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Der Adventskalender mit der Droste, Tag 5

Am zehnten Sonntage nach Pfingsten

Evangelium: Vom ungerechtem Haushalter

»Darum sage ich euch, machet euch Freunde mit dem ungetreuen Mammon, damit, wenn ihr Mangel leidet, sie euch in die ewigen Wohnungen aufnehmen.« [Lk 16,9]

 

Warum den eitlen Mammon mir
Hast du gesellt nach deinem Willen?
Nicht daß er, eine blanke Zier,
Soll eingefreßne Schäden hüllen;
Auch nicht die flücht’gen Stunden hier
Mit frischem Erdenreiz zu füllen,
Nein, anders wohl;
O was du gibst ist nicht so leer und hohl!

Ich soll mit seinem bunten Strahl
In deinem Segen Wucher treiben;
Für meinen Hunger soll ein Mahl
Ich in die ew’ge Rechnung schreiben;
Und meiner Blöße, matt und fahl,
Soll er ein warmer Mantel bleiben,
Wenn bricht herein
Die Zeit, wo stäubt und rostet, was nicht mein.

Dann bin ich krank und ganz verarmt,
Dann wird der bittre Mangel kommen,
Wo starrt, woran mein Herz erwarmt,
Zerstäubt, woher ich Trost genommen;
Wenn deine Hand sich nicht erbarmt
Und zeichnet noch zu meinem Frommen
In Mildigkeit
Den Heller heimgelegt für jene Zeit.

Laß, Herr, in jener Stunde Macht
Mich nicht so hülfeweinend fallen!
Die vor mir steht wie Chaos‘ Nacht,
Wie Dunkel über Dunkel wallen.
Weh mir, ich hab‘ es nicht bedacht!
So laß es mir fortan vor allen
Gewärtig sein;
O rege mich durch Milde oder Pein!

Laß mich hinfort der Worte Gold
Ausgeben mit des Wuchrers Sorgen,
Daß, wenn das Heute nun entrollt,
Mir nicht verloren ist das Morgen;
Laß mich bedenken, daß der Sold,
Den eitlem Ruhm ich mußte borgen,
Genommen ward
Dem goldnen Hort für einst und Gegenwart!

Und eine Feder laß mich nur
Betrachten mit geheimem Beben,
Bedenkend, daß der schwarzen Spur
Folgt leise schleichend Tod und Leben.
Den Pfunden, so mir gab Natur,
O Herr laß Zinsen mich entheben;
Ich bin so arm,
So nur in dem geborgten Pelze warm!

Ach Gott, wie wird mein Herz so schwer,
Gepreßt vom dämmernden Verstande!
Ob es gelingt die Gaben hehr
Zu legen mir auf edle Pfande?
O nur aus deiner Weisheit Meer
Ein einzig Tröpflein mir vom Rande!
Durch des Genuß
Die Galle selbst zu Honig werden muß!

Annette von Droste-Hülshoff

 

Der Adventskalender mit der Droste, Tag 4

Am achten Sonntage nach Pfingsten

Evangelium: Jesus speist 4000 Menschen

Und er sprach zu seinen Jüngern: »Ich habe Mitleiden mit dem Volke, denn seht, sie harren schon drei Tage bei mir, und haben nichts zu essen, und wenn ich sie ungespeiset von mir nach Hause gehen lasse, so werden sie auf dem Wege verschmachten, denn einige aus ihnen sind von ferne gekommen.« Und seine Jünger antworteten: »Wie wird sie jemand hier in der Wüste mit Brod sättigen können?« – Und sie aßen und wurden satt, und huben auf, was von den Brocken übriggeblieben war, sieben Körbe. [Mt 15, 32-39]

 

Wohl sehr erschöpft die Menge war
Und wohl der Hunger nagte sehr,
Da nahmst du treulich ihrer wahr.
Ach, für die Seele matt und leer,
Nach jahrelanger Dürr‘ und Schwüle,

Hast du nicht einen Bissen auch,
Nicht einen Labetrunk für sie,
Nicht einen frischen Gnadenhauch,
Der in der Wüste Brand und Müh‘
Das siedende Gehirne kühle?

Denn sieh, von ferne kam ich ja,
Und ob ich selber mich verbannt:
Du stehst mir drum nicht minder nah.
Wer einmal sich zu dir gewandt
Mit neu erwachendem Gefühle,

Wer einmal aus des Treibers Joch
Sich flüchtete zu deinem Ohr,
Und sei er so verkümmert noch,
Du bist so mild, hältst ihm nicht vor
Der Sklavenpeitsche harte Schwiele.

O rette mich, daß nicht der Trug
Des Hungers mich bezwingen kann,
Daß ich nicht unter Wahnsinns Fluch
Die Hände strecke, greife an
Die gift’ge Frucht am welken Stiele,

So aus dem Paradiese trieb
Und die Erkenntnis wird genannt!
Stiehlt sie das Leben wie ein Dieb:
So lockt sie doch des Gaumens Brand
Mit scheinbar frischen Saftes Spiele.

Ach, nicht die Wüste neben mir,
Die Wüste mir im Busen liegt!
Wo find‘ ich denn, wo find‘ ich hier
Was meinen Hunger nicht betrügt,
Was meine dürre Kehle spüle?

So sprachen deine Jünger auch;
Du Gnäd’ger fandest doch ein Brod,
Wo sengenden Samumes Hauch
Dir keine fromme Ähre bot,
Nur Sand und stäubendes Gewühle.

»Da aßen sie und wurden satt,
Und sammelten was übrigblieb«;
War keiner krank mehr, keiner matt
Und der Genesne ward dir lieb,
So lieb als der Gesunden viele.

Annette von Droste-Hülshoff

Der Adventskalender mit der Droste, Tag 3

Am Christihimmelfahrtstage 

[Hinweis: Annette v. Droste Hülshoff hat nicht zu allen Gedichten die Perikope des Tages (hier wäre sie aus Mk 16) vermerkt. Wo sie das nicht getan hat, wie z.B. zu diesem Festtag, nehmen die Verse auch nicht explizit auf das Tagesevangelium Bezug, und ich lasse es daher selbstverständlich ebenfalls weg]


Er war ihr eigen drei und dreißig Jahr.
Die Zeit ist hin, ist hin!
Wie ist sie doch nun alles Glanzes bar,
Die öde Erd‘, auf der ich atm‘ und bin!
Warum durft‘ ich nicht leben, als sein Hauch
Die Luft versüßte, als sein reines Aug‘
Gesegnet jedes Kraut und jeden Stein?
Warum nicht mich? Warum nicht mich allein
O Herr, du hättest mich gesegnet auch!

