festhalten. Denn man hört immer wieder, daß Gemeindemitgliedern, gerade auch alteingesessenen, der Name Kapsner gar nichts sagt. Und daß sie ihn auf der Straße nicht erkennen würden. Und das wird, wie Sie mir spätestens nach Lektüre des obigen Textes, sicherlich zustimmen werden, seinen Verdiensten für unsere Pfarrei nicht gerecht. Daher hier auch ein Bild, auf dessen Grundlage Sie ein besseres Foto im Internet suchen können. Denn Links auf Bilder im Netz verschwinden immer schon mal. Kapsners Bild soll aber bleiben.

Abfotografie einer Doppelseite des Hochschulmagazins „Liszt“ No 16, eines Heftes mit Themenschwerpunkt Orgel, das ab S. 8 ein Interview mit Professor Kapsner abdruckt. Rechts im Bild Professor Michael Kapsner.

Fortsetzung folgt

Cornelie Becker-Lamers 

 

„Auf eigene Gefahr“

Satire in den Zeiten von COVID 19

Im vergangenen Jahr besuchten wir meine Nichte in Gießen. Und an diesem Wochenende, Mitte März 2019, galt in Gießen wirklich mal: nomen est omen. Es goß in Strömen. Das ganze Wochenende. Das tut weiter nichts zur Sache – tat es auch vor einem Jahr nicht –, soll nur die Fotografien entschuldigen, die wir gleich präsentieren, weil sie bei so erkennbar unfotogenem Wetter entstanden sind.

Natürlich waren wir auch damals am Sonntagvormittag in der Kirche. Die katholische Kirche St. Bonifatius in Gießen ist ein ganz schöner Raum. Darüber könnte man auch mal ein „PuLa unterwegs“ schreiben. Sie ist nämlich neu ausgestattet und hat trotzdem Seitenaltäre. Links einen für Maria mit dem Kind und rechts einen für Josef. Mit einer Lilie. Stellen Sie sich vor! Sogar das geht: Neugebaute Seitenaltäre! Da sollte, möchte man meinen, der Wiederaufbau eines erhaltenen historischen Inventars doch erst recht möglich sein.

Aber dazu ein andermal mehr. Darum soll es heute gar nicht gehen. Sondern um ein Warnschild vor dieser Kirche. Natürlich bezieht es sich auf Nässe, Winterdienst, Stufen oder was auch immer. Aber an den Eingangsstufen zum Kirchhof ist so eine Warnung einfach lustig. Denn da stand:

„Durchgang auf eigene Gefahr“. Ja: Vorsicht! Der Besuch einer Heiligen Messe könnte Ihren Gemütszustand beeinflussen! (Gießen, am Hoftor von St. Bonifatius im März 2019; eigene Bilder)

‚Das mußt du fotografieren‘, dachte ich mir. ‚Da kann man mal was draus machen.‘ Gesagt – getan. Aber Sie wissen ja: Manchmal wird Satire von der Realität ganz schnell eingeholt. Das hatten wir ja schon öfter mal. Jetzt ist es wieder soweit. Und das haben offenbar auch schon andere gemerkt. War die katholische Kirche lange Zeit eine Verfechterin von Anstandsregeln, hat sie nun die Abstandsregeln für sich entdeckt. Und nicht nur das:

„Die Gottesdienstbesucher sind am Zutrittsbereich durch geeignete Informationen (Hinweisschilder, Aushänge) über Händehygiene, Abstandsregeln, Husten- und Niesetikette und deren Einhaltung zu informieren. Dort hat der Hinweis zu stehen: Die Teilnahme am Gottesdienst geschieht auf eigene Gefahr“, lautet Punkt ‚l‘ des „Schutzkonzeptes für öffentliche Gottesdienstfeiern, das der Generalvikar am 23. April 2020 ins Netz gestellt hat (Hervorhebung von mir).

Ok. PuLa schätzt für Sie, liebe Leser, die Risiken ab. Wie schon in den Printmedien, so liest man auch auf der eigens eingerichteten „Corona“-Seite unseres Städtchens  „von insgesamt 64 positiven Fällen seit Beginn der Pandemie“. 58 dieser einmal infizierten Personen „gelten als genesen“. Und das ganze gibt den Stand am 06.05.2020  um 17:15 Uhr wieder. Nach Adam Riese sind derzeit hier also sechs Leute infiziert und noch nicht genesen. Das ist bei einer Einwohnerzahl von gut 65.000 Menschen π mal Daumen jeder Zehntausendste. Bei einer Katholikenzahl von etwas über 4.000 in der Stadt haben wir statistisch gesehen nicht mal einen halben Infizierten in der Pfarrei. Bei einer auf 30 Personen beschränkten Anzahl von Meßbesuchern liegt die Chance auf eine Begegnung bei … puh! Kann das einer? – Egal! Also ich an Ihrer Stelle würde einen Platz in der Sonntagsmesse buchen! Wir begrüßen daher die Gewissenhaftigkeit, mit der Herz Jesu Weimar auf die Anweisung des Generalvikars reagiert.

„Die Teilnahme am Gottesdienst geschieht auf eigene Gefahr. Bistum Erfurt 23.4.2020“: Erforderliches Hinweisschild im Zutrittsbereich der Pfarrkirche Herz Jesu Weimar (eigenes Bild)

Cornelie Becker-Lamers

„Keiner soll alleine glauben“ ?

