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Am 31. Oktober 2017…

sitze ich nicht ab 15.00 Uhr in unserer Pfarrkirche, obwohl ich die Ausführenden des „Geistlichen Konzerts zum Reformationsjubiläum“, das dort stattfindet, überaus schätze und obwohl ich vor kurzem einem ganz wunderbaren Konzert des Landesjugendchors Thüringen lauschen durfte, das unter der Überschrift: „Lutherisches Jubelgeschrey“ (sic!) stand, was meine grundsätzliche Toleranz gegenüber Musik im Kontext der Reformation wohl hinlänglich unter Beweis stellen dürfte.
Nur daß jenes Konzert auf der Wartburg stattfand und nicht in einer katholischen Kirche, wo es für mein Empfinden an diesem Tag und mit diesem sozusagen gänzlich unökumenischen Programm (J. S. Bach ‚Clavierübung dritter Teil‘) nicht hingehörte, schon weil es in unserer religiös so erschreckend ungebildeten Gegend einmal mehr den falschen Eindruck von ‚Ist ja alles nicht mehr so verschieden‘ zu erwecken geeignet ist.Vor allem aber bleibt es dabei: Für Katholiken gibt es nichts zu feiern und deswegen ist jeder Bezug auf ein „Jubiläum“ eben deplaziert.

Am 31. Oktober 2017 ist das aber nicht mein vorherrschendes Empfinden, sondern das ist Erleichterung. Erleichterung darüber, daß der Tag nun endlich heran und bald vorbei ist, mit dessen Herannahen wir nun sage und schreibe zehn Jahre (!) traktiert worden sind. Freilich, Rückblicke werden uns mindestens den Rest dieses Jahres noch sattsam begleiten, aber aus reiner allseitiger Erschöpfung und den obwaltenden Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie dürfte jetzt bald doch wieder relative Ruhe herrschen.
Hier in Mitteldeutschland („Kernland der Reformation“…) war es zum Schluß wirklich nur noch schwer auszuhalten und sorgte nach meiner Beobachtung auch oder gerade bei überzeugten Protestanten für Irritation. Was soll man z.B. davon halten, wenn man am Weimarer Hauptbahnhof (ja, Weimar hat mehrere Bahnhöfe! 😉 ) mit dem schwer bepackten Fahrrad aus dem Aufzug kommt und gar nicht anders kann, als auf einer Silhouette ‚des Reformators‘ herum zu fahren und zu treten?

Weimar Hbf., Ausblick aus dem Aufzug zu den Gleisen (eigenes Bild)

Da wohl auszuschließen ist, daß heimliche Lutherhasser (am Ende gar die „calvinisch Rott“ aus einem der Musikstücke des Konzerts auf der Wartburg? 🙂 ) hier die Gelegenheit zu einer symbolischen Demütigung liefern wollten, muß man es wohl als ein weiteres Indiz werten für die weitestgehende Gedankenlosigkeit eines Marketinghype, der sich des Datums bemächtigt hatte. Man vergleiche dazu die Sensibilität in manchen jüdischen Kreisen, die die bekannten „Stolpersteine“ zum Gedenken an deportierte Juden im „Dritten Reich“ als Mißachtung des Angedenkens ablehnt, weil hier symbolisch auf Juden „herumgetrampelt“ werde.