Dir nachgeschlichen wär‘ ich überall
Und hätte ganz von fern,
Verborgen von gebüschesgrünem Wall,
Geheim betrachtet meinen liebsten Herrn.
Zu Martha hätt‘ ich bittend mich gewandt
Um einen kleinen Dienst für meine Hand:
Vielleicht den Herd zu schüren dir zum Mahl,
Zum Quell zu gehn, zu lüften dir den Saal –
Du hättest meine Liebe wohl erkannt.

Und draußen in des Volkes dichtem Schwarm
Hätt‘ ich versteckt gelauscht,
Und deine Worte, lebensreich und warm,
So gern um jede andre Lust getauscht;
Mit Magdalena hätt‘ ich wollen knien,
Auch meine Träne hätte sollen glühn
Auf deinem Fuß; vielleicht dann, ach, vielleicht
Wohl hätte mich dein selig Wort erreicht:
„Geh hin, auch deine Sünden sind verziehn!“

Umsonst! Und zwei Jahrtausende nun fast
Sind ihrem Schlusse nah‘,
Seitdem die Erde ihren süßen Gast
Zuletzt getragen in Bethania.
Schon längst sind deine Märtyrer erhöht,
Und lange Unkraut hat der Feind gesät;
Gespalten längst ist deiner Kirche Reich,
Und trauernd hängt der mühbeladne Zweig
An deinem Baume; doch die Wurzel steht.

Geboren bin ich in bedrängter Zeit;
Nach langer Glaubensrast
Hat nun verschollner Frevel sich erneut;
Wir tragen wieder eine fast vergeßne Last,
Und wieder deine Opfer stehn geweiht.
Ach, ist nicht Lieben seliger im Leid?
Bist du nicht näher, wenn die Trauer weint.
Wo Drei in deinem Namen sind vereint,
Als Tausenden in Schmuck und Feierkleid?

‚S ist sichtbar, wie die Glaubensflamme reich
Empor im Sturme schlägt,
Wie Mancher, der zuvor Nachtwandlern gleich,
Jetzt frisch und kräftig seine Glieder regt.
Gesundet sind die Kranken; wer da lag
Und träumte, ward vom Stundenschlage wach;
Was sonst zerstreut, verflattert in der Welt,
Das hat um deine Fahne sich gestellt,
Und jeder alte, zähe Firnis brach.

Was will ich mehr? Ist es vergönnt dem Knecht,
Die Gabe seines Herrn
Zu meistern? Was du tust, das sei ihm recht!
Und ist dein Lieben auch ein Flammenstern,
Willst läutern du durch Glut, wie den Asbest,
Dein Eigentum von fauler Flecken Pest:
Wir sehen deine Hand und sind getrost,
Ob über uns die Wetterwolke tost,
Wir sehen deine Hand und stehen fest.

Annette von Droste-Hülshoff

Der Adventskalender mit der Droste, Tag 2

Am zweiundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten

Evangelium: Vom kranken Sohn des Königleins [Joh 4, 49f.]

Das Königlein sprach: Herr! komm doch hinab, ehe denn mein Sohn stirbt!“ Jesus sprach: “ Gehe hin, dein Sohn lebt.“ Und der Mensch glaubte dem Worte, und ging hin.

Der Sonnenstrahl, ein goldner Spieß,
Prallt von des Sees kristallnen Flächen
Und fahrend gen den Marmorflies
Palastes Mauern will durchstechen.
Auf seidnen Polstern windet sich,
Die magern Ärmchen ringt das Kind,
Und eine Träne bitterlich
Noch möchte aus dem Auge lind,
Dem halberstarrten, brechen.

Schon hat der Tod die Hand gelegt
Auf seine Beute ohn‘ Erbarmen;
Doch ob er Eis zum Herzen trägt,
Noch schmilzt im Blutstrom es, dem warmen.
O Jugend, Jugend, wie so fest
Hast du verstrickt das Leben dir,
Wie sich das Schlinggewächse preßt
Mit Wurzeln dort und Fasern hier
Als vielen tausend Armen.

O Anblick, stärker als ein Weib,
Das Wachen, Angst und Kummer nagen!
Betäubt und schwer, gleich totem Leib,
Hat man die Fürstin fortgetragen.
Noch weilt der Vater; wenn ein Sklav‘
Des Bornes frische Labung reicht,
Mit zitternd kalter Hand den Schlaf
Des Kindes netzt er sacht gebeugt
Und flüstert leise Fragen.

Wer regt sich an des Fürsten Ohr?
Menipp, der Jüngling aus Euböa.
»Herr«, keucht er, »hebt den Blick empor!
Herr, der Prophete aus Judäa,
Von dem das ganze Land erfüllt,
Er kömmt, er naht Capharnaum,
Und wie aus hundert Adern quillt
Entgegen ihm und nach und um
Ein Glutstrom Galiläa.«

»Sind denn die alten Götter tot,
So müssen wir die neuen wahren.
Es sei, es sei, und meine Not
Mag sich dem Volke offenbaren!«
Die Rosse stampfen. Einmal schaut
Der Vater auf sein sterbend Kind,
Und nun voran! – »Was rauscht so laut?
Was streicht am Berge wie ein Wind?«
»Herr, des Propheten Scharen!«

O, wie die Angst den Stolz zerbricht!
Demütig, zitternd, als zur Frohne,
Er weiß es nicht, zu wem er spricht,
Doch wie der Sklave vor dem Throne,
Gebrochen steht der reiche Mann.
Die bleiche Lippe zuckt vor Schmerz,
Und heißer, als das Wort es kann,
Viel heißer fleht das bange Herz:
»Hilf, Rabbi, meinem Sohne!«

Ein Murmeln durch die Masse geht,
Erwartend sich die Wangen färben.
»Wenn ihr nicht Wunderzeichen seht,
Dann muß der Zweifel euch verderben!«
So spricht der Heiland abgewandt.
Unwillig rauscht es in dem Kreis;
Doch angstvoll hebt sich eine Hand,
Und wie ein Seufzer quillt es leis:
»Rabbi, mein Sohn will sterben!«

Du hast geglaubt, und wärst du arm
Wie Irus, was dich immer quäle,
Du wahrhaft Reicher, liebewarm
Hast einen Schatz, den Keiner zähle!
O der in dir, als Alles brach,
Es machen konnte froh und still,
Hat er gehört mich, als ich sprach:
Herr, meine Seele sterben will;
O Herr, hilf meiner Seele!

