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„ … dann schafft du es in den sechs Wochen jetzt auch nicht mehr!“

Heute ist Gedenktag der Heiligen Elisabeth von Thüringen (1207-1231)

Nun ist der Gedenktag dieser ausgesprochen rasch (1235) heiliggesprochenen „Königin der Armen“ ja jedes Jahr. Und jedes Jahr wird er im Bistum Erfurt mit einem bischöflichen Empfang gebührend begangen. In diesem Jahr gab es aber etwas besonderes. Und aus diesem Anlaß ist ein Lied entstanden, dessen Komposition und vor allem dessen Dichtung ich seit dem Jubiläumsjahr 2007 vor mir hergeschoben hatte.

Der besondere Anlaß war die 100-Jahr-Feier der Elisabethschwestern, die sich am 3. Oktober 1919 in Weimar niedergelassen haben. Bereits im Januar hatte eine der Schwestern mir gemailt, daß sich zu einem noch näher zu definierenden Zeitpunkt (Messe? Festakt? Kulturprogramm am Nachmittag?) doch sicherlich ein „passender Beitrag“ der Cäcilini werde finden lassen?! Ich gab ihr Bescheid, daß ich nur meine eigene Arbeit zusagen könne, da man leider nicht wisse, was in einem Dreivierteljahr aus dem kleinen Vokalensemble werden und wie sich der Beginn der Herbstferien auf die Präsenz der Jugendlichen am Festtag selber auswirken würde, daß ich aber verspräche, mich nach Kräften zu bemühen.

Zur folgenden Probe teilte ich den Cäcilini einen Plan mit festen Vorhaben und möglichen Ideen für das laufende Jahr aus und schrieb den 3. Oktober in Fettdruck als feststehenden Termin ein. Es klappte! Alle Sängerinnen und Sänger waren da. Ja, wir bekamen sogar noch Zuwachs. So daß der befürchtete und für Weimar tatsächlich beschlossene bewegliche Ferientag am Freitag, 4. Oktober das Leben ‚nur noch‘ in Bezug auf die Suche nach InstrumentalistInnen schwer machte: Der 3. Oktober war zum ersten Ferientag verlängerter Herbstferien geworden.

Die Unsicherheit, in welchem Format ein kleiner Auftritt erfolgen sollte, machte den Kompositionsprozeß nicht eben leichter. Im Mai entwarf ich gemeinsam mit einer meiner Töchter ein kleines Singspiel, das aber aufgrund der tatsächlich nicht einfachen Lebensgestaltung Elisabeths eine konfliktreiche Grundstimmung atmete und den für einen Festakt unabdingbaren apotheotischen Charakter in Bezug auf die Heiligenfigur vermissen ließ.

So wurde das nichts.

Ich überlegte weiter.

Anfang Juli erteilte mir gesprächsweise dann auch unser Pfarrer den Auftrag, den 3. Oktober mitzugestalten und präzisierte den Zeitpunkt: Cäcilini und Blockflötenensemble sollten (in eigenmächtig zu bestimmenden Anteilen) mit vier kleinen Beiträgen die musikalische Umrahmung der drei größeren inhaltlichen Blöcke des Festaktes liefern. Das half mir, mich von dem Gedanken an ein Singspiel zu lösen und meine Überlegungen auf das Liedformat zu fokussieren.

Trotzdem ließ der zündende Funke auf sich warten.

Es wurde August und der 22. mit der ersten von sechs Chorproben bis zum Auftritt rückte näher. Ich hatte noch nicht ein einziges Lied geschrieben, dafür umso mehr in Büchern und zeitgenössischen Berichten herumstudiert, die ja zur Person der Elisabeth von Thüringen ausreichend überliefert sind. Ich kam mit dem Stoff nicht klar, und wenn man nicht weiß, was man sagen will, kommt auch nichts. Kein Text und keine Melodie.

Am 21. August befiel mich eine Panik, derer ich nicht mehr Herr wurde. Morgens um 8.00 Uhr griff ich zum Telefonhörer und rief einen soeben in den Ruhestand verabschiedeten Freund an, von dem ich wußte, daß er für einen anderen Komponisten bereits ‚auf dem kurzen Dienstwege‘ Verse zur Heiligen Elisabeth geliefert hatte. Außerdem ist dieser Freund ausgesprochen intelligent und gebildet, dazu freundlich und vor allem fromm.

Ich wußte, er würde mir helfen.