Am 31. Oktober 2017 mag man es als ironischen Schlußpunkt werten, wenn der (protestantische) Kirchenhistoriker Volker Leppin ausgerechnet auf „katholisch.de“ mit sehr guten Gründen feststellt, der Thesenanschlag, für dessen Historizität es in letzter Zeit doch wieder Argumente gegeben zu haben schien, habe eben doch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht stattgefunden (hier). So etwas paßt jedenfalls zu einer weitgehend innerprotestantischen Debatte, die zuletzt immer unübersehbarer wurde und schließlich nur noch die Bezeichnung Kakophonie verdiente. Da erklärte der (ebenfalls protestantische) Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann das ganze Unternehmen kurzerhand für „vergeigt“. Schuld daran sei die Tatsache, daß es sich um das erste Reformationsjubiläum handele, daß nicht Professoren, sondern Kirchenbeamte geplant hätten. Der wohl prominenteste ‚Kirchenbeamte‘ der EKD, der hier ja gut bekannte Thies Gundlach keilte zurück, eben diese Professoren hätten in einer „grummeligen Meckerstimmung“ die Kirchenleitungen alleingelassen in ihrem Bemühen um eine Vergegenwärtigung Luthers.
Wieder andere Stimmen meinten, man solle sich doch über die erneute kulturprotestantische Aneignung aller möglichen schönen Dinge (Konzerte, renovierte Kirchen, neue Bücher…) freuen, jegliche Vergegenwärtigung sei doch ohnehin eine Chimäre (hier und hier).
Letzteres dokumentiert offenkundig eine Form geistlicher Selbstaufgabe, die man nur bedauern kann. Nun liegt mir wirklich nichts ferner, als etwa aus katholischer Provinzsicht so etwas wie eine Bilanz des Jahres (bis hierhin) oder gar der „Dekade“ zu versuchen. Das wäre nicht nur ein geradezu absurdes Sich-Überheben, nein, dieser Verzicht liegt vielmehr in der Natur dessen, was ich oben gesagt habe: Für ‚uns‘ gibt es nichts zu feiern, was eben auch heißt, es ist einfach nicht unsere Veranstaltung, sondern die der Protestanten und es ist dementsprechend auch zuerst an ihnen, sich über Verlauf und etwaigen Ertrag der ganzen aufwendigen Angelegenheit Rechenschaft zu geben.
Zudem gilt, die Tatsache, daß es nicht zu einer wie auch immer gearteten geistlichen Massenbewegung gekommen ist, ist alles andere als ein Grund zur Schadenfreude und das nicht nur, weil diese ohnehin kein edles Empfinden ist. Nein, denn wenn so etwas möglich gewesen wäre, hätte man zwar feststellen müssen, man fände die Richtung dieser Bewegung falsch – aber immerhin wäre deren Möglichkeit erwiesen worden. So hingegen, nach diesem so absolut erwartbaren Ausgang wird man getrost weiter davon ausgehen können, die DBK würde so etwas ganz ebensowenig bewirken können, wie es die EKD konnte.

Am 31. Oktober 2017 empfinde ich persönlich nichtsdestotrotz auch Dankbarkeit für diese 10 Jahre, weil sie mich, sogar dienstlich, ganz besonders 2017, zur verstärkten Beschäftigung mit und Reflexion über das Phänomen ‚Reformation‘ quasi gezwungen haben; ja, ich bedauere, nicht früher und intensiver damit angefangen zu haben, ist mir doch das Katholische mit dieser Beschäftigung nur stetig lieber und wertvoller geworden und ich habe noch besser begriffen, warum das so ist.
Dieser Prozeß dauert an und es würde heute abend viel zu weit führen, seine vielen Facetten auch nur anzudeuten. Stattdessen wird PuLa Ihnen demnächst im Kontext der Wirkungen der Reformation hier in Mitteldeutschland wieder einmal ein Stück echter historischer Aufklärung präsentieren (Merke: So verstandene Aufklärung hat nichts mit dem gleichnamigen ideologisch-historischen Konstrukt zu tun! 🙂 ) und erneut aufzeigen, wie in diesem Zusammenhang auch heutzutage noch apologetische Absicht historische Darstellung färbt, ja sogar offenkundig falsches behauptet; ‚close reading‘ ist wieder angesagt!

Gereon Lamers

 

PS: Stichwort Thies Gundlach: Haben Sie das verfolgt? Er ist jetzt der ‚Mann an ihrer Seite‘, an der Seite von Kathrin Göring-Eckardt nämlich (hier) und damit möglicherweise bald der „Lebenspartner“ (denn „natürlich“ waren beide vorher anderweitig verheiratet 🙁 ) einer Bundesministerin. Nicht, daß ich persönlich das für einen guten Einfluß halten könnte.

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