Annette von Droste-Hülshoff

Der Meßbesuch 1/4

Ein Sketchlet zum Ersten Advent für fünf Schafe
und zwei Lämmchen

 

Irgendwo am Stadtrand von Berlin. Der uns wohlbekannte Pritschenwagen tuckert im Sonntagsfahrertempo die B 1 entlang Richtung Osten und biegt soeben auf die Landstraße nach Wundersdorf ein. Nanu? Was gibt es denn am ersten Advent zu transportieren? Schauen wir mal auf die Ladefläche. Oh! Sie ist wegen der Kälte mit einer Plane überspannt. Darunter hört man aber den eifrigen Disput uns wohlbekannter Stimmen: Die Schafe! Na endlich! Das wurde aber auch Zeit, daß sie mal wieder von sich hören lassen. Sie sind also unterwegs. Ok. Wo mögen sie sich herumgetrieben haben? Moment … irgendwie scheinen sie … kann das sein? Sie kommen aus einem lateinischen Hochamt?

 

Huf: Wie der Priester sich immer herumgedreht hat bei der Feier Eucharistie. Immer von Gott zu den Menschen und wieder zurück. Wie ein Vermittler zwischen den Welten.

Kohle: Das hast du gut beobachtet, Huf!

Fixi: Die eine Sache hast du aber falsch mitgebetet, Tante Flocke!

Flocke: Ich? Kann nicht sein! Ich hab doch alles abgelesen – wie alle andern Neulinge auch!

Fixi: Aber alle anderen haben es anders gesagt!

Huf: Genau. Du warst die einzige.

Flocke: Und wann soll das bitte schön gewesen sein?

Fixi: Das direkt vor der Kommunion.

Huf: Wenn man normalerweise betet „Herr ich bin nicht würdig…“

Blütenweiß: Was heißt hier: Normalerweise? Im novus ordo halt.

Wolle: Ich hab’s auch gehört: „Domine, non sum digna“, hast du gesagt. Dreimal.

Fixi: Statt dignus!

Kohle: Na, das dreimal ist ja nicht ihre Schuld – das ist im vetus ordo einfach so! Aber stimmt: warum „digna“?

Flocke (nicht ohne Stolz): Natürlich habe ich „digna“ gebetet. Ich bin doch weiblich! (zu Fixi und Huf) Habt ihr nicht aufgepaßt in Latein? Die Adjektive werden doch an das genus angepaßt! Dignus – digna – dignum.

Kohle: Ja … aber … Moment! Das ist doch ein Zitat aus der Bibel, vom Hauptmann von Kafarnaum …

Grauchen: … wo der Knecht krank ist …

Blütenweiß: … oder der Sohn …

Kohle: …und wo der Hauptmann dann sagt: „Herr, ich bin nicht würdig, daß du eingehst unter mein Dach“…

Flocke (angriffslustig): Ja? Und dann? Dann geht es weiter: „Aber sprich nur ein Wort, so wird mein Diener gesund“.

Wolle: Flocke hat Recht! In der Messe beten wir was anderes. Das ist kein reines Bibelzitat!

Flocke: Das ist auf die einzelnen Gläubigen zugeschnitten: „sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“! Also – das kann ich nicht beten, als wäre ich ein Schafbock wie du, Kohle!

Kohle: Hm … Vielleicht hast du Recht …

Huf (zu Fixi): Dann mußt du das auch anders lernen!

Fixi: „Domine, non sum digna, ut intres sub tectum meum.

Alle Schafe (fallen ein): Sed tantum dic verbo, et sanabitur anima mea“!

Grauchen: Das ist schön!

Blütenweiß: Mir hat das auch alles gleich gut gefallen.

Kohle: Eine Liturgiesprache hebt alles eben automatisch aus dem Alltag heraus!

Die Schafe: So ist es!

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Diese Schafe! Da machen sie sich auf den Weg und organisieren sich auf eigene Faust einen Meßbesuch im vetus ordo. Tja – wenn diese Messen nicht zu den Schäfchen kommen, müssen die Schäfchen eben irgendwie zu dieser Messe kommen. Von Wundersdorf aus … mal überlegen. Ach ja! In St. Afra werden sie gewesen sein, im Institut Philip Neri, der Gesellschaft päpstlichen Rechts, die Benedikt XVI. ausgestattet und gefördert hat. Na – da bin ich ja mal gespannt, was ihnen sonst noch dazu einfällt … außer Flockes gegendertes, aber eben darum völlig korrektes Domine, non sum digna …

Wir werden sehen! Und das mit dem Hauptmann aus Kafarnaum … dazu geht’s gleich morgen bei Annette von Droste-Hülshoff weiter – wenn auch mit der Parallelstelle bei Joh 4.

 

Fortsetzung folgt am zweiten Advent

 

Der Adventskalender mit der Droste, Tag 1

Am ersten Sonntage im Advent

Evangelium: Eintritt Jesu in Jerusalem [Mt 21, 1-9]

Du bist so mild,
So reich an Duldung, liebster Hort,
Und mußt so wilde Streiter haben;
Dein heilig Bild
Ragt überm stolzen Banner fort,
Und deine Zeichen will man graben
In Speer und funkensprüh’nden Schild.

Mit Spott und Hohn
Gewaffnet hat Parteienwut,
Was deinen sanften Namen träget,
Und klirrend schon
Hat in des frömmsten Lammes Blut
Den Fehdehandschuh man geleget,
Den Zepter auf die Dornenkron‘.

So bleibt es wahr,
Was wandelt durch des Volkes Mund:
Daß, wo man deinen Tempel schauet
So mild und klar,
Dicht neben den geweihten Grund
Der Teufel seine Zelle bauet,
Sich wärmt die Schlange am Altar.

