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Das Weltkulturerbe

Das Weltkulturerbe

Ein Sketch für fünf Personen und beliebig viele – ja! leider:
Statisten auf der Straße

 

Wundersdorf/ Oderbruch. Am Vorabend des 11. November 2017. Durch die schmalen, aber durch Halteverbote geräumten Straßen des kleinen Städtchens wälzt sich, flankiert von Polizeiwagen mit Blaulicht am Straßenrand und vorneweg, ein gigantischer, jedoch gänzlich ’stummer‘ Laternenumzug von der katholischen Kirche Maria Hilf! zum Marktplatz mit der großen Marktkirche in der Innenstadt. Mit knapper Not schafft es Hanna am Zug vorbei in die nach dem berühmten Orgelbauer benannte Buchholz-Apotheke, in der die Mitarbeiterinnen bei offener Tür in der milden Herbstluft stehen und dem Umzug zusehen. Alle begrüßen sich höflich und Hanna stellt sich am Tresen an.

 

Die erste Mitarbeiterin (zu den andern): Irjendwie fehlt wat …

Die zweite Mitarbeiterin: Ick muß ooch sagen … die ham doch sonß jesungn?!

Die dritte Mitarbeiterin: „Wer reitet so spät durch Schnee und Wind“ …

Die erste: Neee – det is wat andret!

Die dritte (verteidigt sich): Na, so jing det doch! Die Jeschichte von den Heiljen uff dem Pferd!

Die zweite: Der denn sein’n Mantel teilt?

Die dritte (überzeugt): Jaaa!

Die erste: Und denn is am Schluß der Junge dot!

Die zweite: Welcher Junge?

Die erste: Na, der mit uff den Pferd sitzt – war det nich so?

Ein Kundin (mischt sich ein): Det kann nich sein! Heilje ham doch keene Kinder!

Die erste (unsicher): Damals ooch schon nich?

Die dritte: Außerdem – der hat doch den Bettler jeholfen, darum jing et doch!

Die zweite: Wie – der war ooch noch mit uff den Pferd?

Die dritte: Nee! Der saß ebm im Schnee … jloob ick … (sie winkt ab) Ick weeß nich mehr!

Die Kundin: „Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm“! Daran kann ick mich noch erinnern! Die Zeile hab ick immer jeliebt!

Die erste: Aber weil er nur noch den halben Mantel hat, stirbt der Junge trotzdem!

Die dritte: Furchbar!!! (Sie schließt die Tür.) Schon besser, det se de Kinder sowat nich mehr singn lassn!

Hanna (ergreift das Wort): Ich glaube, Sie haben da zwei Geschichten vermischt – das mit dem Heiligen geht eigentlich gut aus.

Die Kundin (seufzt): Tja! In Weimar müßte man wohnen!

Die erste: Wieso in Weimar?

Die Kundin: Na – da wissen die det bestimmt alle, wie det zusammhängt – is det Jedicht nich von Joethe?

Die zweite: Der Joethe hat wat über Heilje jeschriem? Wußt ick jar nich! Aber wenn Sie det sagen, wird’s schon stimmen! (Sie wendet sich Hanna zu): Was hätten Sie denn gern?

Hanna (einer plötzlichen Eingebung folgend): Ein Liederbuch!

 

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

 

Ja, so geht’s zu in Wundersdorf. Bloß gut, daß die Dame ganz recht hat und höchstwahrscheinlich zur Zeit in Weimar tatsächlich noch alle Leute den „Erlkönig“ von „Sankt Martin“ unterscheiden und beide Geschichten leidlich detailgetreu nacherzählen können.

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