Zu meinem Unmut hörte ich den Anrufbeantworter und sprach ein paar wirre Sätze auf. Dann tigerte ich etwa zwei Stunden in der Wohnung umher und rief erneut an. Wenn er nur nicht verreist war! War er nicht: „Ich war zu spät am Telefon. Aber du hast ja dein Anliegen auf Band gesprochen. Da dachte ich, ich könne erst in Ruhe frühstücken.“ ‚Na, du hast Nerven‘, dachte ich und überschüttete ihn zwanzig Minuten ohne Punkt und Komma mit allen Problemen, die ich mit dem Elisabeth-Stoff hatte:

Dieser Selbstmord auf Raten durch die ewige Prügelei, den Schlafentzug und das wenige Essen … So ein Irrsinn! War es ihre Entscheidung, königlichen Geblüts zu sein? Oder hatte Gott sie an diese Stelle gestellt und sie mußte dort versuchen, die Welt ein Stückchen besser zu machen? Und was tut sie? Hungert sich herunter, läßt ihre Dienerinnen verprügeln (in der Bibel steht, man soll die andere Wange hinhalten und so weiter – schon klar! Aber nirgendwo steht, daß man andere durchprügeln soll, damit sie auch schön heilig werden!), haut möglichst alles Geld auf einmal raus und setzt sich in ihrem Hospital an den Spinnrocken. Das konnten auch andere! Und dieser Konrad von Marburg! Man darf nicht Hans Conrad Zander gelesen haben, wenn man auch nur halbwegs positiv von ihm denken möchte … die herbeigeführte Vereinsamung durch die Isolation von den Gefährtinnen ihrer Kindheit dürfte der finale Sargnagel gewesen sein. Aber wem nützte ihr früher Tod? Länger leben heißt, länger helfen können.

Ich holte Luft.

„Du brauchst ein Stück für einen Festakt?“ hub mein Gesprächspartner an. – „Ja“, knirschte ich. „Dann ist es“, sprach er weiter, „nicht günstig, all diese Probleme zu thematisieren. Und mit Verlaub: Wenn du seit zwölf Jahren darüber nachdenkst, dann schaffst du es in den sechs Wochen jetzt auch nicht mehr.“ Er machte eine Kunstpause, in der ich den Atem anhielt. „Aber sag mal … Elisabeth … sie trägt doch einen biblischen Namen. – Was heißt der überhaupt? Wie wäre es, wenn du über die verschiedenen Trägerinnen dieses Namens schriebest? Über ihr Verhältnis zu Gott? Ein Lied über die Mutter Johannes des Täufers, ein Lied zu der mittelalterlichen Heiligen und ein Lied über die Ankunft der Elisabethschwestern in Weimar.“ – „Was hat die biblische Elisabeth denn für ein Verhältnis zu Gott“, fragte ich etwas maulig. Die aufkeimende Hoffnung auf eine Lösung meines Problems war noch ein allzu zartes Pflänzchen. „Nun – ihre Freude an der Nähe Gottes zum Beispiel. Das hüpfende Kind in ihrem Leib …“

Ich begann, Land zu sehen, bedankte mich herzlich und wir verabschiedeten uns. Nachdem ich den Namen der biblischen Elisabeth entschlüsselt hatte, setzte ich mich ans Klavier. Der erste Teil des ersten Liedes entstand, auf einem Spaziergang formulierte sich der Rest des Liedes in meinem Kopf – und um 17.30 Uhr konnte ich in der WhatsApp-Gruppe der Cäcilini schon wie selbstverständlich zur Probe am Folgetag einladen und mit einem neuen Lied zum anstehenden Thema werben. Das war – dem fruchtbaren Austausch sei Dank – gerade nochmal gut gegangen! Aber so ist es: Wenn man weiß, was man sagen will, läuft es! Von Probe zu Probe entstanden die weiteren beiden Lieder, von denen ich dasjenige über die Heilige Elisabeth von Thüringen zum heutigen Tag für den YouTube-Kanal der Cäcilini zurecht gemacht habe. Wir wollen es Ihnen vorspielen. Hier ist es.

Enjoy! 🙂

Cornelie Becker-Lamers

2 Kommentare

  1. Walter Eichhorn schrieb:

    Ein wunderschönes Lied – der Thüringer berühmtesten und liebsten Heiligen, der Heiligen Elisabeth, sehr, sehr würdig! Es wird nun, da es zum wiederholten, einprägsamen Hören zur Verfügung steht, in manchem andächtigen Beter mitschwingen, der sich vor der Heiligen in der Herz-Jesu-Kirche Weimar, um ihrer Verdienste und ihrer Fürbitte willen, dankbar und ehrfürchtig verneigt. Dank sei Ihnen, Frau Dr. Becker-Lamers! Danke, liebe Cäcilini!
    Es bleibt zu hoffen, dass wir dieses schöne, anmutige, bewegende Kirchenlied in der Herz-Jesu-Kirche Weimar, in der es entstand und 2019 auch erstmals aufgeführt wurde, noch öfter zu hören bekommen werden; wenigstens zur jährlichen Wiederkehr der Heiligen Messe zu Ehren der Heiligen Elisabeth von Thüringen! Und es ist ein Weitersagen innerhalb unseres Bistums wünschenswert; denn weshalb sollten wir diese „hauseigene“ hohe Qualität der Erstellung berührender musikalischer Andacht und ihre Aufführung durch ein jugendliches Ensemble der Kirchenmusik – Wie viele gibt es davon in Thüringen? – nicht (endlich) weiterempfehlen…

    Walter Eichhorn am 22.11.2019.

    Freitag, 22. November 2019 um 21:36 | Permalink
  2. Cornelie schrieb:

    Lieber Herr Eichhorn! Herzlichen Dank!

    Freitag, 22. November 2019 um 23:01 | Permalink

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