Wenn Stirn an Stirn
Sich drängen mit verwirrtem Schrei
Die Kämpfer um geweihte Sache,
Wenn in dem Hirn
Mehr schwindelt von der Welt Gebräu,
Von Siegesjubel, Ehr und Rache
Mehr zähe Spinngewebe schwirr’n,

Als stark und rein
Der Treue Nothhemd weben sich
Sollt‘, von des Herzens Schlag gerötet:
Wer denkt der Pein,
Durchzuckend wie mit Messern dich,
Als für die Kreuz’ger du gebetet! –
O Herr, sind dies die Diener dein?

Wie liegt der Fluch
Doch über Alle, deren Hand
Noch rührt die Sündenmutter Erde!
Ist’s nicht genug,
Daß sich der Flüchtling wärmt am Brand
Der Hütte? Muß auf deinem Herde
Die Flamme schür’n unsel’ger Trug?

Wer um ein Gut
Der Welt die Sehnsucht sich verdarb,
Den muß der finstre Geist umfahren;
Doch was dein Blut,
Dein heilig Dulden uns erwarb,
Das sollten kniend wir bewahren
Mit starkem aber reinem Mut,

Allmächt’ger du,
In dieser Zeit, wo dringend Not,
Daß rein dein Heiligtum sich zeige,
O, laß nicht zu,
Daß Lästerung, die lauernd droht,
Verschütten darf des Hefens Neige
Und, ach, den klaren Trank dazu!

Laß alle Treu‘
Und allen standhaft echten Mut
Aufflammen immer licht und lichter!
Kein Opfer sei
Zu groß für ein unschätzbar Gut,
Und deine Scharen mögen dichter
Und dichter treten Reih an Reih.

Doch ihr Gewand
Sei weiß, und auf der Stirne wert
Soll keine Falte düster ragen;
In ihrer Hand,
Und faßt die Linke auch das Schwert,
Die Rechte soll den Ölzweig tragen,
Und aufwärts sei der Blick gewandt.

So wirst du früh
Und spät, so wirst du einst und heut‘
Als deine Streiter sie erkennen:
Voll Schweiß und Müh‘,
Demütig, standhaft, friedbereit;
So wirst du deine Scharen nennen
Und Segen strömen über sie.

Annette von Droste-Hülshoff

„Der Ton der sterbenden Löwin“

 Der Adventskalender mit Annette von Droste-Hülshoff, Vorabend

‚Nach dem Adventskalender ist vor dem Adventskalender‘, soll heißen, die Überlegung, was zu Beginn eines jeden neuen Kirchenjahres hier auf PuLa erscheinen soll, begleitet mich, jetzt im neunten Jahr, in unterschiedlicher Intensität durch das ganze Jahr.
Ende Oktober wurde ich daher ein bißchen unruhig. Denn Ideen gab es, Ideen gibt es immer, aber „Ideen“, das sind nicht auch schon „Pläne“, die sich im je konkreten Jahr auch ausführen lassen, in diesem Jahr besonders wenig, das von einer außergewöhnlich hohen und noch anhaltenden dienstlichen Beanspruchung, gepaart mit allerlei politisch-psychologischer Aufregung hier in Thüringen 😉 gekennzeichnet war, die sich erst jetzt gerade immerhin für das Landes-Parlament, in dem ich ja tätig bin, zu legen beginnt.
Freilich, wie wir in einer strukturell vergleichbaren Situation erlebt haben, mehr als eben ein bißchen Unruhe ist auch nicht am Platze!

Der hilfreiche Einfall, er stellte sich am Vorabend von Allerheiligen ein, „All Hallow eve“ brachte keine Spukgestalten, sondern die Lektüre eines kurzen Beitrags über den Vergleich der Leseordnungen in der sog. außerordentlichen und der allgemein üblichen Form des Römischen Ritus. Ein faszinierendes Thema, das, natürlich!, mit einem simplen „Neuer = besser“ in keinster Weise erschöpft wäre. Vielmehr ist es ja schlicht unbestreitbar so, daß heute, im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts, der Grund-Impetus der „Liturgischen Bewegung“, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts entstand, die Förderung der Liturgischen Frömmigkeit nämlich, gerade in der älteren Form , die Hl. Messe zu feiern, zu sich selbst gefunden hat. In jener Form, die die Väter dieser Bewegung selbstverständlich vorausgesetzt haben. Darüber wird an geeigneter Stelle einmal noch mehr zu schreiben sein.

In jenem Beitrag jedenfalls wurde als einer der verlustreichen Punkte der Veränderung der Leseordnung die Unmöglichkeit erwähnt, ältere Dichtung, die sich an der hergebrachten Ordnung orientierte, sog. „Perikopenlyrik“, heute noch im praktischen Nachvollzug der Feier des Kirchenjahrs zu rezipieren. Und eines der dort gebrauchten Beispiele war das ‚Geistliche Jahr In Liedern auf alle Sonn- und Festtage‘ aus der Feder von Annette von Droste-Hülshoff.
„Klick“ machte es, und ich hatte „meinen“ Adventskalender für das (bürgerliche) Jahr 2019, zumal eine kurze Recherche ergab, daß die Texte der Gedichte online verfügbar waren, sprich, nicht abgeschrieben werden mußten… Danke!, sagte ich und fing in dem verbliebenen Monat, so gut es ging, an, mich mit diesem Werk zu beschäftigen.

Als die Droste im Mai 1848 starb, war das Werk, das aus gut 70 Gedichten besteht, wie man so sagt, „unvollendet“, sprich, nicht zur sofortigen Publikation bereit. Die Dichterin hatte sich bis unmittelbar vor ihrem Tode damit beschäftigt, nachdem erst in einer zweiten Schaffensphase ab 1839 alle Gedichte entstanden waren, die ersten hingegen schon im Herbst 1820! Es erschien, von Freunden und der Familie „in Form gebracht“ (was natürlich aus editorischer Sicht nicht ohne Probleme verlaufen konnte) Ende des Jahres 1851 und hatte recht schnell und dann anhaltenden Erfolg.

