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„die zwei untrennbaren Schwerpunkte des einen Glaubens“

Es sind besondere Jahre, wenn – wie das gestern der Fall war – Karfreitag und Mariä Verkündigung auf denselben Tag fallen, den
25. März. Um nicht zu sagen: So ist es gedacht. Besagt doch die vorherrschende Theorie zur Festlegung dieser Daten, daß hier die antike Vorstellung einfloß, der perfekte Mensch sterbe am Tag seiner Geburt.

Sicherlich ist das Osterereignis das älteste der begangenen christlichen Feste. Da waren schließlich genügend Jüngerinnen und Jünger selber dabei. Unterm Kreuz, nach allem, was man liest, eher die Jüngerinnen. Denn es war nicht ungefährlich, zu einem verurteilten Verbrecher zu halten.

Bald aber wurde man sich bewußt, daß dieses Heilsgeschehen nicht ohne die Inkarnation Christi zu haben war. Die Fleischwerdung des Wortes aus der Mutter Maria ist die Grundlage all dessen, was folgt. Und wenn ich schreibe: „bald“, dann heißt das in dem Fall: wirklich bald, nämlich noch zur Zeit der Niederschrift der Evangelien.

Im „Geist der Liturgie“ (Freiburg: Herder ²2007) schreibt Joseph Ratzinger/ Benedikt XVI:

Im Johannesevangelium als der abschließenden Synthese des neutestamentlichen Glaubens steht die Inkarnationstheologie gleichrangig neben der Ostertheologie, oder besser: Inkarnationstheologie und Ostertheologie stehen nicht nebeneinander, sondern erscheinen als die zwei untrennbaren Schwerpunkte des einen Glaubens an Jesus Christus, den menschgewordenen Sohn Gottes und Erlöser. Kreuz und Auferstehung setzen die Inkarnation voraus. Nur weil wirklich der Sohn und in ihm Gott selbst ‚herabgestiegen ist‘ und ‚Fleisch angenommen hat aus Maria der Jungfrau‘, sind Tod und Auferstehung Jesu Ereignisse, die uns allen gleichzeitig sind und die uns alle berühren, uns aus der vom Tod gezeichneten Vergangenheit herausreißen und Gegenwart und Zukunft eröffnen. (S. 92)

Um nun einen Weihnachtsfestkreis liturgisch begründen zu können, nahm man – nicht die römische sol invictus-Feier, um sie christlich zu überformen. Ratzinger legt sich fest:

Die alten Theorien, der 25. Dezember sei in Rom im Gegensatz zum Mithras-Mythos oder auch als christliche Antwort auf den Kult der unbesiegten Sonne geformt worden, der von den römischen Kaisern im 3. Jahrhundert als Versuch einer neuen Reichsreligion gefördert wurde, lassen sich heute nicht mehr halten. (ebd. S. 93f.)

Was nicht heißt, daß man sich zur Berechnung der Geburt der neuen Sonne Jesus Christus so gar nicht nach der geschaffenen, der materiellen Sonne gerichtet hätte. Aber man nahm als Vorbild eben nicht die zyklische Wiederkehr langer Tage nach der Wintersonnenwende, sondern die einmalige Erschaffung der Sonne am vierten Schöpfungstag. Nicht Mariä Verkündigung wurde vom 25. Dezember nach vorne gezählt, sondern umgekehrt: Weihnachten feiern wir neun Monate nach dem 25. März. (Hier können wir ausnahmsweise mal nicht auf den entsprechenden wikipedia-Artikel verlinken, dort steht es nämlich bisher noch falsch.) Noch einmal Joseph Ratzinger:

Den Ausgangspunkt für die Festlegung von Christi Geburtstag bildet erstaunlicherweise das Datum des 25. März.“ (S. 93)

Inkarnation und Menschwerdung geschahen, als der Engel des Herrn Maria heimsuchte und ihr „fiat mihi secundum verbum tuum“ als Antwort zurückbrachte. Ganz folgerichtig wäre mir keine Krippendarstellung bzw. Anbetung der Könige bekannt, in der ein Kreuz an irgendwie prominenter Stelle in den Bildraum aufgenommen wäre. In den Verkündigungsbildern ist das Kreuz, das der winzige, in den Schoß seiner Mutter herabschwebende Christus geschultert hat, hingegen Standard: Grundlage für das Heilsgeschehen der Passion und Auferstehung ist die Inkarnation, die wir am 25. März begehen. Schwangerschaft und Geburt sind demgegenüber gewissermaßen reine Formsache.

Und so berechnete man aus der Schöpfungsgeschichte die Geburt der neuen Sonne Christus und ging offenbar ganz selbstverständlich davon aus, daß sein Todestag kein anderes Datum tragen könne. Ratzinger:

Soweit mir bekannt, findet sich die älteste Notiz darüber bei dem afrikanischen Kirchenschriftsteller Tertullian (ca. 150 – ca. 207), der es offenbar als eine bekannte Überlieferung voraussetzt, daß Christus am 25. März den Tod am Kreuz erlitten hatte. In Gallien wurde dieser Tag noch bis ins 6. Jahrhundert als unbewegliches Osterdatum festgehalten. (ebd.)

Man stelle sich vor: ein unbewegliches Osterdatum! Da sich aber inzwischen alle Feste der neuen Sonne nach dem Mond richten, kommt es meist zum Auseinanderfallen von Inkarnations- und Passionsdatum. Aber manchmal – wie dieses Jahr – klappt es. Zu Lasten freilich der Marienfeierlichkeiten, die heuer wieder weit weg vom eigentlichen Datum auf den Montag nach dem Weißen Sonntag geschoben werden – beinahe eine Garantie dafür, daß sie völlig unter den Tisch fallen: Sitzen an diesem Montagmorgen, dem 4. April, doch die Erstkommunionkinder in den Bänken und ziehen in der Regel alle Hinwendung des Priesters auf sich.

Aber letztendlich – was macht das? Der Verkündigung an Maria können wir bekanntlich jeden Tag dreimal gedenken: Um 6 Uhr, 12 Uhr und 18 Uhr im Angelus, dem Engel des Herrn.

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

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