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PuLa-Reloaded: “Die dunkelste und wagemutigste aller Grenzüberschreitungen”

Der folgende Text, ursprünglich veröffentlicht am 1. September 2011 (hier) wurde geschrieben, ganz in der Vorfreude auf den Papstbesuch wenige Tage später.
Inhaltlich gibt es, mehr als 10 Jahre später im Grunde nichts hinzuzufügen zu dem, was uns damals bereits ausgerechnet Slavoj Zizek, ein marxistisch inspirierter, postmoderner Philosoph bescheinigt hat: Lesen Sie es unten nochmal nach.

Eines hat sich allerdings seit damals dramatisch verändert. Der heutige Papst hat sich seit genau dem 16. Juli 2021 endlich auch offen dazu bekannt, daß er “traditionsverbundene Katholiken […] als eine zum Aussterben verurteilte Rand- und Resterscheinung” versteht, ja, daß er genau das herbeiführen will.

Das ist sehr traurig und wird seinem Andenken in der Geschichte der Päpste schweren Schaden zufügen, aber, und das ist viel wichtiger, er wird selbstverständlich Unrecht behalten. Beten wir für ihn, daß (um seinetwillen) rechtzeitig seine Augen geöffnet und sein Herz bewegt werden, gerade heute, an einem Tag, an dem wir auch seines großen heiligen Vorgängers Pius V. gedenken, der die Form der Messe kodifiziert hat, die sein Nachfolger leider nicht mehr in ihrem dauerhaften Wert zu erkennen vermag! 

Und bis dahin nehmen Sie doch das folgende auch als Ermutigung, den großen Chesterton wieder einmal zu lesen!

Enjoy: 🙂

“Die dunkelste und wagemutigste aller Grenzüberschreitungen”

„Der bekannte radikale Philosoph Slavoj Zizek weist seine Zuhörer regelmäßig darauf hin, daß es in unserem Zeitalter der ‚abgesegneten Grenzüberschreitungen‘ nichts gibt, das ganz so radikal ist wie das, was G.K. Chesterton die ‚aufregende Liebesgeschichte Orthodoxie‘ nannte. So wird in unserem trunkenen Zeitalter die Orthodoxie für Zizek (den kämpferischen Atheisten) wie für Chesterton (den traditionellen Katholiken) zur ‚dunkelsten und wagemutigsten aller Grenzüberschreitungen‘.“

So schrieb Ashley Woodiwiss schon 2005 in Christianity today (und es darf gerne jeder an meiner Übersetzung rummäkeln; wenn er denn bessere Vorschläge hat 🙂 , Originaltext unten)

Wer mit den Werken des großen Chesterton ein bißchen vertraut ist, weiß natürlich; „Orthodoxie“, das meint hier weder die orthodoxen Kirchen, noch im engeren Sinne die „rechte Lehre“, sondern das, was Chesterton selbst „den Glauben der Apostel“ (the creed of the apostles) nannte. Traditionelles christliches Denken und Handeln, Einstellungen und Lebensführung (was er, klar!, in der römischen Kirche und ihrer Lehre idealtypisch verwirklicht sah).

Für Woodiwiss war das der Aufhänger, um über die überaus interessante angelsächsische theologische Strömung der Radical Orthodoxy zu berichten (vgl. letzter Satz englisches Original); es lohnt sich sehr, den ganzen Artikel zu lesen!

PuLa hingegen möchte seine Leser bitten, sich das einen Moment auf der Zunge zergehen zu lassen: Da bescheinigt uns ein prominenter Vertreter der postmodernen Philosophie (über die man viel sagen kann, aber zeitgenössisch ist sie ganz gewiß) in ironischer Weise nichts weniger, als daß wir heute eigentlich die einzig Interessanten seien! Daß es eine mutige, nein, fast die mutigste Haltung ist, die man heutzutage einnehmen kann, z.B. die christliche Ehe zu verteidigen. Daß wir vor allem eines nicht sind: langweilig.

Langweilig sind nämlich die, die immer noch nicht verstanden haben, daß sich die Kämpfe wie die Versprechen der Moderne mittlerweile schlicht erledigt haben. Das (philosophische) Denken hat sich gewandelt und, siehe, nachdem der Staub sich verzogen hat ist das traditionelle Christentum noch da und sieht, gerade in den Augen etlicher Betrachter von außen, attraktiver aus, denn je.

Wer also immer noch in den Schützengräben der 60er Jahre steckengeblieben ist, egal auf welcher Seite: „Rauskommen!“ Da fällt schon lange der Schuß nicht mehr.