Ende des 19. Jahrhunderts setzte auch die literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit dem Werk ein, die bis in die jüngste Zeit unverändert anhält und dabei alle Wendungen und Moden der Forschung mitgemacht hat und weiterhin mitmacht: Früh trennten sich „westfälische“ (biographische) und „katholische“ Rezeption, letztere besonders (und nicht unbedingt zum besseren) gewendet in der Zeit des Kulturkampfs, selbst einer deutschnationalen Wertung entkommt das Werk der Droste nicht, weitgehend aber wohl jedem Versuch einer Vereinnahmung in der Zeit des Nationalsozialismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhr gerade auch das „Geistliche Jahr“ sog. „restaurative“, wie dann auch feministische Betrachtungen und Wertungen und, wie könnte es anders sein, arbeitet sich die Forschung an der Frage der „Modernität“ der Droste im allgemeinen und des Geistlichen Jahres im besonderen ab.

Nun, ich will ganz ehrlich sein, ich hatte nicht die Zeit, aber auch nicht die Neigung, diesen wechselnden Konjunkturen besonders intensiv nachzugehen, das ist ja auch nicht die Aufgabe eines Katholischen Blogs, oder? Es ging mir mit der ansatzweisen Lektüre von Büchern aus den Jahren 1971, 1997 und 2014 ein wenig so, wie es mir immer mit der Lektüre sog. „Historisch-kritischer“ Exegese geht: Vieles (wenn auch bei weitem nicht alles!) sehr interessant, aber die Frage: „Was soll (mir) das?“ bleibt auch gerne unbeantwortet und es ist sehr wichtig, immer im Auge zu behalten, wie zeitgebunden, wie „modisch“ viele dieser Hervorbringungen sind.

Immerhin, die fortdauernde Beschäftigung der Wissenschaft mit der Droste und mit eben diesem Werk sind doch ein deutliches Indiz für die bleibende, die dauerhafte Qualität dieser Dichtung, die einen „packt“ und hinsichtlich derer sich ein gläubiger Mensch mit einem Faible für die Sprache (besonders deren Rhythmus, lesen Sie sich die Verse unbedingt [halb-] laut vor!) angesprochen fühlen wird, da bin ich mir ganz sicher.
Die Gedichte sind, das sei vorweg gesagt, alles andere als leichte Kost und „erbaulich“ nur in einem höheren Sinne, der das Ringen in dem und um den eigenen Glauben mit umschließt! Aber wir wissen ja, der Advent ist keine Zeit der Süßlichkeit und des gemütvollen Tändelns, sondern eine Zeit der, freilich erwartungsvollen, Einkehr und des Fastens, kurz, eine im wesentlichen ernste Zeit der Vor-Freude!

Eine liturgiegeschichtliche Überraschung erwartete mich, als ich mich an die Auswahl der notwendigen 24 Gedichte machte: Selbstverständlich ging ich davon aus, die zu dem jeweiligen Gedicht gehörigen Evangelientexte könnte ich einfach in meinem Volksmissale, das die Ordnung von 1962, letztlich also die von 1570, wiedergibt nachschlagen. Aber von wegen! Gerade das Bistum Münster machte als letzte deutsche Diözese im Jahre 1835 (und damit genau in der Lebenszeit der Droste) Gebrauch vom „privilegium pianum“ nach dem Konzil von Trient und ließ ein diözesanes Eigenmissale drucken, das in seiner Perikopenordnung ausgerechnet auch in Bezug auf die Lesungen der Adventssonntage vom römischen Missale abwich! (Vgl. hier, S. 332 -335, 346) Denken Sie also bitte nicht, ich, oder gar die Dichterin, hätten sich in der Auswahl der biblischen Texte geirrt! 😉

Schließlich bin ich Ihnen noch die Erklärung der Überschrift schuldig: Woher stammt die „sterbende Löwin“? Nun, sie geht letztlich auf die Droste selbst zurück, die den Ausdruck in ihrem Prosabruchstück, „Bei uns zu Lande auf dem Lande“ verwendet. Eine andere Poetin von Rang, Ricarda Huch hat ihn in einem Nachwort zu einer Auswahl Drostescher Texte, die wohl ca. 1930 bei Reclam in Leipzig erschienen ist, verwendet. Auf einen Aspekt diese Nachworts will ich später noch zurückkommen, aber hier soll Ricarda Huch, die von der Droste meint, sie werde „einstweilen die größte Dichterin Deutschlands bleiben“ das letzte Wort (vor dem obligaten „Vorgeschmack“ natürlich) gehören:

Der Aufgabe, das Zauberwort auszusprechen, das [Annette von Droste-Hülshoff] besaß, ordnete sie bewußt und unbewußt ihr Leben unter. Das war ihr Schicksal, ihr Fluch und ihre Seligkeit. Wie sie es sich wünschte, werden, lange nachdem sie die Erde verlassen mußte, alle, die den Ton der sterbenden Löwin vernehmen, ihr Daseinsgefühl und ihre Ewigkeitssehnsucht daran steigern und dankbar und bewundernd ihrer gedenken.

Die „Kostprobe“, wie an jedem „Vorabend“:

Am Allerheiligentage

„Selig sind die Armen im Geiste, denn ihnen ist das Himmelreich. Selig sind die Sanftmüthigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. – Selig sind die Trauernden, denn sie werden getröstet werden. – Selig sind, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden ersättigt werden. – Selig sind die Barmherzigen , denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. – Selig sind die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott anschauen. – Selig sind de Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen. – Selig sind die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen, denn ihnen ist das Himmelreich.! [Mt 5, 1-10]

»Selig sind die Armen im Geiste«
Selig sind im Geist die Armen,
Die zu ihres Nächsten Füßen
Gern an seinem Licht erwarmen
Und mit Dienerwort ihn grüßen,
Fremden Fehles sich erbarmen,
Fremden Glückes überfließen:
Ja, zu ihres Nächsten Füßen
Selig, selig sind die Armen.

Selig sind der Sanftmut Kinder,
Denen Zürnen wird zum Lächeln
Und der Milde Saat nicht minder
Sprießt aus Dorn und scharfen Hecheln,
Deren letztes Wort ein linder
Liebeshauch durch Todesröcheln,
Wenn das Zucken wird zum Lächeln:
Selig sind der Sanftmut Kinder.

Selig sind, die Trauer tragen
Und ihr Brot mit Tränen tränken,
Über eigne Sünde klagen
Und der fremden nicht gedenken,
An den eignen Busen schlagen,
Fremder Schuld die Blicke senken:
Die ihr Brot mit Tränen tränken,
Selig sind, die Trauer tragen.