Ostern 2020 und der Wiederbeginn

Natürlich war wieder mal das größte Problem, es nachts wirklich dunkel zu kriegen. Wenn man nicht in der komfortablen Lage ist, über den Innenhof eines Kreuzgangs zu verfügen, sondern mit Hof und Garten am Haus zurecht kommen muß, ist man in der Regel von Straßenlaternen umstellt, die ohne Rücksicht auf die spezifischen Erfordernisse einer Ostervigil die ganze Nacht vor sich hin und überall hineinleuchten: In die Fenster, in die Einfahrten und über alle Mäuerchen und Zäune. Und dann ist da ja auch noch das Licht am Hintereingang. Dort machen wir uns die fabelhafte Erfindung eines Bewegungsmelders zunutze. Das Licht läßt sich zwar auf Dauerbetrieb, aber nicht ausschalten. Also muß man auf die Leiter steigen und die Birne herausdrehen.

Aber jenseits all dieser letztlich lösbaren Probleme war es eine wirklich schöne Erfahrung, die Osternacht alleine mit der Familie zu Hause. Wir konnten es uns ja alle nicht vorstellen: Ostern ohne Messe?! Und natürlich traf man zur Ölbergstunde am Gründonnerstag denn auch die ‚üblichen Verdächtigen‘ zwischen 21 Uhr und 23 Uhr in der Pfarrkirche an. Alle brav im gehörigen Abstand von mehreren Bankreihen. Aber wenn alle zufällig gleichzeitig dasselbe beten, ist man eben trotzdem zusammen.

Die Osternacht in der Kleinfamilie war deshalb ein so intensives Erlebnis, weil wir eben nicht einfach in die Kirche gehen konnten und mitmachen, was passiert. Sondern weil wir uns genau überlegen mußten, was alles dazugehört. Und was ohne Priester geht.

Es braucht ein kleines Feuerchen. Und eine Osterkerze. Die sollte – habe ich dieses Jahr erst gelernt – neben der Jahreszahl und dem Alpha und Omega nicht einfach irgendwie mit Kreuz, Baum, Regenbogen oder sonstwas Schönem verziert sein. Sondern in die fünf Wachsnägel, die man beim Segen in das Kreuzzeichen auf der Kerze steckt, gehört je ein kleines Körnchen Weihrauch. Und da man Wachs nicht in Wachs drücken kann, mußte ich zunächst einen Kern aus echten Nägeln basteln.

Segnen dürfen auch Laien. Und so haben wir denn nach Mitternacht im Hof in einer Feuerschale einen winzig kleinen Scheiterhaufen angezündet. Von einem befreundeten Priester hatten wir irgendwann schon einmal ein Rundum-Sorglos-Paket mit geweihter Kreide, Weihrauch und einem speziell ausgehöhlten Stückchen Kohle bekommen. Auf einem Stövchen konnten wir die Kohle zum Glühen und den Weihrauch zum Qualmen bringen. Weihwasser konnte man sich ja auch beizeiten abzapfen. Und so haben wir unser Osterfeuer und die Osterkerze gesegnet und inzensiert.

Bevor es dann mit „Lumen Christi“-Gesang durchs dunkle Treppenhaus in die Wohnung ging, haben wir – einer Anregung auf Twitter folgend, die auch, wie wir später sahen, der evangelische Stadtpfarrer Ramon Seliger in seinem Wort zum Ostersonntag aufgegriffen hatte – mit Straßenkreide die Frohbotschaft auf die Bürgersteige geschrieben.

Nachts geschrieben, am nächsten Morgen fotografiert: „Christus ist auferstanden“ auf Straßen und Bürgersteigen um unser Haus herum (eigene Bilder)

Zurück in der Wohnung, haben wir reihum die Lesungen gelesen, uns hingekniet und alles was so dazugehört, und dann haben wir das Fasten gebrochen. Das ganze ging so bis halb drei, war also recht zünftig. Und tatsächlich eine sehr intensive Erfahrung – nur im engsten Familienkreis.

 

Und dann die erste wieder erlaubte Heilige Messe, die Vorabendmesse am 2. Mai! Der Einzug des Priesters mit dem einen erlaubten Meßdiener und der Diakonatshelferin wurde von einem schier nicht enden wollenden Orgelspiel begleitet. Damian Poloczek schien mit den prachtvollen Klängen die 25 Gläubigen, die auf Abstand in den Bankreihen saßen, damit für die gesamte Zeit entschädigen zu wollen, in der wir die Heilige Messe vermißt hatten. Das Lied, in welches das Orgelvorspiel mündete, wirkte wie ein Fanal in den Zeiten unserer derzeitigen Gesundheits-Religion: „Preis dem Todesüberwinder, der da starb auf Golgotha“! Ja! Fürchtet euch nicht! Der Tod ist überwunden. Das ewige Leben wartet auf euch! Der Kirchenraum – die Gemeinschaft – das gemeinsame Schuldbekenntnis mit seinen Bitten an wirklich anwesende „Brüder und Schwestern“ – von der Teilhabe am Nachvollzug des Meßopfers ganz zu schweigen – das alles ist dann eben doch unersetzbar.

Cornelie Becker-Lamers