Und wer sich hat einreden lassen, als traditionsverbundener Christ und als Katholik ganz besonders sei man ja eigentlich eine zum Aussterben verurteilte Rand- und Resterscheinung: „Den Kopf hochnehmen!“ Dann sieht man besser. Unerwartete Verbündete, z.B.

Und mit Joseph Ratzinger/Benedikt XVI empfangen wir bald einen Papst, der intellektuell noch nie in diesen Gräben gestanden hat (weshalb ihn ja „Kritiker“, die ihm geistig nicht das Wasser reichen können, auch nicht einzuordnen vermögen, wie z.B. das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung). Hier in unserer „Diaspora“, wo manche am liebsten immer noch vor allem geistig in Ruhe gelassen werden wollen, dürfen wir ihn empfangen. „Aufwachen und mit-machen!“ Und mit-denken. Und zuversichtlich und treu nach Rom schauen.

Denn dann werden wir alle miteinander wie der Igel fröhlich sagen können: „Ich bin all hier!“

Und wenn jemand möchte, hier noch ein bißchen mehr Zizek (allerdings auch auf englisch).

Originaltext:

(As the popular radical philosopher Slavoj Zizek routinely points out to his audiences, in our age of ordained transgressions, there is nothing quite so radical as what G.K. Chesterton called the „thrilling romance of orthodoxy.“ Thus in our besotted age, orthodoxy becomes for Zizek (the fighting atheist) as for Chesterton (the traditionalist Catholic), „the most dark and daring of all transgressions. We ought not to be surprised then, that at the dawn of the 21st century a movement dubbed Radical Orthodoxy (RO) has emerged at the cutting-edge of theology and postmodern philosophy.“)

 

Gereon Lamers

4 Kommentare

  1. Steffi Engelstädter schrieb:

    Nicht erst am 16. Juli 2021 hat sich Papst Franziskus zu den ‚traditionsverbundenen Katholiken‘ geäußert. Im Apostolischen Schreiben EVANGELII GAUDIUM (24.November 2013) hat er unter dem Begriff ‚Nein zur spirituellen Weltlichkeit‘, Absatz 93. seine Meinung ausführlich dargestellt. Es lohnt sich, das Original zu lesen. An dieser Stelle ist eine Verkürzung geboten. Im Folgenden Zitate von Papst Franziskus in der von ihm gewählten Reihenfolge:
    Die traditionsverbundenen Katholiken neigen dazu „… sich letztlich einzig auf die eigenen Kräfte zu verlassen und sich den anderen überlegen zu fühlen, weil sie bestimmte Normen einhalten oder weil sie einem gewissen katholischen Stil der Vergangenheit unerschütterlich treu sind. Es ist eine vermeintliche oder disziplinarische Sicherheit, die Anlass gibt zu einem narzisstischen und autoritären Elitebewusstsein, welches (St.E.) … analysiert und bewertet und… die Energien im Kontrollieren verbraucht. …
    Diese bedrohliche Weltlichkeit zeigt sich in vielen Verhaltensweisen, die… denselben Anspruch erheben, den Raum der Kirche zu beherrschen…„. Auf diese Weise (St.E.) „ … verwandelt sich das Leben der Kirche in ein Museumsstück oder in ein Eigentum einiger weniger. … Das ist kein Eifer mehr für das Evangelium, sondern der unechte Genuss einer egozentrischen Selbstgefälligkeit“.
    Sicher wird Pula den geneigten Leserinnen und Lesern diese frühen Aussagen von Papst Franziskus nicht vorenthalten. Ich habe dann auch nichts mehr hinzuzufügen.
    St.Engelstädter

    Sonntag, 10. Oktober 2021 um 12:23 | Permalink
  2. Nein, in der Tat haben wir nicht vor, das zu unterdrücken, sehr geehrte Frau Engelstädter, ganz im Gegenteil.

    Es ist vielmehr sehr gut, wenn sich jede und jeder mit einer gewissen zeitlichen Tiefe vor Augen führen kann, wie unser derzeitiges Kirchenoberhaupt denkt und agiert.

    Demnächst mehr.

    Gereon Lamers

    Montag, 11. Oktober 2021 um 22:09 | Permalink
  3. Steffi Engelstädter schrieb:

    Mit Verlaub. Ihre Strategie ist durchschaubar. Nicht sehr souverän.

    Mittwoch, 20. Oktober 2021 um 14:34 | Permalink
  4. Wenn Sie mir erklären, was Sie (abgesehen von dem Ihnen eigenen habituellen rumpampen) eigentlich sagen wollen, sehr geehrte Frau Engelstädter, dann kann ich versuchen, Ihnen zu antworten.

    GL

    Mittwoch, 20. Oktober 2021 um 20:49 | Permalink

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