Selig, wen der Durst ergriffen
Nach dem Rechten, nach dem Guten
Mutig, ob auf morschen Schiffen,
Mutig steuernd nach den Fluten,
Sollte unter Strand und Riffen
Auch das Leben sich verbluten:
Nach dem Rechten, nach dem Guten,
Selig, wen der Durst ergriffen.

Die Barmherzigen sind selig,
So nur auf die Wunde sehen,
Nicht erpressend kalt und wählig
Wie der Schaden mocht‘ entstehen,
Leise schonend und allmählich
Lassen drin den Balsam gehen:
So nur nach der Wunde sehen,
Die Barmherzigen sind selig.

Überselig reine Herzen,
Unbefleckter Jungfraun Sinnen,
Denen Kindeslust das Scherzen,
Denen Himmelshauch das Minnen,
Die wie an Altares Kerzen
Zündeten ihr klar Beginnen:
Unbefleckter Jungfraun Sinnen,
Überselig reine Herzen.

Und des Friedens fromme Wächter
Selig, an den Schranken waltend
Und der Einigkeit Verfechter
Hoch die weiße Fahne haltend,
Mild und fest gen den Verächter,
Wie der Daun die Klinge spaltend:
Selig, an den Schranken waltend,
Selig sind des Friedens Wächter.

Die um dich Verfolgung leiden,
Höchster Feldherr, deine Scharen,
Selig, wenn sie Alles meiden,
Um dein Banner sich zu wahren!
Mag es nie von ihnen scheiden,
Nicht in Lust noch in Gefahren!
Selig, selig deine Scharen,
Selig, die Verfolgung leiden!

Und so muß ich selig nennen
Alle, denen fremd mein Treiben,
Muß, indess die Wunden brennen,
Fremden Glückes Herold bleiben.
Wird denn nichts von dir mich trennen,
Wildes, saftlos, morsches Treiben?
Muß ich selber mich zerreiben,
Wird mich Keiner selig nennen?

Morgen geht‘s los!

Gereon Lamers

Der BDKJotnik 2/2

… und wer die Aktion durchführte…

Zuguterletzt machte der Verantwortliche, wie man so schön sagt, „aus der Not eine Tugend“, verband die 72-Stunden-Aktion, die wie seitens des BDKJ vorgesehen mit einer Andacht begann, mit einem klassischen Subbotnik und lud ganze Familien zum fröhlichen Tun auf dem Pfarrgelände ein. Die Formulierung „Die ganze Gemeinde steht hinter der Idee“, mit der man einer Lokalredakteurin offenbar die Mitwirkung so vieler Erwachsener an einem Jugendprojekt erläutert hatte, ist, wie ich inzwischen weiß, nicht ganz korrekt. Aber auf dem Pfarrgelände hat sich unbestreitbar Lobenswertes getan.

Dennoch soll, um auf den Anfang dieses Textes zurückzukommen, eine Beteiligung an einer solchen Aktion in Zukunft nicht mehr erwogen werden, weil der Vorlauf desorganisiert, daher stressig und das Gelingen infolgedessen offenbar zu ungewiß erschien.
Ich hoffe sehr, daß die „Dämpfer“, die der Gemeindereferent im Sommerpfarrbrief beschreibt, so tief empfunden worden sind, daß sie wachgerüttelt und allen deutlich gemacht haben, daß sich in der Ehrenamtsorganisation und –betreuung in Herz Jesu Weimar
strukturell etwas ändern muß. Um nicht zu sagen: Sie muß erstmal beginnen zu existieren, eine solche Betreuung und die vielbeschworene „Befähigung zum Ehrenamt“. Ich kann mich an PGR-Sitzungen im Jahr 2010 oder 2011 erinnern, in denen eine alte Dame und gewähltes Mitglied genau diesen Appell bereits formulierte – und seitens der damaligen „Gemeindeleitung“ barsch zurechtgewiesen wurde. Diese Ausrede (die „Gemeindeleitung“) hat inzwischen aber niemand mehr. Wir können beginnen, uns zu organisieren.

Und warum habe ich geschrieben, er war symptomatisch, der Verlauf der 72-Stunde-Aktion? Weil unter der Jugend ganz häufig die Werbung für Gemeindeaktivitäten fehlt. Auch beim Pfarrfest konnte man die Jugendlichen an einer Hand anzählen. Und obwohl im Fall des Kantorenkurses zwischen Organisation und Kursbeginn extra Zeit zum Werbungmachen gelassen worden war, fand der Kurs beim Firmjugendwochenende – gemeinsame Messe mit den Eltern und abschließendes gemeinsamen Essen im Gemeindesaal – weder im Gottesdienst noch in der anschließenden Runde Erwähnung. Und es stellte sich heraus, daß nicht mal das gesamte Pfarrteam von dem Vorhaben, erstmals einen Kantorenkurs anzubieten, in Kenntnis gesetzt worden war.

Um jetzt nochmal klarzustellen, warum ich mir die nicht unerhebliche Mühe mache, das hier alles, Satz für Satz x-fach abgewogen, hinzuschreiben: Es geht nicht um den besser oder schlechter gemachten Job eines der Verantwortlichen und die Kritik daran, sondern um das Leben der Gemeinde.

Cornelie Becker-Lamers

Der BDKJotnik 1/2

Eine 72-Stunden-Aktion des
Bundes der Deutschen Katholischen Jugend…

So etwas werde es in Zukunft nicht mehr geben, hieß es unlängst genervt aus der Chefetage unserer Pfarrei. Kopfschütteln. „Wenn keiner Interesse hat…“. Gemeint war die 72-Stunden-Aktion, zu der der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) im Sommer 2018 wieder einmal aufgerufen hatte.

Nun ist diese 72-Stunden-Aktion aber mit dem Bambi 2019 ausgezeichnet worden. In der Kategorie „Unsere Zukunft“. Wir nehmen diese Auszeichnung zum Anlaß, vorliegenden Text doch noch zu posten. Er ist seit Juni fertig und wurde schon mehrfach überarbeitet, denn je mehr ich über Hintergründe des Projektes in unserer Pfarrei erfuhr, desto weniger mochte ich eine einfache, beschreibende Würdigung der geleisteten Arbeit publizieren. Es war einfach zu symptomatisch.

Freilich kann man sowohl über die Bambi-Preisverleihung insgesamt und die eine oder andere Juryentscheidung im besonderen, als auch über den gesamten BDKJ ziemlich geteilter Meinung sein. Auf Twitter beispielsweise war deshalb ja einiges los. Man kann sich fragen, warum ein Projekt, das sich an Jugendliche richtet, mit einem so unansehnlichen, vor allem aber so infantilen Maskottchen für sich werben muß. Will man da mal wieder „niemanden ausschließen“ und übersieht, daß genau diese Infantilität und ihr Firlefanz selbstverständlich gerade potentielle InteressentInnen abschreckt? (Wer einen Kopf zwischen den Ohren hat, tippt sich angesichts solcher Figuren doch an die Stirn! Auch wenn er oder sie dann trotzdem mitmacht. Oder?!)

Ich weiß es nicht, und es soll heute nicht unser Thema sein. Wichtig scheint mir, daß da ein Verband der katholischen Kirche ausnahmsweise einmal mit einer positiven Nachricht Schlagzeilen macht – und allein das sollte Grund genug sein, über die möglichen Ursachen des in der Tat in Herz Jesu Weimar zu konstatierenden jugendlichen Desinteresses an der diesjährigen Aktion ein wenig genauer nachzudenken. Vielleicht finden sich ja Gründe in Mißständen, die wir in den kommenden mindestens drei Jahren bis zum nächsten Projekt aus eigener Kraft beheben können.

Hintergrund 1: Allgemeines

72-Stunden-Aktionen sind ausgesprochen selten. 2001 in Freiburg erfunden, war das Bistum Erfurt 2009 erstmals eingebunden. Auch Weimar beteiligte sich damals an dem Projekt, bei dem die örtliche Pfarrjugend sich drei Tage lang einem ökologischen, interreligiösen, internationalen oder intergenerationellen sozialen Projekt in der Stadt zuwenden soll:

Die Projekte sollen einen direkten Bezug zur Umgebung haben oder international ausgerichtet sein: Mit der 72-Stunden-Aktion wollen wir Mißstände im direkten sozialen Umfeld beseitigen. Wir setzen also nur Projekte für andere um. Neben dem unmittelbaren lokalen Bezug ist es auch möglich, Projekte im Rahmen einer internationalen Partnerschaft durchzuführen. […] Wichtig ist allerdings zu beachten, daß die Aktionsgruppen der Aktion keine günstigen Arbeitskräfte sind! Wir wollen uns gemeinsam mit anderen für andere einsetzen und nicht alte Mauern sanieren, weil das Geld für Bauprofis fehlt.

, wie im Juni 2019 noch auf der Homepage der Aktion zu lesen war. Mittlerweile ist dort die Richtlinie auf den Hinweis „Wichtig ist der gemeinsame Einsatz für andere oder mit anderen“ abgeschwächt. Geblieben ist (vgl. ebd.) die Altersspanne von 9 bis 27 Jahren, an die sich die Aktion richtet und die Ausrichtung auf ein außergemeindliches soziales Umfeld.

Unsere 2009 unter der wöchentlichen, abwechslungsreichen und auch intellektuell anspruchsvollen Betreuung von Kaplan Samietz recht zahlreiche Pfarrjugend (eine große Ministrantengruppe traf sich damals auch noch wöchentlich) nahm sich bei diesem ersten Einsatz des Spielplatzes am Zeughaus in Weimar an und tauschte den kompletten Sand des tags und nachts auch von anderen Gruppen genutzten und daher immer wieder – welche Mutter wüßte es nicht! – mit Zigarettenkippen oder zerschlagenen Bierflaschen verunreinigten Platzes aus. 2013 folgte die nächste Aktion und stieß in Weimar bereits auf schwierige Verhältnisse. Ein Betreuerwechsel im Jahr 2010 hatte Pfarrjugend und Meßdienerstunden einschlafen lassen. Die BDKJ-Aktion, so erzählte mir unser zuständiger Gemeindereferent, bestand damals aus gemeinsamem Basteln und einem Basar. 2016 wurde vom BDKJ eine weitere 72-Stunden-Aktion für das Jahr 2019 beschlossen und vorbereitet: das nun ausgezeichnete Projekt „Uns schickt der Himmel.“

Hintergrund 2: Spezielles

Obwohl der BDKJ das Projekt bereits 2016 beschlossen und soweit vorbereitet hatte, daß man schon Mitte Dezember die unverzichtbaren T-Shirts bestellen , war die Aktion nicht Thema der letzten Ehrenamtlichenrunde im November 2018. Auch im Weihnachtspfarrbrief 2018 fand sie keine Erwähnung, denn, wie dann dem Sommerpfarrbrief 2019 (S. 6) zu entnehmen war, das Pfarrteam (oder wer auch immer – „wir“ steht da) entschied sich im Januar 2019 zu einer Beteiligung am bundesweiten Projekt. Man wollte die Aktion zum Anlaß nehmen, den eigenen Pfarrgarten zu verschönern: auf dem Bolzplatz Kies gegen Sand auszutauschen, den Sandkasten auf dem Pfarrgelände zu reinigen und ein bißchen Farbe auf den Zaun zu bringen.

Malerarbeiten während der diesjährigen 72-Stunden-Aktion. Der Zaun des Pfarrgeländes von der Mozartstraße aus gesehen (eigenes Bild)

Von innen ist der Zaun seither mit Häusern bemalt – der filmische Rückblick gewährt bei Minute 1:17 bis 1:20 einen kurzen Blick darauf.

Aber wer hat denn nun die Arbeit getan? Der Gemeindereferent, dem die Jugendarbeit obliegt und der folgerichtig im Pfarrbrief von der Aktion berichtet, spricht von „Dämpfern“, die der Entscheidung folgten und überlegt, ob vielleicht der Zeitgeist verantwortlich dafür sei, daß „sich fast niemand“ festlegen und seine Mitarbeit zusagen wollte.

Zum Zeitgeist haben wir uns unlängst geäußert und es stellt sich die Frage, wen der Verantwortliche eigentlich angesprochen hat, da die von ihm geleitete Pfarrjugend im Mai 2019 im wesentlichen aus drei Abiturientinnen bestand. Die Leiter anderer Jugendlichen-Gruppen (soweit ich sehe, sind das neben den ebenfalls von ihm betreuten Pfadfindern derzeit nur die Cäcilini) jedenfalls nicht. Ich habe erst wenige Tage vor Startschuß von der Aktion erfahren. Wie ebenfalls unlängst an dieser Stelle skizziert, überläßt man unser Gemeindeleben seit Jahren dem Prinzip: Einer telefoniert die Kinder der Freunde und die Freunde der Kinder zusammen. Durch die Altersstruktur der Familienkreise, auf die unser Gemeindereferent rekurrieren kann, trägt diese Taktik in unserer Pfarrei derzeit nicht viele Früchte, sondern eben die beklagten „Dämpfer“ ein. Allerdings gehört er zweifellos selber zu denjenigen, die an dieser Situation etwas ändern und Menschen über die üblichen WWF (die „Winzigen Weimarer Freundeskreise“) hinaus für aktuellen und zukünftigen Bedarf vernetzen könnten. Es geschieht aber nicht, weder generell noch themenbezogen noch altersgruppenbezogen noch veranstaltungsbezogen. Einfach nein. Man läßt es laufen. Und so rinnen einem auf die Dauer die Ehrenamtlichen eben durch die Finger wie der Spielkistensand, den sie hätten austauschen sollen.

Aber: Wenn es praktisch keine Pfarrjugend und sonst nur „Dämpfer“ gibt – hätten wir für ein 72-Stunden-Projekt 2019 nicht trotzdem noch etwas in der gewünschten Altersklasse der 9-27jährigen vorrätig gehabt? Doch – na klar! Die Firmbewerber und Firmbewerberinnen. Durch den späten Firmtermin Ende Oktober kamen die Firmlinge 2019 erst seit Februar wöchentlich zu festen Zeiten zusammen. Dennoch sucht man einen Hinweis auf die 72-Stunden-Aktion auch im Firmkursplan vergeblich. In den Sitzungen hat ebenfalls niemand Werbung gemacht. Und das war ungeschickt, denn so eine Gruppe erzeugt nicht nur überhaupt die Lust, dabei zu sein, sondern auch soziale Verbindlichkeiten (den berühmten „Gruppendruck“ im positiven Sinne), die ohne den Bestand einer Gruppe, mit einzelnen Mails und Telefonaten (wie sie zehn Tage vor Startschuß seitens noch eilends ins Boot geholter Mitverantwortlicher erfolgten) schlechterdings nicht herzustellen sind. Denn niemand läßt sich gerne eilends, wenn es erkennbar schon fünf vor zwölf ist, als Lückenbüßer vors Loch schieben. Das Einfordern kostenloser Arbeit – ja, schon deren Annahme – bei gleichzeitiger Mißachtung derer, die sie leisten (und das ist der Ist-Zustand hier in der Pfarrei) hat nichts mit Ehrenamt zu tun. Das ist Ausbeutung. Und solche Strukturen spüren Jugendliche schneller als irgendjemand sonst.

Deshalb scheinen sie desinteressiert. Nur deshalb.

Teil 2 folgt morgen

Cornelie Becker-Lamers

Legere sine intellegere est nec legere

Kalligraphie in der Weimarer Kunsthalle

Aaaah! Diesen Satz wollte ich schon immer mal via PuLa verbreiten: „legere sine intellegere est nec legere“ – „lesen ohne wahrzunehmen (zu erkennen/zu empfinden) ist vernachlässigen“ heißt er übersetzt. Aber wörtlich entbirgt dieser Satz im lateinischen Original eben viel mehr: Als ich ihn las (er war als Randglosse in ein spätmittelalterliches Manuskript gekritzelt, das ich als studentische Hilfskraft einmal in Auszügen zu transkribieren hatte), wurde mir bewußt, worüber ich zuvor nie nachgedacht hatte: Intellegere kommt von inter legere – dazwischen lesen, zwischen den Zeilen lesen und dadurch verknüpfen. Und neglegere – vernachlässigen – heißt eigentlich nec legere: nicht lesen.

Ich bin immer noch genauso elektrisiert wie damals, wenn ich an diesen Satz denke. Die Welt ist Text. Aber das wissen wir ja schon seit der Apokalypse: Rollt sich dort doch der Himmel auf „wie ein Buch“ (Apk 6, 14) und Gott selber bezeichnet sich nicht als – sagen wir: Frühjahr und Winter, sondern als „Alpha und Omega“, Anfang und Ende der Buchstaben (Apk 1, 8 u.ö.).

Was soll diese Geschichte auf einem Blog zum Thema „katholisch in Weimar“? Ich wurde gestern wieder an den Satz erinnert, als ich die Eröffnung der Ausstellung von kalligraphischen Werken eines unserer Gemeindemitglieder, nämlich Frau Gudrun Illert, in der Weimarer Kunsthalle besuchte.

Weimar, Kunsthalle Harry Graf Kessler, Vernissage zur Ausstellung „Linie – Form – Farbe – Struktur“ mit Werken von Gudrun Illert (eigenes Bild)

Sehr schöne Sachen – und alles, auch die scheinbar konkretesten Formen, sind abstrahierte Buchstaben. Wobei Gudrun Illert nicht nur Kandinsky-, Rilke- und Morgensterngedichte in für jeden Text eigens gefundenen Buchstaben zum Teil so verfremdet in Künstlerbüchern und Papierarbeiten festhält, daß die Betrachtenden zum langsamen und daher aufmerksamem Lesen gezwungen sind: Die Kontemplation der Worte ist in die Betrachtung der Schrift-Bilder integriert. Man nimmt Worte oder Verse dadurch ganz anders auf, liest auch zuweilen laut, während man sich die Schrift gemeinsam mit anderen Ausstellungsbesuchern erschließt.

Und Gudrun Illert schreibt zwischen den Zeilen. Einige ihrer Werke geben den Zwischenraum der Buchstaben wieder, das Negativ der Schrift, ein Kippbild der Verse: Inter-legere. Ein sehr schönes Œuvre und eine schöne Ausstellung, die am kommenden Wochenende mit der 7. „Buchkunst Weimar“ in der Weimarhalle mit einer großen Präsentation von Künstlerbüchern verschiedenster Maler und Grafiker ihre Fortsetzung findet.

Cornelie Becker-Lamers